hg
Gott ist eine Linkshänderin: Christina Brudereck setzte sich in Hannover beim ersten »Preacher-Slam« durch. Foto: privat

Erstes »Preacher Slam«: Wieviel Glaube braucht der Mensch?

Acht Redner, sieben Minuten

Aus dem Archiv (15.02.2013)

Wortakrobaten gegen Kirchenprofis: Beim ersten »Preacher Slam« in Hannover predigten acht Redner um die Wette.

Als Team setzten sich die Poeten durch. Doch die meisten Punkte des Publikums erhielt eine Theologin: Ist Gott Linkshänderin? fragte Christina Brudereck. Wenn es nach ihr geht - ja. Die 43-jährige Schriftstellerin und Theologin aus Essen stellte ihre besondere, feministisch angehauchte Interpretation der biblischen Schöpfungsgeschichte vor. ## Sie erntete damit tosenden Applaus. Eine Jury aus dem Publikum gab ihr für ihre Kurzpredigt 100 Punkte - mehr ging nicht. Das war der erste Platz beim Predigt-Wettstreit in der evangelischen Jugendkirche, und Brudereck setzte sich damit im Team der »Kirchenprofis« gegen mehrere erfahrene Poetry-Slammer durch. Sieben Minuten hatten vier Dichter und vier Kirchenleute Zeit, um den 400 Zuhörern ihre Gedanken zum Thema »Wieviel Glaube braucht der Mensch?« zu präsentieren. Der Slam gehörte zum Programm des ökumenischen Kongresses »Kirche hoch zwei«, bei dem rund 1.000 Protestanten und Katholiken nach neuen Wegen kirchlicher Arbeit suchen. Doch auch viele aus der Slam-Szene hatten den Weg in die Kirche gefunden, die an diesem Abend ungewöhnlich hergerichtet war: das neugotische Kirchenschiff abgedunkelt, der Altarraum als Bühne in weißes und rotes Licht getaucht. »Glaube ist für mich die Kraft, die aus Chaos Neues schafft!«, bekennt Brudereck, die in Essen das CVJM-Gemeindeprojekt »e/motion« und die Fraueninitiative Sisterhood mit gründete, in ihrem Vortrag. In sieben Tagen habe Gott »mit ihrer warmen Altstimme« die Welt erschaffen, schon am zweiten Tag den Kilimandscharo, Niedersachsen und das Ruhrgebiet. Für bayrische Hotels erschuf Gott die Geranie, und für alle, die sich Blumen nicht merken können, das Vergissmeinnicht. Bruderecks Pointe: »Kein Mensch und kein Stern ist Gott schnuppe.« Das kommt an. Alle Juroren im Publikum, die zuvor gelbe Stimmkarten erhalten haben, recken zehn Punkte in die Höhe. Viel Beifall erhält auch Klaus Urban (68) aus Stadthagen vom Team der »Wortakrobaten« mit seiner philosophischen »Glaubology«. Der Dichter und Schriftsteller sinniert über den »Glauben to go«, den sich viele an Weihnachten oder Ostern mitnähmen, bis er alle sei. »Glaubenssätze« aus der Ratgeber-Literatur wie »Ich habe eine positive Wirkung auf andere« singt er auf gregorianisch. Er spricht erst langsam, dann schneller und auch die Atheisten kriegen ihr Fett weg: »Sie glauben zwar zu wissen, dass man nicht glauben kann, aber ist das nicht auch Glaube?« Urbans Credo: »Ich glaube an mich.« Damit erreicht er den zweiten Platz. Provozierender tritt Profi-Slammer Tobias Kunze (31) aus Hannover auf. Sein Beitrag kreist darum, wie er am Hauptbahnhof einmal zur »wehrlosen Beute eines Anquatschkommandos« geworden sei. Eine »frömmelnde Fregatte« habe ihn in ein Gespräch über den Sinn des Lebens verwickeln wollen, erzählt er und ahmt die Frau mit fistelnder Stimme nach. Irgendwann sei ihm der Kragen geplatzt. »Wenn Gott so groß ist, warum spielt er dann nicht Basketball?«, brüllt Kunze. Das Publikum goutiert es mit dem dritten Platz. In der Team-Wertung haben am Ende die weltlichen »Wortakrobaten« mit 323 zu 306 Punkten die Nase vorn. Doch unabhängig vom Ergebnis ist für die Veranstalter von der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und vom katholischen Bistum Hildesheim noch etwas ganz anderes wichtig. »Hier können alle von einander lernen«, sagt Mitorganisatorin Annette Reus (32). Der Slam zeige, welche Sprache heute bei den Menschen ankomme. Die drei Sieger durften auch etwas mit nach Hause nehmen: Sie gewannen eine Flasche Klosterfrau Melissengeist. epd