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Das Korn in die eigene Hand nehmen und dann mit einem geübten Wurf über den Acker verteilen. Das, was danach kommt, hat der Sämann nicht in seiner Hand. Die Ernte bleibt ein großes Geschenk. Foto: Wikipedia

Nicht in unserer Hand

Andacht für den 8. Februar

Aus dem Archiv (06.02.2015)

Predigttext am Sonntag Sexagesimä: Lukas 8,4-8 (9-15) 4 Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus den Städten zu ihm eilten, redete er in einem Gleichnis: 5 Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen‘s auf. 6 Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. 7 Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten‘s. 8 Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Sigrid Beer (58) ist nebenamtliches Mitglied der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche von Westfalen und NRW-Landtagsabgeordnete für die Partei Bündnis 90/Die Grünen.

Ich schaue mir meinen Stapel auf dem Schreibtisch an. Da liegt sie ganz oben auf. Griffbereit. Die letzte Mitgliederbefragung der Evangelischen Kirche in Deutschland, veröffentlicht im letzten Jahr. So soll es sein: Wer fragt, der bekommt Antworten. Wer eine Antwort haben will, der muss auch den Mut aufbringen, eine ehrliche Antwort auszuhalten. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) war mutig. Zum fünften Mal hat sie ihre Mitglieder befragt und muss sich nun mit den Antworten auseinandersetzen. Es wird diskutiert über den Verlust christlicher Tradition, darüber dass die Entfremdung gerade junger Menschen von der Kirche zunimmt. Es gibt auf der einen Seite zwar mehr hochverbundene Mitglieder, auf der anderen Seite aber eine zunehmende Zahl von Kirchenfernen. Der Glauben wird längst nicht mehr wie selbstverständlich weitergegeben.## So ergeben sich drängende Fragen: Wie und wo sind wir wirklich nah bei den Menschen? Finden wir eine Sprache, damit sie uns verstehen, Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen, jung oder alt, als Familie, als Paar oder alleine? Wie sieht unser Dienst an den Menschen aus? Wie sieht die Zukunft unserer Kirche aus? Wie ist es um unsere Glaubwürdigkeit bestellt? Wie setzen wir das Geld, das uns anvertraut ist, richtig ein? Wie steht es um die Verkündigung? Da liegt der Text für diese Andacht gleich neben dem großen Stapel von Unterlagen. Das Gleichnis vom Sämann. Verkündigung ist doch so etwas wie das Aussäen eines Samens. Und wenn man sich schon diese Arbeit macht, dann muss man doch darauf achten, dass sie sich lohnt. Was nützt es, wenn die Saat unter Dornen fällt, was nützt die Saat auf kargem Boden, wo sie vertrocknet? Dieser Sämann, von dem Jesus im Gleichnis im Lukasevangelium erzählt, arbeitet verschwenderisch auf dem Acker und darüber hinaus. Obwohl er doch aus Erfahrung weiß, dass nicht alles auf fruchtbaren Boden fällt. Aus 75 Prozent wird nichts: Die Saat wird von Vögeln aufgepickt, verdorrt oder kann sich im dornigen Gestrüpp nicht entfalten. Nur ein Viertel fällt überhaupt auf fruchtbaren Boden. Aber daraus gibt es einen enormen Ertrag. Was für eine Botschaft! Hundertfach wächst die Frucht. Was für eine Rendite, was für eine Erfolgsquote! Dieser Sämann macht Mut! Er sortiert nicht vor, ob es der Boden wert ist, auf den der Samen fällt. Was sich am Ende zur Frucht entwickelt, von dem was wir aussäen, das wissen auch wir nicht. Wir haben es auch gar nicht selbst in der Hand. Das befreit uns von einem ungeheuren Leistungsdruck, uns, die wir so gerne die Macher sind, alles bis ins Letzte kalkulieren wollen. Es liegt nicht an uns, wir müssen nicht sortieren, wer ist unsere Mühe wert, wer nicht. Es kommt allein auf Gott an und seine Zusage steht. Das nimmt Last von unseren Schultern, macht uns frei, mit Schwung und Freude an unsere Aufgaben zu gehen. Es ist Gottes Wort, das wirkt und reiche Frucht bringt. Bei anderen – aber auch bei uns selbst. (Es ist übrigens nicht unschicklich, wenn man uns diese Freude manchmal auch anmerkt.) Es ist nicht die ausgefeilte Technik der Aussaat, es ist nicht der kraftvolle Wurf, der entscheidet. Gottes Zusage gilt, auch wenn sich unsere Gesellschaft verändert und diese Veränderungen viele Herausforderungen an die Kirche stellen. Wir brauchen nicht verzagt sein, wenn es darum geht, neu zu säen. Die Freiheit und Gottes Zusage, dass er uns liebt, sie befreien uns zum Handeln, geben uns das Fundament, uns anderen zuzuwenden – auch auf neuen Wegen.