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»Das Projekt Inklusion ist noch nicht ausgereift«: Diakonie-Vorstandssprecher Uwe Becker sieht die Inklusionsdebatte auf einem völlig falschen Weg. Grafik: Marco2811

»Das Projekt Inklusion ist nicht ausgereift«

Diakonie sieht Debatte auf falschem Weg

Aus dem Archiv (09.05.2015)

Der Vorstandssprecher der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, Uwe Becker, sieht die Inklusionsdebatte auf einem völlig falschen Weg.

»Das Projekt Inklusion ist massiv unterfinanziert und gedanklich nicht ausgereift«, sagte der Sozialethiker dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Düsseldorf. Er wirft der Politik einen »verkürzten Inklusionsbegriff« vor. In der gegenwärtigen Debatte sei damit die Integration von Menschen mit Behinderungen in das Regelschulsystem oder den allgemeinen Arbeitsmarkt gemeint.## Inklusion kann nach Beckers Auffassung jedoch weder im leistungszentrierten dreigliedrigen Schulsystem noch in einem konkurrenzorientierten Arbeitsmarkt wirklich funktionieren. Es gehe nicht um eine Einbindung in bestehende Systeme, sondern um eine Veränderung der Systeme. »Wenn wir uns von behinderten Menschen sagen lassen, was sich in der Gesellschaft ändern muss, wird das allen zugutekommen«, ist der Vorstand des größten Diakonie-Landesverbandes überzeugt. Die Gestaltung einer inklusiven Gesellschaft, die weniger auf Leistung setzt und wegkommt von der Zentrierung auf Arbeit, komme allen zugute. »Die Gesellschaft könnte viel bunter und reicher werden«, betonte der Theologe. Im Bildungssystem bedeute das etwa, die leistungsorientierte Logik zu ändern und stärker zu einer personenzentrierten Pädagogik zu kommen, erläuterte Becker. Das beziehe sich eben nicht nur auf die Schüler mit Behinderungen, sondern auf alle Kinder und Jugendlichen. »Die pädagogische Herausforderung betrifft die Gruppe, die Lernfähigkeit der anderen und die Erweiterung der sozialen Kompetenz.« Dazu seien unter anderem kleinere Klassen, mehr Lehrpersonal und multiprofessionelle Teams notwendig, soziale Kompetenz müsste in die Lehrpläne aufgenommen werden. »Inklusion ist ein kostbares Projekt und kostet auch Geld«, unterstrich der Honorarprofessor der Evangelischen Fachhochschule Bochum die Bedeutung einer ausreichenden Ressourcenausstattung. In der gegenwärtigen Entwicklung sieht der Sozialexperte allerdings eher das Gegenteil: Inklusionsprogramme würden unter Finanzierungsvorbehalt gestellt, arbeitsmarktpolitische Investitionen sogar abgebaut und über verbleibende Maßnahmen lediglich etwas »Inklusionsduft« gewedelt. Becker kritisiert, dass die von der Behindertenrechtskonvention geforderte Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen in der Debatte kaum eine Rolle spielt. »Wir sind dabei, das Menschenrechtsprojekt zu entpolitisieren.« Stattdessen mahne die Politik in ihren Inklusionsprogrammen eine »Kultur der Achtsamkeit« an und stilisiere Inklusion damit zu einem zivilgesellschaftlichen Projekt. »Das signalisiert inklusionspolitische Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger ordnungspolitischer Verhaltenstarre«, kritisierte der Theologe. Dahinter stehe ein Staatsverständnis von einem nur noch hintergründig agierenden Staat, der lediglich Aktivierung betreibt. Der Sozialexperte wünscht sich mehr Entschlossenheit der Politik, das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung zu fördern. Zur Finanzierung dürfen seiner Ansicht nach Themen wie ein höherer Spitzensteuersatz, Vermögenssteuer und Abgaben auf Finanzgewinne keine Tabus sein. »Wir müssen über die soziale Verteilung der Ressourcen reden«, fordert Becker, der zum Thema aktuell das Buch »Die Inklusionslüge. Behinderung im flexiblen Kapitalismus« veröffentlicht hat. epd