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Gnade? Jetzt? Das Wort scheint hier so gar nicht zu passen. Wer einem anderen gnädig ist, wer sich seiner erbarmt und ihm vergibt, der setzt viel Vertrauen in sein Gegenüber. Er kann nicht wissen, ob er etwas dafür zurückbekommt – oder ob sein Gegenspieler in dem Moment, in dem er ihm den Rücken zukehrt, nicht doch abzieht. Gott geht dieses Risiko ein. Er kommt uns mit seinem Erbarmen entgegen und bietet Vergebung an. Ob wir annehmen oder abwinken, liegt an uns – aber wer annimmt, kann aufatmen. Foto: pict rider
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Christel Schuchardt (60) ist Pfarrerin im Vorruhestand und hat vorher 29 Jahre als Kurseelsorgerin in Bad Dribug gearbeitet.

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Erbarmen den Bösen

Andacht

Dieser Artikel ist auch als Audiobeitrag verfügbar:



Aus der Printausgabe - UK 32 / 2016

Von Christel Schuchardt | 7. August 2016

Über den Predigttext zum 11. Sonntag nach Trinitatis: Epheser 2, 4–10

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Gnade? Jetzt? Das Wort scheint hier so gar nicht zu passen. Wer einem anderen gnädig ist, wer sich seiner erbarmt und ihm vergibt, der setzt viel Vertrauen in sein Gegenüber. Er kann nicht wissen, ob er etwas dafür zurückbekommt – oder ob sein Gegenspieler in dem Moment, in dem er ihm den Rücken zukehrt, nicht doch abzieht. Gott geht dieses Risiko ein. Er kommt uns mit seinem Erbarmen entgegen und bietet Vergebung an. Ob wir annehmen oder abwinken, liegt an uns – aber wer annimmt, kann aufatmen. Foto: pict rider
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Christel Schuchardt (60) ist Pfarrerin im Vorruhestand und hat vorher 29 Jahre als Kurseelsorgerin in Bad Dribug gearbeitet.

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Predigttext
4 Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, 5 auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden –; 6 und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, 7 damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, 9 nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. 10 Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.

Stellen Sie sich vor, es ist Sonntagnachmittag. Im Fernsehen läuft ein alter Film. Darin gibt es schwarz gekleidete Böse und weiß gekleidete Gute. Der Film hat gerade seinen Höhepunkt erreicht. „Gnade“, winselt der Böse. Er kniet und zittert, weil der Gute ihn endlich gefangen hat. Der weiße Held lässt sich erweichen, pustet noch mal kurz den Staub von seiner Waffe und geht davon. Im buchstäblich letzten Moment erhaschen wir noch einen Blick auf den Bösen. Die Angst ist weg und ein bitterböser Blick wird dem Guten hinterhergeschickt. Die geübten Fernsehzuschauer erahnen schon, dass er keineswegs dankbar war für die Gnade und sind hin und hergerissen zwischen Empörung über diese Undankbarkeit und vielleicht auch ein wenig Verständnis für den Bösen, der es nicht ertragen kann, auf die Nachsicht eines anderen angewiesen gewesen zu sein.

Bei Gott gilt das „Trotzdem“ der Liebe

Gnade – ach nein, das ist doch etwas, das uns abhängig macht und unverdiente Gnade sowieso.
„Alles in meinem Leben habe ich mir selbst erarbeitet. Ich bin stolz darauf, niemals ‚danke‘ sagen zu müssen.“ Diesen Satz habe ich in der Kurseelsorge oft gehört. Er ist typisch für eine Zeit, in der die Macher und Erfolgsmenschen den Ton angeben. Und in einer solchen Zeit begegnet uns ein Text, der voll ist von Worten, die anscheinend keinen Wert mehr haben: Liebe, Gnade, Barmherzigkeit und Güte. Was immer auch unter uns geschieht, bei Gott gilt dieses große „Trotzdem“ der Liebe.
Dieser Teil des Epheserbriefes ist ein Taufhymnus, der Text eines Liedes, das anlässlich einer Taufe gesungen wurde. Wenn wir heute Kinder taufen, erleben wir unmittelbar, was damit gemeint ist. Noch ehe klar ist, was die Kleinen mit ihrem Leben anfangen werden, ganz ohne ihr eigenes Zutun nimmt Gott sie als seine geliebten Geschöpfe an. Ganz ohne das Zutun der Menschen. Und eines ist sicher: Er wird zu seinem Wort stehen über alle Widerstände hinweg!
Diejenigen, die damals den Taufhymnus gehört haben, waren erwachsene Menschen. Sie hatten, wie wir auch, schon manche Lebenserfahrungen gemacht. Für sie hatte sich manches Ziel nicht erfüllt, manche Entscheidung als falsch herausgestellt. Und, da bin ich mir sicher, manche standen auch vor den Scherbenhaufen ihres Lebens und wussten: Aus eigener Kraft komme ich nicht mehr zurecht. Zu denen sagt der Epheserbrief: Ihr wart tot in euren Sünden. Ihr wolltet immer alles alleine schaffen, ihr habt niemandem mehr vertraut, auch Gott nicht, aber in seiner Barmherzigkeit hat er euch lebendig gemacht in Christus.
Zu mir hat einmal ein Kurgast gesagt: „Das ist es, was ich an der Religion nicht ausstehen kann: Ich habe vielleicht Fehler gemacht, na gut, aber ich habe keine Lust, mich immer vor lauter Dankbarkeit im Staub zu wälzen.“ Ich war erschrocken über diesen Ausbruch und gleichzeitig dachte ich, wie soll ich diesem Menschen dieses Zerrbild von Gnade geraderücken. „Ohn all unser Verdienst und Würdigkeit“, sagte Martin Luther und besser kann ich das heute auch nicht ausdrücken. Gott hat an seine Gnade keine Bedingung geknüpft. Darum ist mein Gefühl Gott gegenüber auch weder eine scheinheilige Dankbarkeit, die sich hinter seinem Rücken zur Grimasse verzerrt, noch muss ich mich im Staub wälzen.
Nicht den Staub, das Leben will er uns schenken. Ein Leben, in dem wir befreit aufatmen können, in dem wir eben gerade nicht mehr verfolgt werden von unseren Verfehlungen. Ein befreites Leben – das uns einfach so geschenkt wird. Nicht nur der weißgekleidete Held reitet in den Sonnenuntergang, auch der begnadigte Böse steht auf, klopft sich den Staub von der Kleidung und geht fröhlich seinen Weg! Sollten nicht so Filme am Sonntagnachmittag auch einmal enden dürfen?

Gebet: Gott, du bist voller Liebe und Barmherzigkeit. Zu dir kann ich kommen wie ich bin: mutig oder verzagt, stark oder schwach, getrost oder verzweifelt. Gib, dass ich deine Güte annehmen und weitergeben kann, damit auch durch mich etwas sichtbar wird in dieser Welt von deiner bedingungslosen Gnade. Amen.

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