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Fast so schön wie fliegen – dieses Gefühl, ganz befreit gemeinsam mit anderen das Leben genießen zu können. Was Paulus im Römerbrief beschreibt, ist darüber hinaus eine ganz besondere Erfahrung: Der Heilige Geist weckt die Erkenntnis, ein geliebtes Kind Gottes zu sein – jede und jeder genau so, wie sie oder er geschaffen ist: Frauen und Männer, Junge und Alte, Menschen aller Völker und Nationen. Das ist Geschenk und Auftrag zugleich: Werde, was du bereits bist, schreibt Paulus. Foto: grafikplusfoto
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Brigitte Fenner (52) ist Pfarrerin in der reformierten Kirchengemeinde Heiden und Beauftragte für Frauenarbeit der Lippischen Landeskirche.

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Töchter und Söhne

Andacht

Dieser Artikel ist auch als Audiobeitrag verfügbar:



Aus der Printausgabe - UK 35 / 2016

Von Brigitte Fenner | 28. August 2016

Über den Predigttext zum 14. Sonntag nach Trinitatis: Römer 8, 12-17

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Fast so schön wie fliegen – dieses Gefühl, ganz befreit gemeinsam mit anderen das Leben genießen zu können. Was Paulus im Römerbrief beschreibt, ist darüber hinaus eine ganz besondere Erfahrung: Der Heilige Geist weckt die Erkenntnis, ein geliebtes Kind Gottes zu sein – jede und jeder genau so, wie sie oder er geschaffen ist: Frauen und Männer, Junge und Alte, Menschen aller Völker und Nationen. Das ist Geschenk und Auftrag zugleich: Werde, was du bereits bist, schreibt Paulus. Foto: grafikplusfoto
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Brigitte Fenner (52) ist Pfarrerin in der reformierten Kirchengemeinde Heiden und Beauftragte für Frauenarbeit der Lippischen Landeskirche.

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Predigttext
(...) 14 Alle, die sich von der göttlichen Geistkraft leiten lassen, sind Töchter und Söhne Gottes. 15 Denn ihr habt ja nicht eine Geistkraft erhalten, die euch zu Sklavinnen und Sklaven macht, so dass ihr weiterhin in Angst leben müsstet. Ihr habt eine Geistkraft empfangen, die euch zu Töchtern und Söhnen Gottes macht. Durch sie können wir zu Gott schreien: „Du Ursprung allen Lebens, sei unser Schutz!“ (...) 17 Wenn wir einen Anteil vom Reichtum Gottes erhalten, verbindet uns das mit dem Messias, so gewiss wir sein Schicksal teilen, auf dass auch wir zusammen mit ihm von Gottes Glanz erfüllt werden.
Bibel in gerechter Sprache

Töchter und Söhne Gottes werden...
Wenn Sie sich in den Ferien wandernd oder mit dem Fahrrad auf den idyllischen Heidener Kirchplatz verirrt haben, sind Ihnen diese Worte vielleicht begegnet. Da ist die schöne alte Dorfkirche mit ihrem gedrehten Kirchturm und gegenüber das große Alte Pfarrhaus mit seinem Fachwerk. Töchter und Söhne Gottes werden... dieser Satz findet sich über einer kleinen Durchgangstür zur Küche hin.
Wenn ich hier Pause mache und etwas trinken oder essen möchte, muss ich darunter hindurchgehen. Nicht immer bemerke ich das. Schließlich ist es kein kitschiges Hochglanzposter, was da hängt, sondern ganz im Gegenteil. Die Worte sind eingegraben in eine übergroße kreisrunde Scheibe aus Pappmaschee, die den Erdkreis darstellt und aus alten Bildzeitungen gemacht ist. Töchter und Söhne Gottes werden... Ein ehemaliger Lehrer hat sie in den siebziger Jahren mit Jugendlichen im wahrsten Sinne des Wortes „zusammen-gematscht“. Und nun hängt sie immer noch hier.

Kinder Gottes werden bleibt ein Lebensthema

Alles ein bisschen Retro, würde man heute dazu sagen. Aber keineswegs verstaubt. Söhne und Töchter Gottes werden... das ist und bleibt ein Lebensthema. Es ist ein andauerndes Über-sich-hinaus-Wachsen. Es ist ein emanzipatorisches Geschehen und bis heute etwas ganz und gar Außergewöhnliches. Paulus widmet diesem Gedanken darum mehrere Kapitel seines Briefes an die Römer. Wodurch ist sie gekennzeichnet, die neue Existenz in Christus? Was wird mir mitgegeben durch die Kraft des Geistes? Wie verändert sich ein Leben für denjenigen, der sich bisher in anderen religiösen und weltanschaulichen Traditionen zuhause fühlt?
Die Bibel in gerechter Sprache arbeitet das emanzipatorische Anliegen für Frauen und Männer sprachlich besonders intensiv heraus. Wir sollen nicht in den begrenzten menschlichen Verhältnissen gefangen bleiben, uns nicht zu Sklavinnen oder Sklaven menschlicher Maßstäbe machen und frei sein von Angst. Etwas in uns darf über sich hinausleuchten. „Gottes Glanz“ wird uns erfüllen. Das sind große Versprechungen. Uns ist etwas mitgegeben, was uns frei machen will. Wer aus Gottes Geist lebt, gewinnt eine große innere Kraft. Und die braucht es, denn die äußeren Lebensbedingungen verändern sich nicht immer gleich mit.
Vor zehn Jahren wurde in Deutschland das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) eingeführt. Das war ein wichtiger Schritt für alle Menschen, die aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Religion, ihres Alters oder ihrer gesundheitlichen Situation am Arbeitsplatz und im öffentlichen Leben Nachteile erfahren. Fachleute wissen, dass dieser Weg noch intensiviert werden muss. Noch immer sind Frauen stärker von Altersarmut bedroht, werden Kinder im Restaurant als störend empfunden oder ältere Menschen von Arbeitsmöglichkeiten ausgeschlossen.
Dennoch waren diese Veränderungen des gesellschaftlichen Rahmens wichtig. Die Auseinandersetzungen der 70er Jahre waren dafür eine treibende Kraft. Die große Erdscheibe im Gemeindehaus meiner Kirchengemeinde ist so etwas wie ein Zeitzeuge dafür. Aber sie ist noch mehr. Sie verbindet das gesellschaftskritische Anliegen jener Jahre mit der geistlichen Lebensaufgabe, die zeitlos ist.

Werde, was du bist

Söhne und Töchter Gottes werden... Das ist noch schöner. Das verändert mich von innen heraus und lässt mich in Zeiten, in denen der äußere Rahmen noch ungenügend ist, trotzdem frei sein. „Die Geistkraft selbst bezeugt, dass wir Gottes Kinder sind!“ Paulus spitzt diese Verheißung noch weiter zu. Er sagt: Ihr seid es bereits. Werde, was du bist.
Wie gut, dass ich noch oft durch diese kleine Tür in unserem Alten Pfarrhaus hindurchgehen muss.

Gebet: Gott des Lebens: Du schenkst uns deine Kraft. Dein Geist begabt uns und möchte mich zu einem neuen Menschen machen. Dein Glanz will mich erfüllen. Hilf mir, dass ich heute auf diese Kraft vertraue. Lass mich strahlen, damit deine Kraft von mir zu einem andern wandert. Es ist schön, deine Tochter zu sein. Amen

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