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Vertrauenskrise: Motiv einer Diakonie-Werbekampagne. Foto: UK-Archiv

Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel

Diakonie in der Krise

Aus dem Archiv (04.11.2010)

Das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) steckt seit Wochen in einer tiefen Krise.

Auf dem Spiel steht das Vertrauen in die protestantische Sozialarbeit - und damit in die Glaubwürdigkeit eines der wichtigsten Handlungsfelder der evangelischen Kirche. Erst sorgten enge personelle Verflechtungen zwischen dem Präsidialbüro und einer Beratungsfirma für Schlagzeilen, dann trat Präsident Klaus-Dieter Kottnik zurück, und ob die SPD-Politikerin Kerstin Griese ihr Bundestagsmandat und die Vorstandstätigkeit im Diakonie-Bundesverband wirklich unter einen Hut bringen kann, erscheint zumindest fraglich.## Am Montag wird sich der Aufsichtsrat des Diakonischen Werkes am Rande der EKD-Synode in Hannover mit möglichen Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Beraterverträgen beschäftigen und über Konsequenzen beraten. Grundlage ist ein Bericht der Kölner Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Solidaris, die die Auftragsvergabe der Diakonie in den Jahren 2007 bis 2010 an externe Berater unter die Lupe genommen hat. Die Diakonie steht unter Druck, seit herauskam, dass der persönliche Referent des Diakonie-Präsidenten Kottnik, Walter Merz, elf Monate lang leitender Angestellter der Diakonie und gleichzeitig eingetragener Geschäftspartner des Stuttgarter Beratungsunternehmens Dithmar & Partner war. Nach der Enthüllung trennte sich die Diakonie von Merz, der Beraterin Christiane Dithmar wurden alle Aufträge entzogen, und Präsident Kottnik gab sein Amt Ende September auf. Die Diakonie nannte dafür gesundheitliche Gründe. Am 9. Dezember soll auf einer Sondertagung der Diakonischen Konferenz ein neuer Präsident gewählt werden. Noch ist unklar, ob er für die reguläre Amtszeit von fünf Jahren gewählt wird. Manchen scheint das Risiko zu groß, eine überhastete Personalentscheidung zu treffen - und dann in die nächste Krise zu schlittern. Sie plädieren deshalb dafür, zunächst einmal die strukturellen Probleme des Verbandes zu analysieren. Dem Vernehmen nach könnte es bei der Wahl auch auf eine kleine Lösung hinauslaufen: Die Diakonie entscheidet sich für einen Interims-Präsidenten, der das Amt bis Ende 2011 wahrnimmt. Dann könnte Ende nächsten Jahres zeitgleich mit der geplanten Fusion von Diakonie und Evangelischem Entwicklungsdienst (EED) eine Neuwahl für eine komplette, also fünfjährige Amtszeit erfolgen. Wenn denn der Zeitplan für die ehrgeizige Fusion der beiden großen evangelischen Organisationen eingehalten wird: Am Donnerstag wurde bekannt, dass die evangelische Kirche den ursprünglich geplanten Standort im Zentrum Berlins aufgibt und Ausschau nach einer neuen Lösung hält. Bis spätestens 2013 sollen die Mitarbeiter von den Standorten Stuttgart und Bonn aus unter ein gemeinsames Dach in der Hauptstadt ziehen. Von den Umzugsplänen an den neuen Standort sind insgesamt 640 Mitarbeiter betroffen. In diesen turbulenten Zeiten stehen zudem zwei von drei Vorstandsmitgliedern unter besonders aufmerksamer Beobachtung. Hinter vorgehaltener Hand wird Kritik daran geäußert, dass Kerstin Griese dem Vorstand angehört und zugleich ihr Mandat als SPD-Bundestagsabgeordnete wahrnimmt. Griese war im Sommer 2010 in den Bundestag nachgerückt. Seither nimmt sie diese Doppelfunktion mit der Erlaubnis des Diakonischen Rates wahr. Ihr Vertrag bei der Diakonie läuft bis Ende 2011. Die Organisation Lobbycontrol erklärte, bei Nachrückern in den Bundestag sei eine gewisse Übergangszeit für die vorherige Tätigkeit vertretbar. Allerdings sollte diese möglichst begrenzt sein. Die Transparenzregeln für Bundestagsabgeordnete besagten, dass die Abgeordnetentätigkeit im Mittelpunkt zu stehen habe. Eine Übergangszeit bis Ende 2011 sei »schwer begründbar«. Auch der Vizepräsident der Bundesdiakonie, Wolfgang Teske, muss im Verband Vertrauen zurückgewinnen. Schließlich war er als Chef der Verwaltung bei der Vergabe von Aufträgen an externe Beratungsunternehmen in den vergangenen Jahren maßgeblich beteiligt. epd