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Appelle zu mehr Gerechtigkeit und verantwortlichem Wirtschaften prägen den Auftakt des evangelischen Kirchentages in Hamburg. Foto: gmh

Käßmann wünscht sich »Nervensägen für Gerechtigkeit«

Aufruf zu Beharrlichkeit

Aus dem Archiv (02.05.2013)

Die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann hat Christen dazu aufgerufen, beharrlich für Gerechtigkeit einzutreten und dabei ruhig eine Nervensäge zu sein.

»Angesichts all der Anpassung, der einschläfernden Ablenkungsindustrie der Medien, der Volksverdummung durch Banalitäten brauchen wir Nervensägen, die noch fragen nach Sinn, nach Würde, nach Gerechtigkeit«, sagte Käßmann vor rund 7.000 Kirchentagsbesuchern in einer voll besetzten Hamburger Messehalle.## Käßmann nannte als Vorbild die indische »Pink Sari Gang«, die gegen Gewalt und Unterdrückung von Frauen protestiert und dabei nicht nachlässt.

<b>»Immer wieder nerven«</b>: die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann. Foto: Monika Lawrenz- LVH

»Immer wieder nerven«: die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann. Foto: Monika Lawrenz- LVH

Sie seien Nervensägen in einem guten Sinne. »Ich wünsche mir, dass Christinnen und Christen solche Nervensägen sind«, sagte Käßmann, die vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 berufen wurde. Als Beispiele für empfundendes Unrecht auch in westlichen Rechtsstaaten nannte Käßmann den Umgang mit Flüchtlingen und das US-amerikanische Gefangenenlager Guantanamo. »Seit elf Jahren sind dort Menschen inhaftiert, ohne Anklage, ohne Prozess«, sagte die ehemalige hannoversche Bischöfin: »Wir können dort sehen, wie sehr die Glaubwürdigkeit einer Demokratie leidet, wenn Recht nicht zum Recht kommt.« Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig prangerte die Zahlung von Dumpinglöhnen in Deutschland an. »Wer so entlohnt wird, dass er von seiner Arbeit nicht leben kann, ist auch in seiner Würde verletzt«, sagte die Sozialministerin des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, kritisierte die deutsche Steuerpolitik. Bei der »Entlastung der oberen Zehntausend« in den vergangenen 20 Jahren sei das Pendel in die falsche Richtung ausgeschlagen, sagte Schneider im Deutschlandradio Kultur. Aus seiner Sicht sei unter anderem einen Vermögensabgabe für Reiche denkbar, um mehr Gerechtigkeit zu schaffen. Der Unternehmer Michael Otto äußerte bei einer Kirchentagsveranstaltung Verständnis dafür, dass in der Politik eine Reichensteuer erwogen wird. Wenn die Staatsfinanzen in Schieflage gerieten, sei eine zeitlich befristete Erhöhung der Einkommenssteuer für reiche Bürger vorstellbar, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende der Otto Group. Der 34. Deutsche Evangelische Kirchentag war am Mittwochabend eröffnet worden. Mehr als 116.000 Dauerteilnehmer haben sich zu dem Protestantentreffen angemeldet. Unter dem Motto »Soviel du brauchst« finden bis Sonntag über 2.500 Veranstaltungen statt. epd