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Kirchenratswahlen am 23. Juli 1933: Wahlpropaganda mit SA-Unterstützung vor der St.-Marien Kirche am Neuen Markt in Berlin. Foto: Bundesarchiv

Der Weg nach Barmen

75 Jahre Barmer Theologische Erklärung

Aus dem Archiv (11.05.2009)

Als die Unruhe in den Kirchen durch die kirchenpolitischen Auseinandersetzungen 1933 zunahmen, griff Reichsbischof Ludwig Müller zum Erlass einer Ordnung, die den Pfarrern jegliche öffentliche Beteiligung an der kirchenpolitischen Diskussion verbot.

Dieser „Maulkorberlass“ vom 4. Januar 1934 verschärfte die Lage ungemein. Einen Tag vorher hatte sich zum ersten Mal eine Freie Reformierte Synode in Barmen-Gemarke gebildet.## Der Bonner Prof. Karl Barth, der schon im Juni in seiner Schrift „Theologische Existenz“ eine richtungweisende Konzentration der Kirche und ihrer Pfarrer auf theologisch-kirchliche Arbeit empfohlen hatte, hielt einen Vortrag „Über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der DEK der Gegenwart“, den die Synode „dankbar auf ihre Verantwortung“ nahm. Ähnliche Versammlungen bekennender Christen gab es in der Folge vor allem im Rheinland, in Westfalen und Brandenburg. Zu diesen Versammlungen strömten jetzt Gemeindevertreter und Gemeindeglieder. Am 18./19. Februar hält Joachim Beckmann auf der Freien Evangelischen Synode im Rheinland einen Vortrag über „Reformatorisches Bekenntnis heute“. Ein Problem war es für die Bekenntnisgemeinschaften in den „nichtintakten Kirchen“, wie sich in dem großen Konflikt die süddeutschen „intakten Kirchen“, die sich nicht in das DC-Kirchenregiment hatten eingliedern lassen, verhalten würden. Die Bischöfe Wurm (Württemberg) und Meiser (Bayern) hatten immer wieder versucht, in direktem Kontakt zu Hitler die Kirchenprobleme durch einen Kompromiss zu lösen. Aber auch bei dem Empfang am 13. März mussten sie sich sagen lassen, dass er mit Müller zusammen auf eine einheitliche, geschlossene Reichskirche hinarbeite. Beide Bischöfe suchten den zwischenzeitlich unterbrochenen Kontakt zu den Brüdern in Preußen und anderswo wieder aufzunehmen. Am Morgen des 16. März wird die Westfälische Provinzialsynode durch die Gestapo aufgehoben und es konstituiert sich am Nachmittag eine „Westfälische Bekenntnissynode“. Sie erklärt das Kirchenregiment zur „ungeistlichen Gewaltherrschaft“ und fordert die Gemeinde auf, sich der Leitung eines Bruderrates zu unterstellen. Bekenntnispfarrer und Bekenntnisgemeinden bilden bald das Fundament einer sich langsam bildenden Bekennenden Kirche. Am 18. März folgt ein rheinisch-westfälischer Gemeindetag „Unter dem Wort“ mit 25.000 Teilnehmern in der Dortmunder Westfalenhalle. Die Bedeutung dieser Dortmunder Ereignisse kann für den Weg nach Barmen kaum überschätzt werden. Denn Meiser lud schon am 19. März neben Wurm und Koch weitere Vertreter der westdeutschen Pfarrerschaft nach Frankfurt /M. ein. Das Ergebnis war die Bildung einer „Bekenntnisgemeinschaft“ zwischen dem Westen und dem Süden. Gemeinsam war ihnen klar geworden, dass die Zeit lavierender Kirchenpolitik vorbei war und der Kampf nun um die Freiheit der biblischen und bekenntnisgebundenen Verkündigung der Kirche ging. Schon am 11. April fand ein nächstes Treffen im Predigerseminar von Nürnberg statt. Anwesend waren neben Meiser Wurm, Koch, Martin Niemöller, Joachim Beckmann, Johannes Bosse, Georg Fiedler, Johannes Theodor Horn, Gerhard Jacobi und Hans Asmussen. Das Ergebnis war die Bildung eines „Nürnberger Ausschusses“, der sich in einen „Aktionsausschuss“ und einen „Theologischen Ausschuss“ untergliederte. Es ist der Beginn eines organisatorischen Aufbaus einer sich bildenden „Bekennenden Kirche“ (BK). Nach erneuten Angriffen von Müller, die Kirche auf seine Weise zu befrieden, kam es am 22. April in Ulm nach einem Gottesdienst von Wurm zu einer von Bischof Meiser verlesenen „Ulmer Erklärung“, in der es am Anfang heißt: „Wir versammelten Vertreter der württembergischen und bayrischen Landeskirchen, der Freien Synode im Rheinland, in Westfalen und Brandenburg, sowie vieler bekennender Gemeinden und Christen in ganz Deutschland erklären als rechtmäßige evangelische Kirche Deutschlands vor dieser Gemeinde und der gesamten Christenheit....“ Diese Ulmer Erklärung ist die Gründungsurkunde der Bekennende Kirche auf Reichsebene. Aus der Bekenntnisgemeinschaft war die Bekennende Kirche geworden. Am 29. April kam es zu einer gemeinsamen Tagung der Westfälischen Bekenntnissynode und der Freien Evangelischen Synode im Rheinland in Dortmund. Auch sie bekundet: die Bekennende Kirche ist die legitime Kirche des Wortes und des Rechtes. Die Reichskirchenregierung antwortete mit verschärfter Eingliederungs- und Gleichschaltungspolitik. Auf der nächsten Sitzung des „Nürnberger Ausschusses“ schlägt Karl Immer einen Theologenausschuss zur Vorbereitung einer Theologischen Erklärung auf einer Bekenntnissynode vor. Karl Barth, Thomas Breit und Hans Asmussen, später ergänzt durch Hermann Sasse, werden mit einer Ausarbeitung beauftragt. Schon am 7. Mai tagt man erneut, jetzt in Kassel. In einer „Kasseler Erklärung“ heißt noch einmal: wir sind die rechtmäßige DEK. Für den 15./16. Mai beruft Karl Koch den Theologischen Ausschuss nach Frankfurt/M. ein. Hier beginnt nun die Text- und Redaktionsgeschichte der späteren Barmer Theologischen Erklärung. Viele Kontroversen zwischen den Theologen sind zu überwinden. Im Ganzen liegen acht Textfassungen vor. Es wird eine von hohem theologischen Verantwortungsbewusstsein getragene Arbeit, die aufregend und konfliktreich gewesen ist. Noch auf der letzten Sitzung am 22. Mai in Leipzig wird im erweiterten Kreis um jede Formulierung und um die Abfolge der Synode gerungen. Es war Hans Asmussen, der viele Wochen an der Abfassung einer Synodalrede gearbeitet hat, immer in Kontakt zu seinen Mitstreitern. Als die Bekenntnissynode schließlich begann, lag harte Arbeit der Verfasser in kirchengeschichtlich turbulenter Zeit hinter ihnen. Von Professor Günter Brakelmann, Bochum