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Ein heißer Tee. Eine tröstende Umarmung: „Das wird wieder ...“ Wie gut das tut, dass es Menschen gibt, die uns zuhören, wenn wir uns selbst nicht mehr hören können. Die uns auffangen, wenn wir nicht mehr glauben können, dass das Leben weitergeht. Solche Menschen schickt der Himmel. Wahrscheinlich haben sie „gehört, wie Jünger hören“, wie es im Predigttext heißt. Und dann sind sie selbst zu Boten Gottes geworden. Foto: Photocreo Bednarek

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Mit den Müden reden

Andacht

Von Mirjam Klein | 25. März 2018

Über den Predigttext zum Palmsonntag: Jesaja 50, 4-9

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Ein heißer Tee. Eine tröstende Umarmung: „Das wird wieder ...“ Wie gut das tut, dass es Menschen gibt, die uns zuhören, wenn wir uns selbst nicht mehr hören können. Die uns auffangen, wenn wir nicht mehr glauben können, dass das Leben weitergeht. Solche Menschen schickt der Himmel. Wahrscheinlich haben sie „gehört, wie Jünger hören“, wie es im Predigttext heißt. Und dann sind sie selbst zu Boten Gottes geworden. Foto: Photocreo Bednarek
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Mirjam Klein (31) ist Vikarin in der Evangelischen Kirchengemeinde Voerde in Ennepetal Foto: Hanna Lohmann.

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Predigttext
4 Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 5 Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. 6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. 7 Aber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. 8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! 9 Siehe, Gott der Herr hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.

Anna sitzt am Tisch. Ihr Gesicht ist ausdruckslos. Sie fühlt nur Leere. Das Schlimmste ist, dass sie sich nicht vorstellen kann, dass es wieder anders wird. Sie ist wie gelähmt und müde von ihrem eigenen Zustand. Ihre Hände wirken zerbrechlich. Sie sind dünn geworden. Sie isst kaum etwas. Warum auch. Sie erinnert sich nicht mehr, wie es sich anfühlt, fröhlich zu sein.
Ihre Mutter kommt zu ihr an den Tisch und stellt einen Teller Suppe vor sie hin. „Das wird wieder“, sagt sie. Ihre Stimme ist ruhig und klar. Ein Satz. Immer sagt sie diesen Satz. Unerschütterlich. Anna blickt hoch. Als sie antwortet, liegt Hoffnungslosigkeit in ihrer Stimme. „Ich kann mir das nicht vorstellen.“ Ihre Stimme zittert. Ihre Mutter schaut sie direkt an. „Ich weiß.“

Ein Satz, den man immer wieder hören kann

Aus Annas müden Augen laufen Tränen. Sie kann es sich einfach nicht vorstellen. Dafür fühlt es sich zu schlimm an. Irgendwann macht sie sich auf den Weg nach Hause. An der Tür nimmt Annas Mutter sie in den Arm und blickt sie noch einmal an. „Das wird wieder.“ Anna hört den Satz. Stumme Tränen wollen wieder fließen. Reden kann sie nicht. Noch oft hört sie ihre Mutter diesen Satz sagen.

Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. [...] Siehe, Gott der Herr hilft mir.
Viele Jahre später erinnert Anna sich. Sie hat gerade Tee gekocht und bringt ihn mit ins Wohnzimmer. Ihre Freundin sitzt auf dem Sofa und nimmt die Tasse entgegen. Die Beine an sich gezogen, sitzt sie unter der Decke. Sie umklammert die warme Tasse. Ihr Blick ist gesenkt. Sie spricht nicht, sitzt nur da. Anna lässt sie. Sie weiß, wie es ihrer Freundin geht. Sie spürt den Schmerz und die Angst. Sie weiß, wie es sich anfühlt. An der Tür nimmt sie ihre Freundin in den Arm und hält sie fest. Sie schaut sie an. „Das wird wieder.“ Ihre Stimme ist ruhig und klar. Unerschütterlich. Sie weiß, dass es anders wird. Irgendwann.

Heute kann Anna reden. Sie weiß, wovon sie spricht. Sie erinnert sich an ihre eigene Leere. Und an die Worte ihrer Mutter. Es war der stellvertretende Glaube ihrer Mutter, der ihr Kraft gegeben hat, als sie selbst keine hatte. Sie hat die unerschütterliche Stimme ihrer Mutter heute noch im Ohr. Sie hat ihre Müdigkeit gesehen. Sie hat sie angenommen und getragen. Und sie wusste mit Anna zu reden – unermüdlich. Es brauchte nicht viele Worte. Aber sie haben gewirkt, weil sie echt waren. Ihre Worte waren getragen von einem tiefen Vertrauen darauf, dass es besser wird – irgendwann.
An Palmsonntag erinnern wir uns an den Einzug Jesu in Jerusalem. Jesu Leben war geprägt von seinem Glauben. Er hat geredet mit denen, die müde waren. Er hat sie aufgerichtet. Seine Worte haben gewirkt. In ihnen lag sein tiefes Vertrauen in Gott. In diesem Vertrauen ist er nach Jerusalem gegangen. Er hat gebetet, dass dieser Kelch an ihm vorübergehen möge. Am Ende hatte Jesus Angst, vielleicht war er auch müde. In seiner tiefsten Klage wendet er sich an Gott. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Jesus klagt, weil er an den Gott glaubt, der hört und aufrichtet. Jesu Klagen waren echt. Auf Karfreitag folgt Ostern – auf Jesu Tod seine Auferweckung. Gott hat gehört. Und er hört bis heute.

Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.
„Das wird wieder.“ Annas Worte treffen ihre Freundin. Sie stehen fest wie ein Fels. Sie sind der Boden, den ihre Freundin gerade nicht hat. Lange war es Anna, die diesen Satz gehört hat. Heute ist sie es, die ihn sagt. Ihre Worte sind echt – und unerschütterlich.

Gebet: Gott, schenk uns dein Wort, wenn wir müde sind und uns die Kraft fehlt. Dein Wort wirkt, egal wo und durch wen wir es hören. Lass uns die Erfahrung machen, dass du uns aufrichtest. Und lass uns diese Erfahrung und das Vertrauen in dich weitergeben an die, die müde sind – zur rechten Zeit. Amen..

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