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Acht Jahre ihres Lebens hat Andrea in einem Gefängnis verbracht. In dieser Zeit hat sie eine wertvolle Entwicklung durchgemacht. Foto: M.studio

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Leben mit der Schuld

Zwischen Himmel und Hölle (I)

Aus der Printausgabe - UK 08 / 2018

Von Karin Ilgenfritz | 18. Februar 2018

14 Jahre war Andrea verheiratet. Die Ehe war eine Qual, der sie nicht entfliehen konnte. Am Ende hat sie ihren Mann erschlagen. Ein Buch erzählt ihre Geschichte

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Acht Jahre ihres Lebens hat Andrea in einem Gefängnis verbracht. In dieser Zeit hat sie eine wertvolle Entwicklung durchgemacht. Foto: M.studio
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Unsere siebenteilige Serie mit persönlichen Geschichten zu den sieben letzten Worten Jesu beginnt mit einer Geschichte zu „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lukas 23,34).

Gesenkter Kopf. Die Hände im Schoß. Leise antwortet sie auf die Fragen des Gerichts. So sitzt An­drea im Gerichtssaal. Jahrelang wurde sie von ihrem Mann gedemütigt, beschimpft, sexuell ausgebeutet. Bis sie sich nicht anders zu helfen wusste. Und ihn erschlagen hat.

„Ihre Geschichte hat mich bereits im Gerichtssaal berührt”, sagt Brigitte Biermann, die viele Jahre als Gerichtsberichterstatterin für eine Frauenzeitschrift gearbeitet hat.
Für Brigitte Biermann war schnell klar: Diese Geschichte möchte sie zu Papier bringen und ein Buch daraus machen. Andrea war einverstanden. Andrea heißt übrigens nur in dem Buch so, in Wirklichkeit trägt sie einen anderen Namen. Doch die Journalistin hat ihr Anonymität versprochen. „Abgesehen von den Namen der Beteiligten im Buch stimmt alles andere.“

Als Brigitte Biermann von der UK-Serie hört und dem Jesu-Wort, das dieser Geschichte zugeordnet ist („Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“) – sagt sie: „Das passt genau auf Andrea.“ In dem Buch, das in diesen Tagen auf den Markt kommt, schildert Andrea ihr Leben, ihre Gedanken. Sie schreibt an ihre Tochter Julia, die im Grundschulalter war, als ihre Mutter ins Gefängnis musste.
Andrea war keine selbstbewusste Frau. Als sich ihr Mann Jochen damals für sie interessiert, kann sie kaum fassen, dass so ein gutaussehender Mann sie zur Partnerin haben möchte. Sie heiraten, renovieren ein altes Haus und gründen eine Familie. Schon früh beginnt Andrea unter ihrem Mann zu leiden. Sie hat zwei Fehlgeburten, weil ihr Mann keine Rücksicht auf die Schwangerschaft nimmt. Schließlich bekommt sie doch noch eine gesunde Tochter.

Immer wieder hat sie versucht, sich zu trennen

Ihr Mann betrachtete sie als Leibeigene. Im Buch schildert sie eine Situation:
Jochen wollte Sex, und ich hatte keinen Bock, die Reizwäsche anzuziehen, hab gesagt, sie sei in der Wäsche und was an einem Trägerhemd, BH und Slip, wie andere Frauen sie auch tragen, so schlimm sei. Da brüllte er los, ich wisse genau, was ihn anmacht, dann soll ich eben so viel von der Wäsche kaufen, in der er mich sehen will, dass auch mal was gewaschen werden kann, und dann riss er meinen Schrank auf und warf den Inhalt die Treppe runter, BHs und Slips, Hemden und Socken, T-Shirts, Nachthemden, Jeans … Als ich den Kram einsammeln wollte, befahl er: „Das kannst du nachher machen, erst will ich Sex!“ Packte mich und schmiss mich aufs Bett. Danach räumte ich bis Mitternacht meinen Schrank wieder ein.

Mehrmals hat Andrea versucht, sich von ihm zu trennen. Hat die Scheidung eingereicht. Anfangs beschwor er sie, die Scheidung zurückzuziehen, bettelte um Verzeihung und versprach, sich zu ändern. Dann wurde Andrea schwach, wollte ihm glauben und versuchte es nochmal mit ihm. Später drohte er ihr, er werde sie und Tochter Julia überall finden, nirgends seien sie sicher vor ihm. So fand Andrea keine Kraft, die Scheidung durchzuziehen. 14 Jahre lang hielt sie all das aus.
Eines Tages gab es eine Situation, in der Jochen völlig die Nerven verlor. Andrea berichtet:

