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Kerstin Neddermeyer (51) ist als Pfarrerin im Amt für missionarische Dienste, Dortmund, in der Gemeindeberatung und Organisationsentwicklung tätig.

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Kann das wahr sein?

Andacht

Kerstin Neddermeyer | 26. Juni 2016

Über den Predigttext zum 4. Sonntag nach Trinitatis: Römer 14,10-13

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Kerstin Neddermeyer (51) ist als Pfarrerin im Amt für missionarische Dienste, Dortmund, in der Gemeindeberatung und Organisationsentwicklung tätig.

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Predigttext
10 Du Mensch, was bringt dich nur dazu, deinen Bruder oder deine Schwester zu verurteilen? Und du Mensch, was bringt dich dazu, deinen Bruder oder deine Schwester zu verachten? Wir werden doch alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen! 11 Denn in der Heiligen Schrift steht: „So wahr ich lebe“,  spricht der Herr: „Vor mir wird jedes Knie sich beugen, und jede Zunge wird sich zu Gott bekennen.“ 12 So wird jeder von uns vor Gott Rechenschaft über sich selbst geben müssen. 13 Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen! Achtet vielmehr darauf, den Bruder oder die Schwester nicht zu Fall zu bringen. Gebt ihnen auch keinen Grund, Anstoß zu nehmen. BasisBibel

Blitzlichter eines ganz normalen Montags: Der Wecker schellt und mein erster Gedanke ist: Der kann mich nicht meinen.Dennoch wage ich mich an den Tag. Nach Morgentoilette und Frühstückskaffee schultere ich den Rucksack, stecke Geld und Schlüssel ein und los geht’s.
Schon ein bisschen spät dran, komme ich am Auto an und stelle fest, dass mich der Nachbar eingeparkt hat. Schon wieder. Das kann doch wohl nicht wahr sein. Der weiß doch, dass ich morgens früh los muss. Kann der denn nicht mal Rücksicht nehmen, mal nicht nur an sich denken?

Schuld sind immer die anderen

Eine gefühlte Ewigkeit rangiere ich, bis ich mich endlich auf den Weg machen kann. Wütend und viel zu schnell fahre ich über die Umgehungsstraße. Blitz – eine mobile Radarfalle. Ich schimpfe vor mich hin. Das kann doch nicht wahr sein. Die nun wieder. Habe die nichts anderes zu tun, als anständigen Bürgerinnen aufzulauern? Klar bin ich zu schnell, aber wenn mein Nachbar mich nicht eingeparkt hätte, wäre das nicht passiert. Dem sage ich heute Abend aber mal Bescheid. So geht das nicht.
Im Büro angekommen, läuft alles seinen Gang.
In der Mittagspause sitzen wir zusammen. Die Kollegin erzählt von ihrer Urlaubsplanung mit ihrem Freund. Sie hatten beide verschiedene Ziele ausgewählt und sich am Abend zuvor zusammengesetzt. Doch statt eine Traumreise zu buchen, hat jeder die Nacht schmollend auf seiner Seite des Bettes verbracht. Was war geschehen?

Zählt nur der eigene Wille?

Der Freund hatte gleich darauf hingewiesen, dass er aber am liebsten in Ägypten tauchen möchte. Die Kollegin brachte ihre Vorschläge ein, im nächsten Schritt diskutierten sie dann aber nur die Vorteile und Nachteile der Reise nach Ägypten. Als sie darauf hinwies, dass sie ja noch andere Möglichkeiten hätten, verließ der Freund das Zimmer mit den Worten: „Du willst gar nicht mit mir verreisen.“
Die Kollegin ist ganz ratlos, wie das jetzt weitergehen soll. Durch meine Frage, warum ihm Ägypten so wichtig ist, wird ihr deutlich, dass sie das nicht weiß. Sie haben sich nur über die Kosten, die Ausstattung, die Reisezeit ausgetauscht. Was für ihn das Besondere an dieser Reise wäre, warum sein Herz daran hängt, welchen guten Grund er hat, an dieser Idee festzuhalten, danach will sie ihn heute Abend fragen.
Bis zum Feierabend habe ich den holprigen Start in den Tag schon wieder vergessen.
Als ich zuhause ankomme, stürzt mein Nachbar auf mich zu und erzählt ganz aufgeregt, dass er in der letzten Nacht Vater geworden ist. Ein kleiner Junge, Jona soll er heißen, Mutter und Kind geht es gut. Ich freue mich mit ihm. Und auf seinen Hinweis, er habe mich bestimmt eingeparkt, als er heute früh völlig erschöpft nach Hause gekommen ist und er wolle sich dafür entschuldigen, bleibt mir als Antwort nur: „ Na, wenn das kein guter Grund ist, dann weiß ich es auch nicht.“

Wie schnell wir glauben, Bescheid zu wissen

Am Abendbrottisch sprechen wir darüber, wie leicht wir uns über Andere ärgern und wie schnell wir zu wissen glauben, wie etwas ist. Dabei machen wir uns oft nicht die Mühe, den anderen nach seinem guten Grund zu fragen, und setzen unsere Vorstellungen, unsere Werte und  unsere Ansichten als verbindlich.
Paulus sagt: So wird jeder von uns vor Gott Rechenschaft über sich selbst geben müssen. Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen! Am Ende dieses Tages heißt das für mich: Erkenne den guten Grund des Anderen und kenne deinen.

Gebet: Gott, du mutest uns einander zu. Unser Miteinander kann gelingen, wo wir einander gelten lassen – in aller Unterschiedlichkeit. Schenk uns einen klaren Blick für den guten Grund des Anderen.  Gib uns Mut, dich ins Spiel zu bringen, damit das Leben gelingt. Du schaffst das Recht, das auf deiner Liebe gründet.

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