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An Weihnachten zur Familie: Ein Besuch bei den Lieben gehört für viele Menschen in den Weihnachtstagen zum festen Programm. Foto: dglimages

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Daheim – wo sonst?

Weihnachtsbesuch

Kerstin-Marie Berretz

„Driving home for Christmas“ – so ein Weihnachtshit von Chris Rea. Er beschreibt die Vorfreude, an Weihnachten bei seinen Lieben zu sein. Aber wenn man kein Zuhause hat?

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An Weihnachten zur Familie: Ein Besuch bei den Lieben gehört für viele Menschen in den Weihnachtstagen zum festen Programm. Foto: dglimages

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Spätestens Anfang Dezember werden Pläne geschmiedet: Wer besucht zu Weihnachten wann welchen Teil der Familie? Bei wem wird der Heilige Abend verbracht und wo die Feiertage? Und egal, wer wann bei wem ist, eines gehört dazu: ein Besuch bei den Eltern oder in der Heimat. Wer sich unmittelbar vor dem 24. Dezember auf einen größeren Bahnhof begibt, kann erleben, wie viele Menschen unterwegs sind, um die Feiertage an einem anderen Ort als dem eigentlichen Wohnort zu verbringen. Weihnachten ist eben das Fest der Liebe, und die Lieben sind meistens in der Heimat.

Kein heimeliger Ort mit herzlichem Empfang

Ähnlich ging es Maria und Josef. Auch sie machten sich kurz vor der Geburt ihres Kindes auf den Weg in die Heimat. Allerdings weniger, um ihre Lieben zu besuchen, sondern um sich auf Geheiß des Kaisers in die Steuerlisten einzutragen. Wie sie ihre Heimat erlebten, ist bekannt. Für sie war es kein heimeliger Ort, an dem sie herzlich empfangen wurden. Ganz im Gegenteil – für sie gab es keinen Platz mehr, so dass sie in einen Stall ausweichen mussten.
Das mag daran liegen, dass Bethlehem zwar die Heimatstadt Josefs war, er dort aber schon lange nicht mehr lebte. Offensichtlich gab es keine Verwandtschaft mehr in Betlehem und auch keine Freunde mehr. Das macht deutlich: Heimat ist nicht einfach ein Ort, den man auf einer Landkarte markieren kann.
Das kann man ganz leicht spüren, wenn man etwa seine alte Studentenstadt besucht. Da, wo früher das Leben tobte, wo man jede Ecke kannte, wo während des Studiums Heimat war, da sind jetzt nur noch Erinnerungen. Und spätestens, wenn der letzte Kommilitone die Stadt verlassen hat, wird spürbar, dass das nicht mehr die Heimat ist – so schön es früher auch einmal war. Denn wenn man keine Beziehungen mehr in dieser Stadt hat, dann ist es eine wie viele andere.
Und genauso ist es, wenn man seine Geburtsstadt verlassen hat. Sei es, weil es an anderer Stelle bessere Arbeitsbedingungen gab; sei es, weil man durch Krieg und Vertreibung gezwungen war. Wer einmal längere Zeit weg war, wer keine Freunde und Verwandten mehr in seinem Geburtsort hat, für den ist dieser Ort meist nicht mehr Heimat. Denn Heimat hat immer etwas mit Beziehungen zu tun, mit der Erfahrung, dass es einem gut ergeht. Als Mensch kann es einem aber nur dort gut ergehen, wo man mit anderen Menschen in Kontakt kommt, wo sich jemand für einen interessiert.
Das genaue Gegenteil erlebten Maria und Josef, als sie in der Heimatstadt Josefs ankamen. Niemand interessierte sich für sie, und niemand nahm Anteil an ihrem Leben. Niemand sorgte sich um sie, und niemand bot ihnen Hilfe an. Hier konnte kein Gefühl von Geborgenheit und Verbundenheit entstehen.
Ganz im Gegensatz zu dem, was die meisten Reisenden an Weihnachten erleben, wenn sie schließlich ihr Ziel erreichen: offene Türen, Interesse an dem, was einen beschäftigt. Vielleicht manchmal etwas zu viel in diesen dichten Tagen. Aber der, der die alte Heimat aufsucht, bleibt in der Regel nicht allein.
Und wenn einer allein bleibt, weil er in seiner Heimat nicht bleiben konnte oder wollte, dann kann es ein Werk der Barmherzigkeit sein, an ihm und seinem Leben Anteil zu nehmen. Ihn aufzunehmen in die Gemeinschaft und ihn nicht, wie Maria und Josef, aufs Feld in den Stall zu schicken. Dieser Mensch, der heimatlos ankommt, kann jeder sein. Die betagte Witwe, die niemanden mehr hat, der sie an den Feiertagen einlädt. Der Zugezogene, der nur an Weihnachten in die Kirche kommt und keine Beziehungen in die Gemeinde hat. Diejenige, die vor Krieg und Gewalt geflohen ist und hofft, hier Frieden zu finden. Oder der, dem es schwerfällt, Kontakt aufzubauen und sich nicht traut, andere anzusprechen.
Wie leicht kann es sein, gerade an Weihnachten, dem anderen ein Lächeln oder ein gutes Wort zu gönnen. Jemandem die Hand zu reichen oder noch ein bisschen Platz für ihn zu machen. Ihn vielleicht an einem der Feiertage zu sich einzuladen. Damit keiner alleine bleiben muss, sondern jeder sich zu Hause fühlen kann. KNA

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