Dabei fuchtelte er mit einem Messer vor meiner Nase rum, warf eine Flasche nach mir und führte sich auf wie das wütende Rumpelstilzchen. Plötzlich stürzte er in den Schuppen, kam mit der Kettensäge wieder, ließ den Motor aufheulen und brüllte mich an. (...) Als ich heulend das Telefonat beendet hatte, riss mir Jochen das Handy aus der Hand und schmiss es in die Ecke. Und noch bevor ich einen Ton des Entsetzens herausbringen konnte, köpfte die Säge mit dumpfem Jaulen meine Calla, die gerade eine wunderschöne rote Blüte hervorgebracht hatte, er fegte den Topf mit dem Calla-Stumpf vom Blumenständer, zersägte das hohe, zierliche Möbel, das splitternd zu Boden fiel. Auf der Erde ein Haufen Blätter, Erde, Holz, und als ich endlich schreien konnte, brüllte er zurück: „Halts Maul, sonst bist du als Nächstes dran!“ Dabei fuchtelte er mit der laufenden Säge vor mir rum, und als ich abhauen wollte, packte er mich am Oberarm. Dann der übliche Befehl: „Los, wir baden jetzt.“

Sie muss ihm gefügig sein. Was danach geschah, ist ihr heute unerklärlich. Doch damals ...

Nach dem Sex mit ihr war er eingeschlafen. Andrea sieht das Chaos im Haus, die Spuren der Zerstörung. Das Messer, die Kettensäge. Sie fühlt sich wie ferngesteuert. Was, wenn sie ihm eines Tages nicht mehr genügt und er entdeckt, dass die Tochter ... Nein. Sie will nicht weiterdenken. Sie geht durchs Zimmer. Ihr Blick fällt auf den Vorschlaghammer unter der Treppe. Sie nimmt ihn. Und erschlägt ihren Mann. Anschließend geht sie wie in Trance zum Telefon. Sie wählt die 110 und sagt:

Ich habe meinen Mann umgebracht. Können Sie es bitte so einrichten, ohne Blaulicht zu kommen? Ich möchte nicht, dass das ganze Viertel geweckt wird.

Andrea bereut ihre Tat. Nach Jahren im Gefängnis kann sie manchmal selbst nicht glauben, was damals geschehen ist:

Heute blicke ich fassungslos zurück. Diese Frau soll ich gewesen sein? Ich hätte dich, Julia, mein Liebstes, nehmen und gehen sollen, hätte überall Hilfe gefunden! Wie naiv war ich denn? Und wie duldungsstarr?

Brigitte Biermann hat damals die Gerichtsverhandlungen verfolgt. „Totschlag wird mit einer Freiheitsstrafe zwischen fünf und 15 Jahren geahndet. Andrea hat zwölf Jahre bekommen. Das war eine hohe Strafe.“ Beeindruckend war für die Autorin, welche Entwicklung Andrea durchgemacht hat. „Sich hat im Gefängnis den aufrechten Gang gelernt und ist selbstbewusst geworden.“

Das heißt nicht, dass sie sich ihrer Schuld nicht bewusst war. Einmal beschreibt Andrea ein Erlebnis:

In der U-Haft besuchte mich mal ein Pfarrer. Ein rundlicher, gemütlich wirkender Mann, nicht viel größer als ich. Er reichte mir seine Hand, und ich zögerte, ihm meine zu geben. Er sah mich mit seinen hellen Augen fragend an, und ich stammelte: „Niemand wird mir die Hand geben wollen, wenn er erfährt, was ich getan habe.”
Er griff mit beiden Händen nach meiner Rechten: „Gott sieht in jedes Herz, auch in Ihres. Er hat Ihre Not gesehen, er wird Ihnen verzeihen. Jeder Mensch kann in eine Lage kommen, aus der er keinen Ausweg mehr zu finden glaubt. Auch ich befand mich schon einmal in einer scheinbar aussichtslosen Situation.”
„Und was haben Sie getan?”
„Ich habe eine Tischplatte zerschlagen.“
Auch wenn ich mir nicht vorstellen konnte, wie er das mit diesen weichen Händen geschafft haben mochte, seine Worte haben mir unendlich gutgetan.

„Andrea wuchs mit dem christlichen Glauben auf“, weiß Brigitte Biermann. Der Vater arbeitete aktiv in der Kirchengemeinde mit. Andrea besuchte in der Justizvollzugsanstalt auch gelegentlich die Gottesdienste. „Sie sagte, das sei eine Abwechslung gewesen. Außerdem gaben sie ihr Kraft.“ Andrea berichtet einmal allerdings auch von einem aufwühlenden Gottesdienstbesuch:

Heute war die evangelische Pastorin da. Sie las aus dem Markus-Kapitel 4 die Verse 26–29, da geht es um das Wachsen der Saat: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen in die Erde wirft und dann schläft und aufsteht, und der Same geht ohne sein Zutun auf, und plötzlich steht der Weizen da, dann schickt der Herr die Sichel zum Ernten. (...)

