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Bereitschaft zur Versöhnung auf der einen Seite, nach und nach Bekenntnis von Schuld und Mitverantwortung auf der anderen: Es ist fast ein Wunder, dass jüdisches Leben in Deutschland wieder fest verankert ist. Foto: epd

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Ein Wunder. Und ein Segen

Versöhnung

Aus der Printausgabe - UK 11 / 2018

Von Annemarie Heibrock | 12. März 2018

Was 1945 kaum vorstellbar erschien: Christen und Juden leben in Deutschland wieder in guter Gemeinschaft. Ein Beitrag zur „Woche der Brüderlichkeit“

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Bereitschaft zur Versöhnung auf der einen Seite, nach und nach Bekenntnis von Schuld und Mitverantwortung auf der anderen: Es ist fast ein Wunder, dass jüdisches Leben in Deutschland wieder fest verankert ist. Foto: epd

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Peter Maffay? – Ja, Peter Maffay! Manch einer mag sich verwundert die Augen gerieben haben, als vor zehn Monaten bekannt gegeben wurde, wer in diesem Jahr die Buber-Rosenzweig-Medaille erhält: der 68-jährige Sänger und Komponist Peter Maffay.

Wissenschaftler haben den Preis bekommen, Politiker, Theologen – aber ein Popmusiker? Das ist neu. Maffay, so heißt es in der Begründung, werde „für sein entschiedenes Eintreten gegen antisemitische und rassistische Tendenzen in Politik, Gesellschaft und Kultur“ ausgezeichnet. Er habe „im Dialog der Kulturen und Religionen mit unbequemen Fragen bequem gewordene Antworten erschüttert und damit wichtige Anstöße gegeben“.

Es ist der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, der die Buber-Rosenzweig-Medaille jährlich im März zum Auftakt der „Woche der Brüderlichkeit“ verleiht. Er ehrt damit Personen, Institutionen oder Initiativen, die sich in besonderer Weise für die Verständigung zwischen Christen und Juden einsetzen.

Zigfach haben die Christlich-Jüdischen Gesellschaften den Preis vergeben. Verdient hätten sie ihn eigentlich selbst. Denn ihre eigene Geschichte zählt zu den großen historischen Überraschungen und zu den herausragenden Beweisen menschlicher Größe: Nur drei Jahre nach Ende des Holocausts – der „Shoah“, wie Juden sagen –, nur drei Jahre nach dem millionenfachen Morden an den europäischen Juden fanden sich überlebende Jüdinnen und Juden, die einen Neuanfang wagen wollten im Zusammenleben mit Christinnen und Christen. Am 9. Juli 1948, vor fast 70 Jahren also, gründete sich in München die erste Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Deutschland. Etliche andere folgten.

Was damals geschah, ist und bleibt beispiellos angesichts der Verbrechen, angesichts des Leids, das nicht-jüdische Deutsche über ihre Landsleute gebracht hatten. Ein Wunder, das nur geschehen konnte, weil einzelne mutige und anständige Menschen bewegt waren von der Idee, dem Hass nicht das letzte Wort zu überlassen.

Diese Menschen legten damals den Grundstein für eine erfolgreiche und produktive Zusammenarbeit. Juden und Christen sind sich seither überall in Deutschland näher gekommen: Juden waren bereit zur Versöhnung, Christen haben nach und nach ihre Mitverantwortung am Antisemitismus und an der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik bekannt und manche überkommene theologische Position überdacht und auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen.

Was für ein Segen! Welch eine gute Nachricht! Eine, die sonst bedauerlicherweise kaum Beachtung findet. Denn leider kommen Juden in den Medien zumeist nur dann vor, wenn es mal wieder (wie leider viel zu häufig) um antisemitische Straftaten geht. Dabei gäbe es soviel Gutes zu berichten...

Wer weiß, vielleicht lenkt der populäre Preisträger Peter Maffay das Interesse in diesem Jahr auch darauf, was die Christlich-Jüdischen Gesellschaften sonst noch so tun. Zu wünschen wäre es.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 12. März 2018, 19:27 Uhr


«Angst überwinden - Brücken bauen».
Der Sänger hat meine Hochachtung.
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