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Manchmal scheint der Kampf um Gerechtigkeit fast so aussichtslos wie der Versuch, den Himmel mit einer Laterne zu erleuchten. „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?“, so singen wir heute im Advent. Die Sehnsucht der Menschen nach einer gerechten Welt, in der sie getrost leben können, ist heute noch so groß wie zur Zeit des Propheten Jeremia. Und doch ist da die Hoffnung auf Gottes Verheißungen – oft genug nicht größer als eine kleine Flamme in der Nacht, aber dennoch mächtig. Foto: Sergey Nivens
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Hilke Bertelsmann (46) ist promovierte Gesundheitswissenschaftlerin und Rektorin der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld-Bethel.

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Eine große Sehnsucht

Andacht

Von Hilke Bertelsmann | 27. November 2016

Andacht über den Predigttext zum 1. Sonntag im Advent: Jeremia 23, 5-8

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Manchmal scheint der Kampf um Gerechtigkeit fast so aussichtslos wie der Versuch, den Himmel mit einer Laterne zu erleuchten. „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?“, so singen wir heute im Advent. Die Sehnsucht der Menschen nach einer gerechten Welt, in der sie getrost leben können, ist heute noch so groß wie zur Zeit des Propheten Jeremia. Und doch ist da die Hoffnung auf Gottes Verheißungen – oft genug nicht größer als eine kleine Flamme in der Nacht, aber dennoch mächtig. Foto: Sergey Nivens
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Hilke Bertelsmann (46) ist promovierte Gesundheitswissenschaftlerin und Rektorin der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld-Bethel.

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Predigttext
5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. 6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: „Der Herr unsere Gerechtigkeit“. 7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: „So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!“, 8 sondern: „So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.“ Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Eine große Sehnsucht spürt man der Verheißung an, die der Prophet Jeremia hier ausspricht. Eine große Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Jeremia selber erlebte die Regierung seines Staates Juda damals als höchst ungerecht. Eine reiche Oberschicht ließ es sich gut gehen – und die Rechte der armen Menschen spielten keine Rolle mehr. Innen- wie außenpolitisch verhielt sich der König so ungerecht und unklug, dass Jeremia den Untergang seines Reiches vorhersah. Ohne Gerechtigkeit gab es kein „sicheres Wohnen“ mehr.

Hoffnung auf eine Welt, in der niemand fliehen muss

Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit –  wie gut kennen wir sie! Eine gerechte Welt wünschen wir uns, in der Menschen nicht mehr unter Kriegen leiden müssen, in der niemand wegen seines Geschlechts, seiner Religion oder seiner Herkunft unterdrückt wird und in der niemand aus seiner Heimat fliehen muss. Eine gerechte Welt wünschen wir uns für unser Land, eine Welt, in der Menschen in Not nicht zu Almosenempfängern degradiert werden und in der alle die gleiche Chance auf Bildung und Entfaltung haben. Eine gerechte Welt wünschen wir uns auch für uns selber, eine Welt, in der unsere Leistungen anerkannt werden, Fehler möglich sind und in der wir nicht zum Opfer fremder Interessen werden.
So groß wie unsere Sehnsucht nach Licht im dunklen Winter, so groß ist unsere Sehnsucht nach einer gerechten Welt, in der wir sicher wohnen können. Und in diese Sehnsucht hinein spricht Jeremia seine Verheißung: „Gott wird einen König senden, der wird mit Recht und Gerechtigkeit regieren!“ Wie wunderbar – oder doch nicht? Werden wir denn vor einem solchen König bestehen können? Leben wir nicht ganz gut von der Ungerechtigkeit in der Welt? Und sichern wir uns nicht so manchen kleinen oder großen Vorteil – ungerechterweise? Haben wir es wirklich verdient, unter dem gerechten König sicher zu wohnen?
Wir Christen beziehen Jeremias Verheißung auf das Kommen Jesu Christi. Und am Sonntag beginnt wieder die Adventszeit, die Zeit der Vorfreude und Vorbereitung auf dieses Kommen. Unser Herr kommt als ein König, der mit Recht und Gerechtigkeit regiert! Und doch kommt er ganz anders, als wir uns so einen Herrscher gemeinhin vorstellen – vielleicht auch anders, als Jeremia ihn sich vorgestellt hat.
Jesu Kommen brachte keine Gesellschaftsreform und keine Novellierung der Sozialgesetze. Stattdessen kam er selber zu den Menschen, die unter Ungerechtigkeit litten. Zuerst wurde seine Geburt den Hirten verkündet, und erst dann erfuhr der König Herodes davon (leider!). Zuerst sprach er mit der geächteten Frau, berührte den Aussätzigen und lud sich bei dem Zöllner zum Mittagessen ein und erst dann verkündete er die Idee seiner gerechten Welt in der Bergpredigt. Zuerst nahm er die Menschen mit auf seine Wanderung, auf der sie die Nähe Gottes spüren und erleben durften, und erst dann sandte er sie aus, die Welt zu verbessern.

Angenommen, auch mit unserer Ungerechtigkeit

Weihnachten erinnert uns jedes Jahr aufs Neue daran: Jesu Weg als gerechter König führte ihn von der Krippe bis zum Kreuz. Seine Herrschaft beginnt mit Nähe und Liebe zu uns Menschen. Von diesem König sind wir angenommen, auch mit unseren Fehlern und mit unserer Ungerechtigkeit. In seinem Land können wir sicher wohnen und genau das gibt uns dann auch die Kraft, mitzuarbeiten an einer Welt, in der Recht und Gerechtigkeit regiert – in unseren Häusern, in unserem Land und in unserer Welt.
So groß wie unsere Sehnsucht nach Licht im dunklen Winter, so groß ist unsere Sehnsucht nach der Gerechtigkeit von Weihnachten!

Gebet: O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf, reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für.
Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal. Amen

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