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Nach dem verheerenden Erdbeben 2010 leben in Haiti viele Menschen in widrigsten Verhältnissen. Foto: Airmaria

Keine Urlaubsreise: Maurer-Azubis vom Niederrhein in Haiti

Stein auf Stein für Gotteslohn

Aus dem Archiv (07.03.2015)

Nach einem verheerenden Erdbeben 2010 hilft die Maurerklasse eines niederrheinischen Berufskollegs beim Wiederaufbau in Haiti.

Was ihn da erwartet, weiß René Bückmannn noch nicht. Fünf Jahre nach der Erdbebenkatastrophe in dem Karibikstaat will der 22-jährige Maurerlehrling aber mit seinen eigenen Händen zum Wiederaufbau beitragen. Ende März reist er mit weiteren Schülern des Rhein-Maas-Berufskollegs im niederrheinischen Kempen nach Torbeck im Südwesten Haitis, um ein Haus für obdachlose Jugendliche fertigzustellen. ## Mit ihm sitzen vier Maurer, ein Elektriker und ein Sanitäranlagenmechaniker sowie mehrere Berufsschullehrer im Flugzeug. Die Azubis nehmen für das Hilfsprojekt ihren Jahresurlaub - bezahlt werden sie für ihre Arbeit auf Haiti nicht. Für Berufsschulpfarrer Roland Kühne, den Initiator der Aktion, ist es bereits die achte Reise in den Inselstaat. Alles begann in seinem Religionsunterricht, nachdem das Erdbeben vom 12. Januar 2010 fast ganz Haiti in Schutt und Asche gelegt hatte. »Wir können doch Häuser bauen, sollen wir dort nicht helfen?«, fragte ein Maurerlehrling. Religionslehrer Kühne versuchte, einen Kontakt nach Haiti herzustellen. »Wir haben uns an das Medikamentenhilfswerk action medeor gewandt, an die Welthungerhilfe, an Unicef, aber alle lehnten ab«, erinnert sich der 57-jährige evangelische Theologe. Vom Bundesentwicklungsministerium kam schließlich der Tipp, die Peter-Hesse-Stiftung in Düsseldorf anzusprechen, die sich seit den 80er Jahren in Haiti engagiert. Schwerpunkt ist die schulische Bildung der Kinder in dem Inselstaat. »Wir bekamen von der Stiftung den Auftrag, Fundamente für ein Lehrerausbildungszentrum in Liancourt zu bauen, das eingestürzt war«, erzählt der Pfarrer. Auf die Fundamente sollte eine französische Firma anschließend Containerbauten setzen. Und so reiste Kühne 2011 mit einigen Kollegen und sieben Schülern nach Haiti. Die Deutschen errichteten gemeinsam mit Einheimischen die Fundamente. Während die Azubis kein Geld für ihre Arbeit bekamen, wurden die Haitianer entlohnt. »Wir versuchen, jede Woche andere Arbeiter zu nehmen, damit möglichst viele Menschen in der Zeit Geld verdienen können«, erläutert Kühne. Bei dem Projekt des Berufskollegs Rhein-Maas geht es nach seinen Worten nicht nur darum, Häuser wieder aufzubauen. Die deutschen Handwerker leisten auch Hilfe zur Selbsthilfe: Sie geben ihr Wissen an die Einheimischen weiter und kurbeln die Wirtschaft an, indem sie die Arbeiter bezahlen und das Material vor Ort kaufen. Bei der einmaligen Reise blieb es nicht: Weil die französische Firma die Container nicht lieferte, kehrten Kühne und seine Schüler noch einmal nach Haiti zurück und bauten das Ausbildungszentrum selbst. Ende 2012 wurde die Lehranstalt für Lehrer fertiggestellt. Der nächste Auftrag ließ nicht lange auf sich warten. Kühne knüpfte während der Arbeiten Kontakt zu einer Ordensgemeinschaft, deren Handwerkerschule für Jugendliche in Torbeck bei dem Erdbeben erheblich beschädigt worden war. Weil dem Orden die Mittel fehlten, sammelten die Kempener Schüler und Lehrer Spenden für die Flugtickets, das Baumaterial und den Lohn für die haitianischen Arbeiter. Die Evangelische Kirchengemeinde Kempen, etliche Bürger und das Programm »Konkreter Friedensdienst« der NRW-Landesregierung unterstützen mittlerweile das Engagement des Berufskollegs. Für die nun anstehende Reise haben sich sechs Schüler gefunden, die bereit sind, ohne Lohn fast drei Wochen lang bei tropischen Temperaturen in einem der ärmsten Länder der Welt zu arbeiten. Diesmal sollen die Lehr- und Wohnstätten der Handwerkerschule in Torbeck fertiggestellt werden - die Dächer müssen noch gedeckt werden. Niklas Gerhards, Maurer-Azubi aus der Reisegruppe, macht sich keine Illusionen: »Das wird wohl keine Urlaubsreise«, sagt der 20-Jährige. Nächte unter Moskitonetzen auf Feldbetten, einfache Kost aus Reis und Bohnen und primitive sanitäre Anlagen erwarten die Niederrheiner. Doch Gerhards ist sicher, dass er sein Umfeld mit anderen Augen sieht, wenn er im April aus Haiti zurückkommt: »Wir haben hier in Deutschland so viel und wissen es manchmal gar nicht zu schätzen.« epd