Das leuchtete mir ein. Und es machte mir wieder Hoffnung, dass ich dir, meine Julia, wenigstens in den ersten Jahren deines jungen Lebens all meine Liebe gegeben habe und dass das hoffentlich ein gutes Samenkorn gewesen ist. (...)
Irgendwie hat mich diese Predigt verwirrt und aufgewühlt. Erst das gemeinsame Singen tat mir gut. Und ganz ruhig wurde ich beim Gemurmel des Vaterunser. Aber jedes Mal, wenn ich die Stelle still für mich bete, sie höre oder mitspreche, würgt mir ein Kloß im Hals: „Und vergib uns unsere Schuld …“

Wie soll das aussehen, wenn Gott mir vergibt? Kann mir wirklich vergeben werden? Und wenn – werde ich irgendwann etwas davon merken? Oder verblasst sie nur, meine Schuld?
Kann Andrea heute mit der Schuld leben? Brigitte Biermann hat den Eindruck, dass Andrea damit klarkommt. „Aber ich kann nicht in ihre Seele blicken. Sie spricht nicht gern darüber, will in die Zukunft blicken.“

Nach acht Jahren hiner Gittern wurde sie vorzeitig in die Freiheit entlassen. Heute lebt sie wieder mit einem Partner zusammen. Ihre Tochter Julia hat Abitur gemacht und eine Lehre begonnen. „Das Verhältnis zu ihr scheint gut zu sein“, sagt die Autorin, die sie nach der Knast-Zeit zu Hause besucht hat.

Brigitte Biermann interessiert sich für Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. „An dieser Geschichte war mir wichtig zu erzählen, dass eine Zeit im Gefängnis nicht immer bedeuten muss, dass jemand gebrochen ist“, sagt sie. Außerdem sollte man vorsichtig sein mit einem schnellen Urteil über andere. „Gerade der Fall von Andrea hat mich gelehrt, dass jeder Mensch in eine Situation kommen kann, wo er zu Unglaublichem fähig ist.“

Brigitte Biermann: Ums Leben gebracht oder Der Terror in meiner Ehe. Patmos Verlag, 224 Seiten, 20 Euro.

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Leser-Kommentare öffnen

Atlantica, 19. Februar 2018, 19:50 Uhr


Da hat Frau Ilgenfritz einen interessanten Beitrag zum Thema Schuld verfasst. Wobei der Bezug zum Oberthema "Himmel und Hölle" irreführend ist: es geht nicht um "die Hölle", sondern um die Frage nach der Schuld.

Im ersten Semester Jura legte man uns in einer AG den Fall einer italienischen Frau vor, die wiederholt von ihrem Mann ans Bett gefesselt und vergewaltigt worden war. Sie war tiefgläubig und dachte jahrelang, sie sei moralisch verpflichtet, diese Tortur auszuhalten. In beiden Fällen stellt sich mir die Frage nach der Schuld. Ich schätze den Berufsstand der Juristen, besonders von Richtern, sehr. Doch hier habe ich in beiden Fällen Zweifel an der Schuld der Frauen: In dem neueren hier dargestellten Fall hielt die Täterin für möglich, dass ihr Mann sich an ihrer Tochter vergreifen könnte. Hier könnte ein sogenannter Erlaubnistatbestands-Irrtum und/oder Notwehr vorliegen, der eine strafrechtliche Zurechnung ausschließen kann. Warum sie dennoch zwölf Jahre bekam, ist mir nicht ganz klar. In beiden Fällen scheint mir die Schuldfähigkeit betroffen zu sein. Aber es mag juristisch korrekt sein, dass schuldfähig auch der momentan im Affekt Handelnde ist. Außerjuristisch ethisch betrachtet halte ich beide Frauen für unschuldig.
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Alwite, 20. Februar 2018, 14:26 Uhr


Kain erschlug Abel - steht am Anfang unserer Menschwerdung - Wenn jemand Fälle wie diesen aufgreift, hat er sein Leserpublikum, dessen kann er sich sicher sein. Das Recht zu diskutieren ist hier kaum beabsichtigt. Wir erinnern an Gunnar Möller oder Ingrid van Bergen. Wenn die Autorin dazu beitragen will, derart schuldig gewordenen Menschen wieder zu leben zu verhelfen, hat sie recht.

Atlantica, 21. Februar 2018, 21:54 Uhr


Liebe Alwite, deinen Gedankengang kann ich hier absolut nicht nachvollziehen: die Tat des Kain war ein grausamer Mord, aus Enttäuschung und diabolischem Neid begangen. - Was hat das mit Notwehr gegen Vergewaltigung zu tun?

Alwite, 22. Februar 2018, 6:47 Uhr


Lieber Atlantica, bei Kain und Abel wie im angeführten Fall, wird Mord und Todschlag zum irrenden Ausweg der eigenen Falle.
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