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Das Licht der Wahrheit kann so überwältigend sein, dass Menschen davon geblendet sind. So erging es Paulus, als er mit Jesus in Berührung kam. Die Erleuchtung war so gewaltig, dass er den Blick für die Welt um ihn herum verlor. Drei Tage lang war er blind, so berichtet der Evangelist Lukas – drei Tage, die für ihn zur Lebenswende wurden. Das Schicksal des Paulus zeigt: Zeiten der Dunkelheit können einen neuen Blick bringen. Auf Gott und auf das Leben. Foto: Giorgio Pulcini
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Udo Waschelitz (73) war bis 2004 UK-Redakteur und ist ehrenamtlicher Synodalbeauftragter für die Blinden- und Sehbehindertenseelsorge im Evangelischen Kirchenkreis Halle.

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Erleuchtet

Andacht

Dieser Artikel ist auch als Audiobeitrag verfügbar:



Aus der Printausgabe - UK 33 / 2016

Von Udo Waschelitz | 14. August 2016

Über den Predigttext zum 12. Sonntag nach Trinitatis: Apostelgeschichte 9, 1-9,17.18

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Das Licht der Wahrheit kann so überwältigend sein, dass Menschen davon geblendet sind. So erging es Paulus, als er mit Jesus in Berührung kam. Die Erleuchtung war so gewaltig, dass er den Blick für die Welt um ihn herum verlor. Drei Tage lang war er blind, so berichtet der Evangelist Lukas – drei Tage, die für ihn zur Lebenswende wurden. Das Schicksal des Paulus zeigt: Zeiten der Dunkelheit können einen neuen Blick bringen. Auf Gott und auf das Leben. Foto: Giorgio Pulcini
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Udo Waschelitz (73) war bis 2004 UK-Redakteur und ist ehrenamtlicher Synodalbeauftragter für die Blinden- und Sehbehindertenseelsorge im Evangelischen Kirchenkreis Halle.

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Predigttext
(...) 3 Auf dem Weg nach Damaskus, kurz vor der Stadt, umstrahlte Saulus plötzlich ein Licht vom Himmel. 4 Er stürzte zu Boden und hörte eine Stimme, die zu ihm sagte: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ 5 Er fragte: „Wer bist du, Herr?“ Die Stimme antwortete: „Ich bin Jesus, den du verfolgst. 6 Doch jetzt steh auf und geh in die Stadt. Dort wirst du erfahren, was du tun sollst.“ (...) 8 Saulus erhob sich vom Boden. Er öffnete die Augen, aber er konnte nichts sehen. Seine Begleiter nahmen ihn an der Hand und führten ihn nach Damaskus. 9 Drei Tage lang war Saulus blind ... 17 Hananias legte Saulus die Hände auf und sagte: „Saul, Bruder, der Herr hat mich gesandt – Jesus, der dir auf dem Weg hierher erschienen ist. Du sollst wieder sehen können und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden.“ 18 Sofort fiel es Saulus wie Schuppen von den Augen und er konnte wieder sehen.
Übersetzung: BasisBibel

 

Wer blind wird, erlebt das als eine erhebliche Veränderung in seinem Leben, wie eine große Wende. Vieles ist nicht mehr so wie vorher. Mit drastischen Worten hat das ein älterer Mann so geschildert: „Es ist mir, als wäre ich lebendig begraben, eingeschlossen in einen dunklen, lichtlosen Raum ... Ohne Augen gibt es nur noch ein Leben auf dem Abstellgleis: wertlos, nutzlos, aussichtslos.“ Sicher hat dieser Mann mittlerweile durch fachkundigen Rat und seelsorgerliche Begleitung einen Weg von seinem „Abstellgleis“ gefunden und sieht die Welt wieder mit anderen, wenn auch immer noch blinden Augen.

Paulus: erst verblendet, dann geblendet

Paulus konnte nach drei Tagen auf dem „Abstellgleis“ wieder sehen. Seine Erblindung markierte die große Wende in seinem Leben. Vorher war er blind vor Wut gegen die Christen. Er habe „über die Maßen die Gemeinde Gottes verfolgt und sie zu zerstören gesucht“, schreibt er selbst im Galaterbrief. Er war verblendet, und dann wurde er auf dem Weg nach Damaskus geblendet. Vom Lichtstrahl Gottes getroffen, fällt er zu Boden. Gott hat dem Paulus ein Licht aufgehen lassen. Paulus kann nichts mehr sehen, und seinen Begleitern verschlägt es die Sprache. Die große Wende: Aus dem Christenverfolger wurde ein Christusnachfolger, aus dem Bekämpfer der Christen ein Bekenner Christi.
Seine ihn begleitenden Tempelpolizisten, die ursprünglich Christen abführen sollten, führen den blinden Paulus nach Damaskus. Sie nahmen ihn an der Hand. Heute lernen Begleitpersonen, dem blinden Menschen einen Oberarm anzubieten, den die blinde Person umgreift. Mit dem Langstock als den „neuen Augen“ des Blinden, mit einem Blindenführhund oder mit Smartphone geht es auch ohne Begleitperson.
Nach drei Tagen war bei Paulus die Blindheit vorbei. Drei Tage: Das war für ihn wie Ostern. Neues Leben, Licht statt Dunkelheit. Kein Abstellgleis mehr, sondern eine neue Spur. Davon können die blinden und sehbehinderten Menschen nur träumen. Sie müssen lernen, mit ihrer Einschränkung zu leben.
Dem Paulus fiel es „wie Schuppen von den Augen“. Das meint auch: eine neue Sicht der Dinge, Durchblick bekommen, andere Erkenntnisse gewinnen. Auch wenn das Augenlicht nicht zurückkommt. Das ist nicht immer leicht und dauert bei vielen Betroffenen länger als drei Tage. Es kann mühsam sein, seine Beeinträchtigung anzunehmen, aber nur so wird der Weg frei für das stark veränderte Leben mit verringerter Sehkraft.
Paulus erwähnt in seinen Briefen nichts von seiner Erblindung. Und das, obwohl es ein so einschneidendes Ereignis im Leben ist. Erblindete Menschen erzählen ausführlich von Arztbesuchen, Operationen, von Hoffen und Bangen. Vielleicht wollte der großartige Erzähler Lukas anschaulich machen, was dem großen Denker Paulus widerfahren ist: die Wende vom Christenverfolger zum Christusnachfolger, der mit Blindheit für das Evangelium geschlagen war und dem dann von Gott eine neue Sicht geschenkt worden ist.

Eine neue Sicht, von Gott geschenkt

Paulus, ein neuer Mensch. Das will Lukas wohl auch damit beschreiben, dass er zunächst den hebräischen Namen Saulus verwendet und nach der Lebenswende dessen anderen Namen Paulus, so wie sich der Apostel in seinen Briefen stets selbst genannt hat.
Wie Gott ein Auge auf Paulus geworfen hat, sieht er jeden Menschen mit liebendem Blick an. Gott ist weder sehbehindert noch blind. Ihm können wir blind vertrauen.

Gebet: Herr Jesus Christus, du bist das Licht der Welt. Viele Menschen haben Angst davor, durch Krankheit oder Alter ihr Augenlicht zu verlieren. Begleite sie auf ihrem Weg, stärke sie im Vertrauen auf dich und lass sie Menschen finden, die ihnen und ihren Angehörigen hilfreich zur Seite stehen. Amen.

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