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Symbol der Trennung: Die Mauer in Berlin. Vor 20 Jahren wurde sie überwunden. Foto: Fux

»Friedliche Revolution« und nicht »Wende«

Rückblicke

Aus dem Archiv (31.12.2008)

Die Fülle an Schriften, die die großen Umbrüche in der DDR im Herbst 1989 beschreiben und deuten, könnte kaum größer sein. Und dennoch erscheinen die Ereignisse, die vor 20 Jahren Staat und Gesellschaft in Ostdeutschland so grundlegend verändert haben, manchem auch heute noch wie ein Wunder.

Für andere sind die Geschehnisse vom Herbst 1989 so hinreichend klar, dass sie kaum Sinn darin sehen, darüber noch lange zu diskutieren. Dennoch wird es auch im nächsten Jahr, wenn sich das Revolutionsjahr 1989 zum 20. Mal jährt, genügend Anlass geben, darüber zu streiten, wer und was die Veränderungen befördert oder behindert hat.## Dabei steht außer Frage, dass die Friedliche Revolution vielen zu verdanken ist. Und längst nicht alle hatten das gleiche Ziel. Zudem wollte die herrschende SED mit ihrer vergreisten Führung alles andere als Veränderung. Aber sie trug mit ihrer starren Haltung unabsichtlich zum Entstehen der Reformgruppen und deren Erfolgen erheblich bei. Einen maßgeblichen Anteil an den Veränderungen hatten vor allem Gruppen wie das »Neue Forum«, die Bürgerbewegung »Demokratie Jetzt«, die »Sozialdemokratische Partei« und der »Demokratische Aufbruch«. Ohne ihr Engagement bei den zahlreichen Demonstrationen und an den ungezählten Runden Tischen im Land wäre es sicherlich nicht zu einem geordneten Übergang von der SED-Diktatur in die freiheitliche Demokratie gekommen. Wesentliche Vorarbeit für diese Initiativen haben wiederum die vielen kleinen Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen geleistet, die zumeist im Laufe der 80er Jahre entstanden sind: teils als kirchliche Basisgruppen, teils als unabhängige Initiativen, die unter dem schützenden Dach der evangelischen Kirche tätig waren.

<b>Auslaufmodell:</b> Ein Denkmal der kommunistischen Denkmäler Karl Marx (links) und Friedrich Engels. Foto: Esther Hildebrandt

Auslaufmodell: Ein Denkmal der kommunistischen Denkmäler Karl Marx (links) und Friedrich Engels. Foto: Esther Hildebrandt

