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6000 Menschen haben sich vor einigen Jahren als ein „menschliches“ „Peace-Zeichen“ aufgestellt. Foto: Rebecca Eschler/Wikipedia

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Ein bisschen Frieden

Symbole

Aus der Printausgabe - UK 08 / 2018

Von Joachim Heinz | 21. Februar 2018

Die weiße Taube, die Regenbogen-Flagge und der Ölzweig – alles Symbole für den Frieden. Ebenso das „Peace-Zeichen“ – vor 60 Jahren erfand es der britische Grafiker Gerald Holtom

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6000 Menschen haben sich vor einigen Jahren als ein „menschliches“ „Peace-Zeichen“ aufgestellt. Foto: Rebecca Eschler/Wikipedia

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Auch der Papst lässt gern mal eine fliegen: Die Taube gehört wohl zu den ältesten Friedenssymbolen der Menschheit. Schon im Alten Testament taucht sie in dieser Funktion auf. Noah schickt einen der Vögel während der Sintflut von seiner Arche aus los, um ein Stück trockenen Landes zu finden. Beim zweiten Mal kehrt das Tier mit einem frischen Ölzweig im Schnabel zurück. „Da wusste Noah, dass das Wasser auf der Erde abgenommen hatte“ – und Gott seinen Frieden mit den Menschen machen wollte. Deutlich jünger ist da ein Symbol, das der britische Grafiker Gerald Holtom (1914-1985) vor 60 Jahren, am 21. Februar 1958, in die Welt brachte.
Sein Peace-Zeichen – ein Kreis mit senkrechter Trennlinie und zwei seitlich davon abgehenden Strichen – war ursprünglich gedacht für die Kernkraftgegner um den Philosophen und Mathematiker Ber-trand Russell (1872-1970). Deren Kampagne für atomare Abrüstung – Campaign for Nuclear Disarmament (CND) – wollte für einen zusammen mit weiteren Aktivisten organisierten Protestzug ein wiedererkennbares Logo haben. Und Holtom lieferte.

Die Augenzeugen des ersten großen Ostermarschs, der die Demonstranten im April 1958 von London zum 80 Kilometer entfernten britischen Atomforschungszentrum Aldermaston führte, rätselten um die Wette, was Holtoms Zeichen bedeuten sollte. Handelte es sich um die griechischen Anfangsbuchstaben von Christi Namen. Oder im Gegenteil um eine Anspielung an einen satanischen Vers? Oder war es nur eine harmlose Hühnerspur?

Tatsächlich hatte das „Peace-Zeichen“ seinen Ursprung im auch beim Militär gern genutzten Win-keralphabet. Damit konnten sich mit Flaggen bewaffnete Wachposten auf große Entfernung hin ver-ständigen. Holtom nahm ein „N“ für „Nuclear“ und ein „D“ für „Disarmament“ – fertig war der Entwurf. Vielleicht eine etwas heikle Verbindung.
Wohl deshalb erklärte der Grafiker später, er habe sich selbst gemalt, „stellvertretend für ein Individuum in Verzweiflung, mit ausgestreckten Händen wie der von Goya gemalte Bauer vor dem Erschießungskommando“. Seine Kreation trat dessen ungeachtet rasch ihren Siegeszug an – und kehrte bald in den Krieg zurück. Hippies in Kalifornien pinselten es auf ihre VW-Busse; US-Soldaten in Vietnam trugen das Zeichen in den Dschungel Südostasiens. Auch in Deutschland wurde es aufge-griffen, vor allem im Westen; Friedensbewegte im Osten hatten mit „Schwerter zu Pflugscharen“ ihr eigenes Erkennungsmerkmal.

Eine Schwester des „Peace-Zeichens“ wurde die von dem italienischen Pazifisten Aldo Capitini 1961 entworfene PACE-Regenbogenflagge. Die Farben des Regenbogens wiederum dienen auch der Bewegung für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben als verbindendes Signal. Ähnlich schillernd ist die Geschichte des Victory-Zeichens. Der zum „V“ gespreizte Zeige- und Mittelfinger soll für „Sieg“ und „Zuversicht“ stehen, wird aber von vielen Menschen auch als Friedenssymbol aufgefasst, wie in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia zu lesen ist. „Liegen beide Finger aneinander, deutet dies auf den Jesus zugeschriebenen Friedensgruß (‚Friede sei mit euch – Fürchtet euch nicht‘) hin.“

Aber auch in diesem Fall gibt es direkte Bezüge zum Krieg. Populär gemacht hat das „Victory“-Zeichen nämlich der britische Premier Winston Churchill im Zweiten Weltkrieg. Zweckentfremdung inklusive: Als Nutzer der „Victory“-Geste traten unter anderen in Erscheinung der nach Donald Trump wohl umstrittenste US-Präsident der jüngeren Vergangenheit, Richard Nixon, und der damalige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann 2004 beim Mannesmann-Prozess. Das Bild des feixenden Wirtschaftsbosses wurde zu einer der „Ikonen der Kapitalismuskritik“, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ einmal schrieb.

Auch der Ölzweig hat seine Unschuld längst verloren. Unter diesem Namen führt die türkische Armee gerade ihre Operationen gegen die Kurden im Norden Syriens durch. Mehr Zynismus geht kaum. „Die weißen Tauben fliegen nicht mehr“, sang Liedermacher Hans Hartz schon in den 80er Jahren. Was bleibt, ist die Sehnsucht nach Frieden, die vor 60 Jahren auch Grafiker Gerald Holtom mit seinem Symbol zum Ausdruck bringen wollte.

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