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Sind sie geraten, die Trauben? Nach all der Arbeit, die der Gärtner hineingesteckt hat? Im Predigttext dieses Sonntags ist der Weinbergbesitzer – Gott – gar nicht zufrieden mit der Ernte. Und das lässt er seinen Weinberg – sein Volk – auch deutlich wissen. Zornig benennt er, was falsch läuft: Rechtsbruch statt Rechtsspruch! Damit sich das ändert, braucht es Menschen, die genauso deutlich auf Ungerechtigkeit, Lüge und Gewalt hinweisen, wie Gott es tut. Foto: jessmine

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Gottes kritischer Blick

Andacht

Von Verena Schmidt | 25. Februar 2018

Über den Predigttext zum Sonntag Reminiscere: Jesaja 5, 1-7

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Sind sie geraten, die Trauben? Nach all der Arbeit, die der Gärtner hineingesteckt hat? Im Predigttext dieses Sonntags ist der Weinbergbesitzer – Gott – gar nicht zufrieden mit der Ernte. Und das lässt er seinen Weinberg – sein Volk – auch deutlich wissen. Zornig benennt er, was falsch läuft: Rechtsbruch statt Rechtsspruch! Damit sich das ändert, braucht es Menschen, die genauso deutlich auf Ungerechtigkeit, Lüge und Gewalt hinweisen, wie Gott es tut. Foto: jessmine
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Verena Schmidt (53) ist Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Hagen.

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Predigttext
1 Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. 3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? 5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. (...) 7 Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Wir sind wieder nüchtern. Nach der närrischen Zeit sollen wir jetzt  „7 Wochen ohne...“ leben. Was als kleine Aktion begann, hat sich auf gute Weise ökumenisch verbreitet. Dabei geht es nicht nur um den Verzicht auf Süßigkeiten, das Glas Wein am Abend, aufs Fernsehgucken, oder Shoppen. Es geht dabei auch ums Entdecken, darum, im veränderten Blickwinkel etwas neu oder wieder zu betrachten.

Das Motto der diesjährigen EKD-Aktion: „Zeig dich! 7 Wochen ohne Kneifen“. Als hätte es der Schreiber unseres Textes gewusst. Denn er kneift ganz und gar nicht. Er lässt all seiner Enttäuschung und Wut freien Lauf. Denn da ist am Ende gar nichts so, wie es sein soll.

Dabei fängt alles ganz harmlos an. Ein Mann hat einen Weinberg gekauft und singt dazu ein scheinbar fröhliches Trinklied, so wie in der Erntezeit oder in der Karnevalszeit üblich. Er hat an alles gedacht. Er hat seinen Weinberg liebevoll gepflegt und erwartet eine gute Ernte. Doch es folgt eine riesige Enttäuschung. Statt süßer Früchte, statt reicher Ernte – ein totaler Misserfolg.

Dieser Weinberg war ihm eine Herzensangelegenheit. Doch sein Einsatz und seine Liebesmühe sind gründlich enttäuscht worden. Das kennen wir: Wir rackern uns vergeblich ab, alle Anstrengungen bleiben erfolglos. Im Beruf, bei der Kindererziehung, in der Liebe. Hinzu kommen die Momente, in denen unser Selbstwertgefühl durch Schweigen und Liebesentzug, durch den Abbruch der Kommunikation ins Wanken gerät. Wie viel Enttäuschung, Zorn und Hilflosigkeit machen sich da in uns breit.

Unser Weinberglied, das so harmlos begann, ist am Ende kein fröhliches und hat auch kein Happyend. Es singt von Liebe, Enttäuschung, Wut und Verzweiflung. Erfahrungen und Gefühlen, die uns vertraut sind.
Doch wer singt hier?

Es ist jemand, der uns ganz nahe ist. Gefühlvoll, berührbar. Es ist Gott selbst, der durch den Propheten seinen Gefühlen freien Lauf lässt. Hier spricht einer, der unser Schweigen, unser ungerechtes Handeln und Reden nicht erträgt. Einer, der für das Dilemma keine Lösung weiß, es aber gerade deshalb zur Sprache bringt. Er kneift nicht, er klagt und klagt an. Fürsorglich und liebevoll hat er sich den Menschen zugewandt. Doch statt ihm nachzufolgen, statt Gerechtigkeit zu üben, folgt Schlechtigkeit, statt Recht zu sprechen, erfolgt Rechtsbruch. Was soll er tun? Und wohin mit seiner Wut?

Hier spricht Gott, der uns auf diese Art und Weise nicht sehr vertraut ist. Gott, der „Liebhaber des Lebens“, der doch stets Gnade walten lässt und Liebe übt, bekennt hier, dass er mit seinem Latein am Ende ist. Und gerade damit kommt er uns so nah.
Rechtsspruch und Gerechtigkeit – Themen, die uns ebenfalls nahe sind: Arbeitsbedingungen, die noch zulassen, dass Menschen unter dem Mindestlohn bezahlt werden. Legal, aber nicht zwangsläufig gerecht. Menschen, die lange Jahre bei uns leben, aber nicht sicher sind, ob sie das Recht haben, zu bleiben. Staatsführer, die menschenverachtende Statements in die Welt setzen und nicht dazu stehen. Fake News überall. Kein Phänomen der Neuzeit. Aber eines, das sich durch moderne Machtverhältnisse verschärft.

Ich warte auf Rechtsspruch und Gerechtigkeit, sagt Gott. Zeig dich! Kneife nicht! Sieben Wochen die Augen und den Mund aufmachen. Sei es auch sonst nicht mein Stil, sei es unangenehm und schwierig. Gott braucht Menschen, die seinem befreienden Wort Raum geben. Lassen wir uns von der Leidenschaftlichkeit und Offenheit Gottes mitreißen! Dann gibt es Hoffnung, und Gottes Gnade wird nicht von uns weichen.

Gebet: Manchmal muss ich den Riss einfach aushalten. Den Riss zwischen dir, Gott, und mir, den Riss in mir selbst, zwischen der Welt, wie ich sie gerne hätte und wie sie ist, zwischen Liebe und Resignation, zwischen Festhalten und Aufgeben. Und dann hoffen, dass deine Liebe der Kitt ist, der diese Risse heilt. Amen.

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Leser-Kommentare öffnen

Pierre Viret, 27. Februar 2018, 8:26 Uhr


Jetzt soll ich noch nicht einmal in dem großartigen Weinberglied Gottes Stimme mehr hören? Sondern meine Psyche. Dass die Psyche sich als derart lebendiges Gegenüber aufspielt und dass ich mich selbst als Gottes Volk verstehe - das ist schon erstaunlich!
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