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Bunte Turnschuhe am Grab sind nur selten angebracht. Foto: pictureserver

Was trägt der Herr am Grab?

Trauer-Knigge

Aus dem Archiv (08.10.2009)

Turnschuhe, Handys und Kaugummi sind tabu: Ein Bremer Theologe will mit seinem »Trauerknigge« vor Fettnäpfen am Grab und anderswo schützen.

Handy-Klingeln zerreißt die Stille in der Kapelle. Gleich in der zweiten Reihe hinter den trauernden Angehörigen mümmelt ein Turnschuhträger leise schmatzend an seinem Kaugummi: Das und noch viel mehr hat der Bremer Pastor Klaus Dirschauer gar nicht selten in seinem Berufsleben bei Trauerfeiern und Beerdigungen erlebt. ## Ratgeber für die Westentasche Wie Fettnäpfen in der Kirche und später am offenen Grab ausgewichen werden kann, darüber hat der 73-jährige evangelische Theologe einen »Trauer-Knigge« verfasst, der nun als Ratgeber für die Westentasche erschienen ist. »Der Tod wird in Kliniken, Alten- und Pflegeheimen versteckt, viele sind unsicher, wie sie sich Menschen gegenüber verhalten sollen, die von einem Todesfall betroffen sind«, hat Dirschauer erfahren. Die Unsicherheit fängt schon beim Treffen auf der Straße an Eine Unsicherheit, die schon bei Kleinigkeiten anfängt. »Kann man den Trauernden auf der Straße eigentlich mit 'guten Tag' begrüßen?«, fragt Dirschauer und gibt auch gleich die Antwort: »Besser ist es, einen Augenblick stehenzubleiben, dem Gegenüber ohne Umschweife seine Anteilnahme auszusprechen.« Selbstverständliche Traditionen, die Kleiderordnung für die Trauerfeier, die kurze Verbeugung vor dem Sarg in der Kirche, der Eintrag ins Kondolenzbuch - diese und andere Rituale sind vielen Menschen fremd geworden. Dirschauer ruft sie wieder in Erinnerung. »Es sind Traditionen mit einem tiefen Sinn, die den Umgang miteinander erleichtern und dem Trauernden helfen, wieder ins Leben zurückzufinden.« Fettnäpfchen am Grab vermeiden Dirschauer geht ins Detail, etwa, was die richtige Kleidung bei der Trauerfeier angeht. Der Herr trägt einen schwarzen, anthrazitfarbenen oder dunkelblauen Anzug, ein weißes Oberhemd, eine schwarze Krawatte. Tennissocken, sonst auch nicht gerade Beweis für stilsichere Garderobe, gehen gar nicht. Die Strümpfe sollten genauso schwarz sein wie die Schuhe. Dunkle Jeans und ein schwarzes T-Shirt findet Dirschauer bei jungen Leuten durchaus in Ordnung. Und was trägt die Frau am Grab? »Ein dunkles Kostüm, dazu weiße Bluse, dunkle Strümpfe, flache schwarze Schuhe und ein dezentes Make-up.« Hochhackige Pumps seien auf dem Friedhof nicht empfehlenswert. »Schon allein wegen der Grabwege.« Rauchen, schwätzen und Papier-Knistern sind tabu Wer knisternd ein Papiertaschentuch aus der Packung zieht, während des Trauerzuges über den Friedhof eine Zigarette anzündet oder schwatzt, der stört, warnt Dirschauer. Kinder hingegen sollten bei Trauerfeiern dabei sein: »Das ist für sie oft leichter, als ausgeschlossen zu werden.« Beileidsbekundungen am offenen Grab, mit persönlichen Worten, Händedruck oder Umarmungen verbunden, mögen gut gemeint sein, könnten aber schwierig werden: »Das überfordert die engsten Angehörigen. Die Nähe wird zur seelischen und körperlichen Tortur.« Nähe kann zur Tortur werden Wie reagiere ich auf eine Todesanzeige, wann kondoliere ich mündlich, wann schriftlich? Was kann auf einer Kondolenzkarte stehen? Wann darf ich Hut oder Mütze tragen, wann nicht? Was passiert in der Kapelle oder in der Aussegnungshalle? Dirschauer weiß auf alles eine Antwort. Und er weiß Rituale wie den Erdwurf am Grab zu deuten: »Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub - das erinnert an eine Zeit, in der die Angehörigen den Toten noch selbst begruben.« Knigge für Nachbarn, Freunde, Familienmitglieder Dirschauers Trauerknigge wendet sich in erster Linie an Freunde, Nachbarn und Familienmitglieder, aber auch an Menschen, die in ihrem Beruf öfter mit dem Tod zu tun haben. Mit seinem Ratgeber wirbt er auch dafür, nach der Beerdigung mit Trauernden in Verbindung zu bleiben. »Das erste Trauerjahr ist die Zeit der kleinen Abschiede nach der Beerdigung. Geburtstage, Ostern, Weihnachten - alles passiert nun erstmals ohne den Verstorbenen. Da ist Beistand gefragt.« epd Internet: www.claudius.de; www.dirschauer.info