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Landete Millionenerfolg: William Paul Young. Foto: Verlag/Bobby Downes

»Akkurates« Gottesbild?

»Die Hütte» - jetzt auf Deutsch

Aus dem Archiv (24.06.2009)

Seit 55 Wochen steht das Buch auf der Bestsellerliste der New York Times. Verkauft hat es sich mehr als sieben Millionen Mal in 25 Ländern der Welt. Jetzt liegt „The Shack“ in deutscher Sprache vor: Es heißt „Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott“, und geschrieben hat es William Paul Young, ein Familienvater aus dem US-Westküstenstaat Oregon. Vermutlich wird es auch hierzulande - wie bereits in den USA - für Diskussionen sorgen.

„Die Hütte“, eine Mischung aus Kriminalroman und Glaubensbuch, gilt inzwischen als „Phänomen“. Der Grund dafür ist, dass das Buch so außergewöhnlich erfolgreich war, obwohl der Autor weder über Erfahrungen als Schriftsteller verfügte noch einen Verlag für seinen Text hatte. Seine Geschichte über eine wundersame Begegnung eines Menschen mit Gott in einer abgelegenen Hütte galt den religiösen Häusern in den USA nach Youngs Worten als „grenzwertig“, Lektoren aus säkularen Häusern kam in dem Buch zuviel Heiliger Geist, Gott und Jesus vor. ## Entstanden war die Geschichte zunächst auch nicht mit dem Ziel, sie einem großen Leserkreis zuzuführen. Es war ein ganz privates Geschenk des Autors für seine sechs Kinder zu Weihnachten 2005. Aber auch Freunde lasen das Manuskript. Und die waren so begeistert von dem Text, dass sie Young beim Redigieren halfen und nach der vergeblichen Suche nach einem Verlag ihr Erspartes zusammenwarfen und für „The Shack“ im Jahre 2007 den Verlag „Windblown Media“ gründeten.

