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Familie ist nicht nur die klassische Ehe: Die evangelische Kirche hat jetzt die Vielfalt der Formen von Familie betont. Foto: Yanlev

Kirche ruft zu breiter Unterstützung der Familien auf

Orientierungshilfe

Aus dem Archiv (19.06.2013)

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) fordert Unterstützung für alle Familienformen.

Familien leisteten für Wirtschaft und Gesellschaft Unverzichtbares. Sie seien bei der Erziehung und der Sorge für pflegebedürftige Angehörige aber auf staatliche Unterstützung angewiesen, erklärt die EKD in einem Grundsatzpapier, das am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. ## Darin wird neben familienfreundlichen Arbeitszeiten auch die bessere Honorierung von Familienarbeit und Pflege im Steuerrecht und in den Sozialversicherungen verlangt. Ausdrücklich betont die evangelische Kirche die Vielfalt der Familienformen. Neben der Ehe gebe es die gleichgeschlechtliche Partnerschaft, Unverheiratete, Alleinerziehende oder erwachsene Kinder, die ihre Eltern pflegen. Es komme auf die »Stärkung von fürsorglichen familiären Beziehungen an«, heißt es in dem Grundsatzpapier: »Wo Menschen auf Dauer und im Zusammenhang der Generationen Verantwortung füreinander übernehmen, sollten sie Unterstützung in Kirche, Gesellschaft und Staat erfahren. Dabei darf die Form, in der Familie und Partnerschaft gelebt werden, nicht ausschlaggebend sein.« Nachholbedarf besteht der EKD zufolge auch bei den Ausgaben und beim Personal für Kindergärten, Kindertagesstätten und Schulen. Investitionen in die Infrastruktur, die Leistungen der Familien ergänzten, seien wirksamer als die derzeitige steuerliche Entlastung über das sogenannte Ehegattensplitting oder das Betreuungsgeld, das ab 1. August gezahlt wird, argumentieren die Verfasser. Die unbezahlte Leistung von Frauen in Erziehung und Pflege könne künftig nicht mehr vorausgesetzt werden. Diese »Sorge für andere« müsse gerecht zwischen den Geschlechtern verteilt und bezahlt werden. Die Autoren widersprechen dem Befund, die Gleichstellung von Frauen und Männern sei für die Krise der Familie verantwortlich: »Das Gegenteil ist der Fall.« Wesentlicher Grund für niedrige Geburtenraten in Deutschland seien die Aufrechterhaltung geschlechtspezifischer Ungleichheiten in Bildung, Beruf und häuslicher Arbeitsteilung sowie späte Familiengründungen. Angesichts des gesellschaftlichen und demografischen Wandels sowie der Anpassungen im Familienrecht soll das Papier eine »evangelische Verständigung über Ehe, Familie und Partnerschaft« anregen, heißt es. Die vom Rat der EKD beschlossene Orientierungshilfe »Zwischen Autonomie und Angewiesenheit - Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken« wurde von einer Expertenkommission unter Vorsitz der früheren Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) seit 2009 erarbeitet. Eine Eheverständnis als »göttliche Stiftung« und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus der Schöpfungsordnung entspreche nicht der »Breite biblischen Zeugnisses«, heißt es in der Orientierungshilfe. Ehe sei eine »gute Gabe Gottes«, die aber nicht als einzige Lebensform gelten könne. Die Reformation verstehe Ehe als »weltlich Ding; sie ist kein Sakrament, sondern eine Gemeinschaft, die unter dem Segen Gottes steht«. Aus theologischer Sicht sollten gleichgeschlechtliche Partnerschaften, in denen sich Menschen zu einem verbindlichen Miteinander verpflichten, als gleichwertig anerkannt werden, empfehlen die Autoren. »Dass homosexuelle Paare gemeinsam keine Kinder zeugen können, kann deshalb kein Grund sein, ihnen den Segen zu verweigern.« Als erste der 20 Landeskirchen in der EKD hatte am Wochenende die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau die Segnung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften mit der Trauung heterosexueller Paare weitgehend gleichgestellt. Empfohlen wird eine engere Zusammenarbeit zwischen Diakonie und Kirchengemeinden bei den Angeboten für Familien. »Eine stillschweigende Zuordnung, nach der die Diakonie vor allem für Familien in Problemlagen zuständig ist, während Gemeinden vor allem 'normale' Mittelschichtfamilien ansprechen, ist zu vermeiden.« epd