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In den mittelalterlich anmutenden Gassen Tecklenburgs war auch Otto Modersohn bereits unterwegs. Hier fand er viele seiner Motive. Foto: Anke von Legat

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Magischer Blick

Mein Lieblingsziel (VI)

Aus der Printausgabe - UK 34 / 2016

Von Anke von Legat | 22. August 2016

Im Norden Westfalens liegt das idyllische Städtchen Tecklenburg, das der Maler Otto Modersohn häufig besuchte. Seine Werke sieht man in einem kleinen, aber feinen Museum

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In den mittelalterlich anmutenden Gassen Tecklenburgs war auch Otto Modersohn bereits unterwegs. Hier fand er viele seiner Motive. Foto: Anke von Legat

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Magisch ist der Blick eines Malers. Er kann eine Landschaft fast fotografisch genau abbilden – und dann eine vollständige Burg dorthin zaubern, wo zuvor nur eine Ruine stand. Er kann frühlingshafte Leichtigkeit auf Hügel und Häuser tupfen, aber auch nackte Bäume im Herbststurm zeigen oder Kälte über den Schnee flimmern lassen.
Der aus Soest stammende Otto Modersohn war ein Meister darin, die Stimmungen einer Landschaft aufzuspüren und ihr Wesen auf die Leinwand zu bannen. Das kann man nicht nur in Worpswede entdecken, zu dessen berühmter Künstlerkolonie Modersohn gehörte, sondern auch im nördlichen Westfalen: Die Kleinstadt Tecklenburg, in die der Maler gerne reiste, hat ihm jetzt ein kleines, aber feines Museum gewidmet.

Der Marktplatz sieht aus wie vor 130 Jahren

Überraschend steil sind die Hügel des Teutoburger Waldes, in die die Fachwerkhäuser der Altstadt hineingebaut sind. Überragt werden sie von der evangelischen Stadtkirche und der besagten Burgruine, die heute zu einer beliebten Freilichtbühne umgestaltet ist. Die einsamen, zugewachsenen Mauerreste, die Modersohn malte, erkennt man in der mit moderner Technik ausgerüsteten Anlage kaum wieder. Der Marktplatz und die umliegenden Sträßchen aber unterscheiden sich wahrscheinlich nicht sehr von denen, die der Künstler während seiner Besuche bei Verwandten und Freunden kennengelernt hat.
Am Marktplatz liegt das Modersohn-Museum in einem historischen Gebäude, gleich neben der damaligen Unterkunft des Malers: Sein älterer Bruder Wilhelm bewohnte dort als Amtsrichter das heutige „Haus des Gastes“. Im Erdgeschoss des ansprechend renovierten Hauses sind die Bilder Modersohns ausgestellt, die er in den Jahren 1885-1892 bei mehreren Aufenthalten in Tecklenburg malte. Neben Ölgemälden nach Motiven aus der Umgebung des Städtchens finden sich auch viele fein ausgeführte Skizzen von Gebäuden, Bäumen oder auch Personen. Sie zeigen, dass der Maler bereits mit 21 Jahren sein Handwerk bis ins Detail beherrschte.
Die mehr reduzierte, flächigere Malweise, die er Anfang der 1890er Jahre in Worpswede entwickelte, war dagegen eine bewusste Beschränkung auf elementare Formen, um das Wesen und die Stimmung einer Landschaft ausdrücken zu können. „Eine Kunst, die über das optische Sehen (fast) hinausgreift und den Gehalt, die Eigenschaft der Dinge erreichen will, ist mein Ideal“, schreibt er Anfang 1890. Diese Entwicklung lässt sich auch in den Tecklenburger Gemälden nachvollziehen.
Im Obergeschoss des Museums gibt ein Film von Modersohns Urenkel Carlo eine aufschlussreiche Einführung in dessen Leben, das er unter anderem mit der Malerin Paula Modersohn-Becker teilte.
Ein Stadtplan im ersten Stock zeigt die Blickwinkel, aus denen Modersohn seine Ansichten Tecklenburgs malte. Wer mag, kann sich zu Fuß auf Entdeckungstour begeben und an den heute noch zugänglichen Stellen nach der Perspektive des Malers suchen. Wer dagegen einen gemütlichen Stadtbummel vorzieht, steigt durch schmale Gassen mit schön erhaltenen, blumengeschmückten Fachwerkhäusern bis hinauf zur evangelischen Stadtkirche, die ebenfalls mehrfach auf Modersohns Bildern zu finden ist und als Offene Kirche tagsüber besichtigt werden kann. Als eine der wenigen reinen Renaissance-Kirchen in Westfalen ist sie eine architektonische Besonderheit. Errichtet wurde sie zwischen 1562 und 1566 unter Gräfin Anna von Tecklenburg als lutherische Kirche; als der der gräfliche Hof jedoch 1587 das reformierte Bekenntnis annahm, wurde auch die Kirche reformiert – und ist es bis heute.

Anreise: mit dem Auto über die A 1, Abfahrt 73 „Lengerich“; mit der Bahn: Westfalenbahn nach Lengerich, von dort mit dem Bus nach Tecklenburg Stadt.

Infos: Otto-Modersohn-Museum Tecklenburg (OMMT), Markt 9, 49545 Tecklenburg. Telefon (0 54 82) 9262160, E-Mail: info@ommt.de, Internet: www.ommt.de. Öffnungszeiten: 1. April bis 30. September: dienstags bis sonntags 11-18 Uhr; 1. Oktober bis 31. März: freitags 14.30-18 Uhr, samstags und sonntags 11-18 Uhr. Am Tag der Deutschen Einheit, Montag, den 3. Oktober, hat das OMMT von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Eintrittspreise: 4 Euro, ermäßigt 2 Euro, Kinder bis 14 Jahre haben freien Eintritt.

Die UK-Sommerserie mit Ausflugs­tipps in Westfalen und Lippe steht diesmal unter dem Motto „Mein Lieblingsziel“. Die sechste und letzte Folge führt an den Südhang des Teutoburger Waldes, nach Tecklenburg.

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