Was dann geschah, konnte niemand ahnen: Der Roman über das menschliche Ringen, Gott zu verstehen, wurde zum absoluten Überraschungserfolg. „Christen auf der ganzen Welt sehnen sich nach einem unverkrampften Umgang mit dem Thema Glauben“, sagt Michael Goerden vom Allegria-Verlag aus dem Hause Ullstein, der das Buch „Die Hütte“ in diesem Monat in Deutschland veröffentlicht hat. Das Interesse an spirituellen Themen sei „so groß wie nie“. Gekauft wird das Buch in den USA allerdings zumeist von Christen oder zumindest von Lesern, die an der Bibel interessiert sind. Drei Viertel der US-Amerikaner bezeichnen sich als Christen, etwa 25 Prozent sind Evangelikale. Der Roman verbreitete sich vor allem dank der ausgeprägten christlichen Infrastruktur in den USA: durch Mundpropaganda, christliche Rundfunkprogramme und christliche Websites. Für die professionelle Werbung wurden nach Youngs Worten weniger als 300 Dollar ausgegeben. „Die Hütte“ handelt von Mackenzie Allen Philips, der seine jüngste Tochter Missy bei einem Camping-Ausflug verliert. Die Polizei kommt zu dem Schluss, Missy sei entführt und ermordet worden. Die Leiche wird nie gefunden. Über Mack, wie seine Freunde ihn nennen, kommt eine „tiefe Trauer“. Er hadert mit Gott und will wissen, warum er den Mord nicht verhindert hat. Dann geht es Schlag auf Schlag. Eines Winters erhält er eine rätselhafte Einladung, anscheinend von Gott. Er möge in „die Hütte“ kommen. Mack packt das Grauen. In der Hütte nämlich wurde Missy vermutlich ermordet. Aber Mack nimmt die Einladung an. Was jetzt folgen könnte, wäre ein Gleichnis. Ein Gleichnis über eine Begegnung, die Macks Verhältnis zu Gott wieder ins Lot bringt. Was aber folgt, ist eine reale Geschichte: In der Hütte erscheint tatsächlich Gott – und zwar aus Fleich und Blut als eine große, rundliche und humorvolle Afro-Amerikanerin, die sich Papa nennt und Mack liebevoll in die Arme schließt. Der Heilige Geist ist eine schlanke Asiatin in Jeans, Jesus ein jüdischer Schreiner. Die vier verbringen ein Wochenende zusammen in der Hütte, sie unterhalten sich über das Leben, über den Glauben, über das Leiden und über den Zweifel. Der Gott in „Die Hütte“ ist nicht der Gott der Gebote und Vorschriften, sondern ein Gott, der die Beziehung sucht zum Menschen, sie vorbehaltlos liebt, mit ihnen leidet, aber nicht unbedingt rettend eingreift. Gott in Gestalt der Afro-Amerikanerin widerspricht auch Macks althergebrachtem Konzept von Sünde und Strafe. Er müsse die Menschen nicht für ihre Sünden strafen, sagt „Gott“ in dem Roman. „Sünde selber ist die Strafe, sie frisst dich von innen heraus auf.“ Die personale Beziehung, die Mack in der Hütte zu „Gott“ aufnimmt, dürfte dem entsprechen, was auch den Glauben seines „Erfinders“ William Paul Young ausmacht: Der religiöse Teil seines Lebens sei nicht vom weltlichen zu trennen, sagte der als Sohn von Missionaren in Papua-Neuguinea aufgewachsene Autor kürzlich in einem Interview. Und er bekannte: „Bei all meinen Tätigkeiten ist Gott mit dabei“. Kommentaren und christlichen Blogs nach zu urteilen, hat der Roman in den USA vielen christlich orientierten Menschen geholfen, mit Lebenskrisen, Verlust und Leid zurechtzukommen. Vor allem von konservativen Christen in den Vereinigten Staaten kommt jedoch Kritik. Youngs „Gott“ vertrete die These, dass die biblischen Gebote weniger wichtig seien als die persönliche Beziehung des Menschen zu Gott, und dass auch Nicht-Christen zu Gott finden könnten, klagt etwa der evangelikale Autor Tim Challies. Bei Allegria landet „Die Hütte“ inmitten eines Angebots, das manche US-Evangelikale beunruhigen würde: Allegria verlegt viel Esoterisches, unter anderem die Werke der kalifornischen „Engeltherapeutin“ Doreen Virtue, für die die Erzengel „liebevolle, starke und weise Führer in allen Lebenslagen“ sind. In „Die Hütte“ findet man die Antwort auf Lebensfragen nicht so schnell. Obwohl auch Youngs „Gott“ gegen Ende des Buches Mack so konkret hilft, wie man es nicht erwarten würde. Ob es theologisch der richtige Weg ist, Gott auf diese Weise auf die Erde zu holen, ihn menschlich zu machen, darüber wird es vermutlich in Deutschland, das weniger evangelikal geprägt ist als die USA, noch Diskussionen geben. Interessant zumindest sind die Denkanstöße über die verschiedenen Gottesbilder, die Young seinem Lesepublikum mit auf den Weg gibt. Immerhin verabschiedet sich Mack durch die Begegnung in der Hütte von der Vorstellung vom alten Mann mit dem weißen Bart. A propos Bild: Youngs „Traum“ ist es, so schreibt er im Nachwort zu „Die Hütte“, seinen Gott auch auf die Leinwand zu bringen. Er möchte so viele Exemplare seines Buches verkaufen, „dass sich die Tür für einen abendfüllenden Spielfilm öffnet“. Dieser Film solle weltweit ein großes Publikum erreichen und „ein akkurates Bild vom Wesen und Charakter Gottes“ zeichnen, für eine Menschheit, „die sich aus tiefstem Herzen nach einem solchen Gott sehnt“. Ein „akkurates Gottesbild“? Man darf gespannt sein... Autoren: Konrad Ege und Annemarie Heibrock