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„Kannst du denn noch Platt sprechen?“ – „Wenn ich mir ein bisschen Mühe gebe, dann soll das wohl klappen.“ Illustration: Robert Kneschke/UK

Is‘ das Holländisch?

Mundart

Von Annemarie Heibrock | 26. März 2018

Manche wissen gar nicht, was das ist – Plattdeutsch. Dass sich das ändert, dafür setzt sich die „Arbeitsgemeinschaft Plattdütsk in de Kerken“ ein. Sie wünscht: „Platt schöll nich unnergaun“

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„Kannst du denn noch Platt sprechen?“ – „Wenn ich mir ein bisschen Mühe gebe, dann soll das wohl klappen.“ Illustration: Robert Kneschke/UK

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„Gott up Platt – Wat schöll dat?“ Ja, was soll das eigentlich: Gott auf Platt? Das versteht doch keiner!
Das versteht keiner? Weit gefehlt. Bei der westfälischen Arbeitsgemeinschaft „Plattdütsk in de Kerken“ kann man staunen und sich eines Besseren belehren lassen: Um die 35 Frauen und Männer unterhalten sich hier ausschließlich auf Platt – Pasteuere un annere Leuie – Pastoren und andere Leute. Bei der jüngsten Sitzung im Kreiskirchenamt Herford zogen sie Bilanz ihrer Arbeit im vergangenen Jahr und bekeuerden (besprachen) ihre Pläne für 2018.  

Die sprachliche Tradition Westfalens erhalten

Ja, Platt lebt. Und es soll weiterleben. Das jedenfalls hofft Heinz Schlüter, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft. Ansporn für seinen Einsatz sind ihm Erlebnisse wie eines, das er kürzlich in Bielefeld hatte: Als sich der pensionierte Spenger Pfarrer dort mit einem Freund traf und die beiden wie immer seit ihrer Kindheit Platt miteinander „keuerden“ (also sprachen), hörte er ein paar junge Leute flüstern: „Ist das Holländisch?“ Über so viel Unwissenheit kann Schlüter nur den Kopf schütteln.

Zum Glück gibt es auch andere Leute, solche, die die sprachliche Tradition Westfalens noch kennen und sie erhalten wollen – etliche davon auch im kirchlichen Bereich. 126 Freunde und Unterstützer hat der Arbeitskreis, etwa 35 von ihnen sind intensiver engagiert – bei Veranstaltungen (im vergangenen Jahr waren es 65, davon 59 Gottesdienste) oder Buchprojekten (allein in jüngster Zeit sind zwei Bücher und eine CD erschienen). Jetzt ist ein Band mit plattdeutschen Texten zu den Sonn- und Feiertagen im Jahreslauf in Vorbereitung.

Den Terminkalender 2018 stellt Schriftführer Bernhard Hagemeier aus Nettelstedt beim Treffen in Herford vor: Bis jetzt gibt es 29 Einträge. Aber, so Hagemeier: „Dat häv sich oll weier overlievet“ – Das hat sich schon wieder überlebt. Es ist also noch mehr zu erwarten...

Auf jeden Fall übersteige die Zahl der Nachfragen nach plattdeutschen Predigten oft die Kapazitäten der Arbeitsgemeinschaft.Dabei zeige die Erfahrung, dass deutlich mehr Besucher kämen, wenn die Gottesdienste gemeinsam mit Heimatvereinen, Feuerwehren oder Schützenvereinen organisiert würden. Allerdings bedeuteten solche Veranstaltungen, so erfreulich der Zuspruch auch sei, oft eine Gratwanderung zwischen Volkstümlichkeit und Verkündigung, sagt Hagemeier. Und Letztere solle ja schließlich im Vordergrund stehen.

Auf die in ihrem Faltblatt  selbstgestellte Frage „Gott up Platt – Wat schöll dat?“ antwortet die Arbeitsgemeinschaft ganz klar: Mit den Menschen, zu deren Alltag Plattdeutsch noch ganz selbstverständlich dazugehöre, will sie von Gott und mit Gott sprechen – und zwar in deren Sprache.

Auf „Platt“ neue Zugänge zum Glauben finden

Auch, wer Platt „nur“ verstehe, könne in plattdeutscher Verkündigung neue Zugänge zum Glauben gewinnen, heißt es. Zum Beispiel beim nächsten „Plattdeutschen Aktionstag“ am 5. Mai in Stemwede. Auf – allerdings ostfriesisch – Platt predigen wird der westfälische Altpräses Alfred Buß; Gast ist außerdem der Moderator und Entertainer Yared Dibaba, der sagt: „Platt – fo alle wat“ (Platt – für alle was).
Seit 1980 existiert die Arbeitsgemeinschaft. Die beiden Urheber, Wolfgang Meyn und Wilhelm Dullweber, sind noch immer aktiv dabei. Plattdeutsch ist für die Pastoren Herzenssache. Meyn hat seine Wurzeln in Norddeutschland, Dullweber in Espelkamp-Frotheim. Dort hat er die Sprache in der elterlichen Schneiderwerkstatt gelernt. Es war die erste Sprache des „lüttchen Dulli“. Kein Wunder, dass das prägt – lebenslang.

Das sagt auch Annegret Sudwischer, die in einem Vorort von Minden groß geworden ist. Sie hat die Sprache ihrer Kindheit als Erwachsene wiederentdeckt. Was sie besonders schätzt: „Dass man viel klarer und ehrlicher sprechen kann – ohne dass einem gleich irgendwas übel genommen wird...“ Darum wünscht auch sie: Platt Platt schöll nich unnergaun. Platt soll nicht untergehen.

Kontakt: Arbeitsgemeinschaft Plattdütsk in de Kerken in der Evangelischen Kirche von Westfalen, Heinz Schlüter, Spenge, Telefon (0 52 25) 8 63 33 55; E-Mail: HzSchlueter@t-online.de. Dort sind auch Buch und CD „Dat graute Geschenk. Froie di up Wiehnachten“  erhältlich.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 28. März 2018, 18:19 Uhr


Ganz gewiss. Die Mundart des Plattdeutschen ist begeisernswert. Viele Nuancen lassen sich nicht übersetzen.
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