Aber auch die evangelische Kirche selbst hat maßgeblich zum Gelingen der Revolution beigetragen. Denn mit ihren demokratisch gewählten Leitungen bot sie immer wieder die Chance, parlamentarische Arbeits- und Entscheidungsprozesse einzuüben. Hinzu kommt, dass sie auf Synoden oder in Erklärungen ihrer Leitungen viele der Probleme zur Sprache brachte, die die Menschen in der DDR-Gesellschaft beschwerten. Das Verdienst der Kirche beruht aber nicht zuletzt auch darauf, dass sie durch ihr Friedensengagement maßgeblich zu einem gewaltlosen Verlauf der Umwälzungen in den Jahren 1989 und 1990 beigetragen hat - und das nicht nur durch die zahlreichen Fürbitten und Friedensgebete, die den meisten Demonstrationen vorausgingen. Der wiederkehrende Ruf »Keine Gewalt« und der weithin friedfertige Umgang der Demonstranten mit Polizei und Stasi-Mitarbeitern sind dafür nur Beispiele. Einen besonderen Beitrag leistete nicht zuletzt auch der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow. Seine auf Glasnost und Perestroika gerichtete Politik ließ ihn seit Mitte der 80er Jahre zum Hoffnungsträger der Reformkräfte im Ostblock werden. Mit seiner Politik nahm er den greisen SED-Genossen zudem die Hoffnung auf militärischen Beistand im Kampf gegen die eigene Bevölkerung, wie das beim Volksaufstand am 17. Juni 1953 der Fall war. Die allerdings war in einem Maß gespalten wie selten: In einen Teil, der sich mit den Verhältnissen im Land abgefunden hatte, in einem zweiten Teil, der dagegen aufbegehrte und ähnlich wie in Polen immer nachdrücklicher Reformen einforderte, und einem dritten Teil, der in der DDR keine Lebensperspektive mehr sah und darum auf Ausreise in den Westen drängte. Auch deren Vorgehen trug nicht unwesentlich zum Ende der DDR bei. So lässt sich vieles im Rückblick durchaus nachvollziehbar darstellen. Ein einhelliges Gesamtbild ist daraus aber wohl auch im Jubiläumsjahr 2009 nicht zu erwarten - aller sorgfältigen Aufarbeitung zum Trotz. Was nur einmal mehr bestätigt, dass sich vieles vielleicht gar nicht so eindeutig erklären lässt. Auch darum mag das Geschehen vom Herbst 1989 für manchen noch heute als Wunder erscheinen. Autor: Hans-Jürgen Röder (epd) ______________________ Das aktuelle Stichwort: Friedliche Revolution Als Friedliche Revolution werden die historischen Ereignisse bezeichnet, die in der DDR im Herbst 1989 zum Ende der SED-Herrschaft und zu den ersten freien Wahlen im März 1990 führten. Für diese Umbrüche wird zwar häufig der Begriff »Wende« verwendet, der aber vom letzten Staats- und Parteichef Egon Krenz stammt und zudem vorgibt, dass die Umbrüche vor 20 Jahren von der Staats- und Parteiführung der DDR ausgegangen seien. Tatsächlich reagierte die SED jedoch nur auf den Druck der Menschen, die vom 7. Oktober an fast täglich auf Demonstrationen ihre Forderung nach demokratischer Umgestaltung der DDR zum Ausdruck brachten. Ihre Kennzeichen waren die brennende Kerze und der Ruf »Keine Gewalt!«. Ausgangspunkte der Demonstrationen waren häufig Fürbittandachten oder Friedensgebete.
<b>Abgelaufen</b>: Weltzeituhr auf dem Berliner Alexanderplatz.

Abgelaufen: Weltzeituhr auf dem Berliner Alexanderplatz.

Besondere Bedeutung kam der evangelischen Nikolaikirche in Leipzig zu, in der sich Menschen seit Anfang der 80er Jahre jeden Montag zum Friedensgebet treffen. Von hier zogen am 9. Oktober 1989 nach dem Friedensgebet rund 70.000 Menschen auf den Altstadtring der Messestadt, um für die demokratische Umgestaltung der Gesellschaft zu demonstrieren. Angesichts der unerwarteten Übermacht der Menschen hielten sich die Sicherheitskräfte zurück. Seither gilt der Tag als Durchbruch für die friedlichen Veränderungen in der DDR. Bis in den Dezember hinein nahm nicht nur Woche für Woche die Zahl der Teilnehmer zu, sondern auch die der Städte und Dörfer, die sich an den regelmäßigen Demonstrationen beteiligten. Zu deren Kennzeichen gehörte neben dem friedlichen Verlauf auch die Tatsache, dass sie im Regelfall am frühen Abend und damit bewusst nach der Arbeit stattfanden. Die tragenden politischen Kräfte der Demonstrationen waren Reforminitiativen wie das »Neue Forum«, »Demokratie Jetzt«, »Demokratischer Aufbruch« oder auch die »Sozialdemokratische Partei in der DDR«. Ihre Gründungsprogramme hatten die demokratische Umgestaltung der DDR zum Ziel. Forderungen nach einer Wiedervereinigung beider deutscher Staaten spielten erst im Spätherbst eine zunehmende Rolle. Siehe auf : Das Revolutionsjahr 1989