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Schwerer Gang: Bischof Frank Otfried July musste vor Kameras erklären, warum es im Diakonischen Werk zu gravierenden Unregelmäßigkeiten kam. Foto: gmh

Katastrophen-Alarm

EKD-Synode

Aus dem Archiv (10.11.2010)

Es gibt Momente im Leben eines Journalisten, da können einem die Menschen, über die man berichten soll, richtig leid tun. So geschehen bei einer Pressekonferenz bei der Synodaltagung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover. Anlass: die Situation des Diakonischen Werkes der EKD.

Das Diakonische Werk hat einen richtig guten Namen. »Diakonie«, das klingt nach Nächstenliebe, selbstlosen Einsatz für die Mitmenschen. Gute Taten. Die guten Taten mögen geblieben sein. Beim Ruf allerdings hat die Diakonie in den vergangenen Wochen erheblich gelitten.## »Viel Glück«, raunt der Pressesprecher dem württembergischen Landesbischof zu. Der heißt Frank Otfried July und gilt als ehrenwerter Mensch unzweifelhaften Ansehens. Dummerweise hat July im Juni den Vorsitz des Diakonischen Rats übernommen. Der ist das Aufsichtsgremium des evangelischen Wohlfahrtverbandes. Und nun ist der untadelige Bischof auf dem Weg vor die Kameras und Mikrofone der Journalisten, um ihnen zu erklären, warum aus dem Vorstand des Diakonischen Werkes (DW) in den vergangenen Wochen ein Eklat nach dem anderen zu hören war. Erst wurde bekannt, dass der persönliche Referent von Diakonie-Präsident Klaus Dieter Kottnik, Walter Merz, gleichzeitig eingetragener Geschäftspartner des Stuttgarter Beratungsunternehmens Dithmar & Partner war – und dieses Unternehmen hatte nicht nur einen mehrere hunderttausend Euro schweren Beratungsvertrag zur Umstrukturierung des DWs erhalten, sondern die veranschlagten Kosten auch gleich mal um das zweieinhalbfache überzogen. (Artikel siehe hier) Diakonie-Präsident Kottnik tauchte erst ab. Dann trat er zurück (»aus gesundheitlichen Gründen«). Und dann gibt es noch das Gerangel darum, ob die SPD-Politikerin Kerstin Griese ihren Sitz im DW-Vorstand behalten soll oder nicht: Griese hatte diesen Posten nach der letzten Bundestagswahl bekommen, als sie unerwarteterweise nicht wieder in den Bundestag einziehen konnte. Ob das nun ein »Geschmäckle« hatte oder nicht – kaum verholen wird ihr jetzt vorgeworfen, dass sie diesen Vorstandsposten nicht wieder zurückgibt. Denn mittlerweile ist sie – ebenfalls wieder unerwarteterweise – doch noch in den Bundestag nachgerückt. Griese beharrt auf ihren Vertrag bis Ende 2011 und trotzt den Kritikern, die sagen: »Abgeordnete UND Vorstandsmitglied – zwei solche Vollzeitposten kann keiner unter einen Hut bringen.« Jede Menge Konflikte. Der Stoff, aus dem die Träume der Enthüllungs- und Skandaljournalisten gewebt sind. Bischof July, der als aktueller Aufsichtsratschef der Presse jetzt Antworten geben muss, schluckt. Er murmelt dem Pressesprecher zu: »Wird schon«, und geht vor die Kameras. Und tatsächlich, July hat Glück. Erstens sind diesmal keine Enthüllungs- und Skandaljournalisten anwesend – Käßmann ist weg, die diesjährige Synodaltagung der EKD ist für weite Pressekreise schlicht uninteressant. Außerdem kommt July sein Nimbus als »guter Mensch von nebenan« zugute. Er mag hier und da ins Schwimmen geraten, er hat nicht immer gleich alle Fakten parat (dann müssen Pressesprecher oder andere Fachleute einspringen). Ja, er muss zugeben, dass die Vorgänge um den Vorstand des DW unkorrekt, unappetitlich und (wie EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider gesagt haben soll) eine »Riesensauerei« gewesen sind. Aber er kann immerhin das Ergebnis einer unabhängigen Untersuchung präsentieren: Der Verdacht von Korruption hat sich nicht erhärten lassen. Die Zusammenarbeit mit der Beratungsfirma Dithmar & Partner wurde gelöst, vom persönlichen Referenten Walter Merz hatte man sich sofort getrennt. Bleiben Anfragen an Organisation und Controling. Hier bleibt abzuwarten, was geschieht. Ebenso wie im Fall Kerstin Griese. Frank Otfried July geht sichtlich erschüttert, aber ohne Blessuren aus der PK heraus. Als Aufsichtsratschef war er noch gar nicht im Amt, als die Ereignisse um die Beratungsfirma ihren Lauf nahmen. Vorsitzender des Diakonischen Rats war damals der jetzige EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider. Aber auch der, so die Meinung von Beobachtern, hatte damals praktisch keine Chance, den Unregelmäßigkeiten auf die Spur zu kommen. Es bleibt die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die geschäftlichen Verstrickungen des persönlichen Referenten eines Vorstandsvorsitzenden bei der Einstellung nicht zur Sprache gekommen sein sollen. Da gibt es Unklarheiten, die auch Klaus-Dieter Kottnik bisher nicht befriedigend aufklären konnte. Es bleibt auch die flehentliche Hoffnung, dass das Diakonische Werk alles tun wird, um den Imageverlust wieder auszugleichen, der durch die Vorgänge in der Vorstandsetage entstanden ist – und dass es weiteren Schaden abwenden wird. Diese Überlegung könnte vielleicht auch das ein oder andere SPD-Bundestagsmitglied im Herzen bewegen. gmh