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Hilft die Babyklappe oder schafft sie erst die Nachfrage? Auch im Ethikrat ist man sich darüber uneins. Foto: Anika Wehmhöner

Ethikrat empfiehlt die Schließung von Babyklappen

Anonyme Geburten

Aus dem Archiv (26.11.2009)

Der Deutsche Ethikrat hat die Schließung der »Babyklappen« empfohlen.

Auch Angebote zur anonymen Geburt sollten aufgegeben werden, weil vor allem das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung und auf Beziehung zu seinen Eltern verletzt werde, heißt es in einer in Berlin veröffentlichten Stellungnahme mit dem Titel »Das Problem der anonymen Kindesabgabe«. Die Kirchenvertreter in dem Gremium trugen die Empfehlung nicht mit.## Auch die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischöfin Margot Käßmann, will in jedem Fall an Babykörbchen für Neugeborene festhalten. Babyklappen sind öffentlich zugängliche, geschützte Wärmebettchen, in denen Frauen anonym ihr Neugeborenes legen und zur Adoption freigeben können. Derzeit gibt es bundesweit knapp 80 Babyklappen. Die meisten davon sind in kirchlicher Trägerschaft. Daneben werden in rund 130 Krankenhäusern anonyme Entbindungen angeboten. Dabei gibt die Frau ihre Identität nicht preis. Die Angebote anonymer Kindesabgabe seien ethisch und rechtlich sehr problematisch, heißt es in der Stellungnahme. »Sie sind rechtswidrig«, erläuterte die stellvertretende Ethikrat-Vorsitzende Christiane Woopen. Kein Einfluss auf Zahl der getöteten Babys Die bisherigen Erfahrungen legten zudem nahe, dass Frauen, die ihr Kind töten wollen, durch die Angebote nicht erreicht würden. In den vergangenen zehn Jahren seien geschätzt 500 Kinder durch diese Angebote zu »Findelkindern mit dauerhaft anonymer Herkunft« geworden, so das Gremium. Die Zahl der getöteten Kinder sei im gleichen Zeitraum nicht signifikant zurückgegangen. Alternative: Besser über legale Hilfsangebote informieren Als Alternative schlägt der Ethikrat vor, die legalen Hilfsangebote für schwangere Frauen in Notsituationen zu verbessern und bekannter zu machen. Zudem solle ein Gesetz zu einer »vertraulichen Kindesabgabe mit vorübergehend anonymer Meldung« beschlossen werden. Dabei wird der Frau zugesichert, dass ihre Daten ein Jahr lang ab Geburt des Kindes nur der Beratungsstelle und nicht den Meldebehörden mitgeteilt werden. Sechs Mitglieder stimmten dagegen Der Empfehlung des Gremiums schlossen sich sechs Mitglieder nicht an, darunter die Vertreter der katholischen Kirche, der Augsburger Weihbischof Anton Losinger und der Freiburger Theologe Eberhard Schockenhoff. Auch die Juristin und frühere Vorsitzende des Vorgänger-Gremiums, des Nationalen Ethikrats, Kristiane Weber-Hassemer, sowie der Medizinethiker Eckhard Nagel, der auch evangelischer Präsident des Ökumenischen Kirchentags ist, unterzeichneten das Sondervotum. Sondervorum: Babyklappen sind »letzter Ausweg« Darin werden Babyklappen und Angebote anonymer Entbindungen als »letzter Ausweg« betrachtet, um Frauen zu erreichen, die von regulären Hilfsangeboten keinen Gebrauch machen wollen und sonst möglicherweise ihr Kind unversorgt aussetzen würden. Eine gesetzliche Regelung könne hingegen ungewollt zu einer Aufwertung der anonymen Kindesabgabe führen. Weber-Hassemer verwies darauf, dass die Datenlage »flau und nicht verlässlich« sei. Angesichts dieser mangelnden Grundlage solle die derzeitige Praxis der anonymen Kindesabgabe geduldet werden. »Der Zustand ist tolerabel«. Aus ähnlichen Motiven enthielten sich die beiden Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) der Stimme. Zahlen nur weitläufig geschätzt EKD-Kirchamtspräsident Hermann Barth sagte dem epd, da man bei den Zahlen über weit auseinandergehende Schätzungen nicht hinauskomme, »ist mir die Sinnhaftigkeit der intensiven Beschäftigung mit diesem Thema je länger desto mehr fraglich geworden«. Der Thüringer Altbischof Christoph Kähler sagte, Babyklappen, die in ein Netz aus Hilfsangeboten eingebunden seien, seien sinnvolle Einrichtungen. Dennoch müsse es der Gesellschaft bewusst sein, dass die Klappen rechtswidrig seien. Nachfrage erst geschaffen Die beiden Ethikratmitglieder Axel W. Bauer, Medizinethiker, und die Rechtsanwältin Ulrike Riedel, hielten in einem ergänzenden Votum fest, dass sie ein Gesetz zur vertraulichen Geburt nicht für erforderlich halten. Sie würden es dennoch mittragen, »um in der Sache weiterzukommen«, sagte Riedel, die zu den maßgeblichen Initiatoren des Themas im Ethikrat gehörte. Sie sei aber der Auffassung, dass die Angebote zur anonymen Geburt eine Nachfrage schaffe, die es vorher nicht gegeben habe. epd www.ethikrat.org