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Freiwillige Helfer versuchen, bis zuletzt Stimmung für Barack Obama zu machen. Foto: Günter Apsel

Barack Obama wird Präsident der USA

US-Präsidentschaftswahlen

Aus dem Archiv (04.11.2008)

Jetzt steht es fest: Nächster Präsident der USA wird der Demokrat Barack Obama. Für UK schildert Günter Apsel, langjähriger westfälischer Pfarrer, seine persönlichen Eindrücke vom Vorabend der Wahl aus Florida - unter dem Motto »Ein Wunder, dass es so weit kommen konnte...«

Orlando, Florida, am 3. November 2008. Seit dreizehn Jahren habe ich nun schon meinen zweiten Wohnsitz in Amerika. Doch nie zuvor habe ich eine solch an- und aufregende Zeit erlebt wie in diesen letzten Wochen und Monaten vor der Wahl des Präsidenten, in der sich weder die Kandidaten schonten noch die Menschen zur Ruhe kamen.## Gut in jedem Falle, dass der Wahlkampf morgen vorüber sein wird! Fast zwei volle Jahre haben die Vorwahlen, in denen es um die Auswahl der Kandidaten ging, und ein unsäglich langer Wahlkampf, der in einer unvorstellbaren Materialschlacht hunderte von Millionen Dollar verschlungen hat, die Menschen in Atem gehalten und am Ende fast ermüdet. Es werde eine historische Wahl sein, verlautet allenthalben und so ist es auch. Dass Barack Obama als African American, als Schwarzer also, so weit kommen konnte, scheint mir das eigentlich Überraschende an dieser Wahl zu sein. Ob er sie gewinnen kann, wird in meiner Einschätzung bis zum Schließen der Wahllokale offen bleiben. Darin unterscheide ich mich von den Meinungsumfragen - auch von den ganz aktuellen -, die Obama schon als Sieger sehen. Ich fürchte, dass das Heer der noch Unentschiedenen überwiegend in letzter Minute ihre Stimme McCain, dem Republikaner, geben und damit dem 72Jährigen Kriegsveteranen, Senator aus Arizona, zum Siege verhelfen könnte - und zwar vorwiegend aus rassischen Gründen. Seit langem meine ich, für Obama besonders einen ernstzunehmenden Gegner (um das Wort »Feind« zu vermeiden) ausgemacht zu haben: Es ist der »weiße Mann«. Morgen wird sich zeigen, ob meine Sorge, Amerika könne unter Umständen für einen Präsidenten schwarzer Hautfarbe noch nicht reif sein, berechtigt ist oder nicht. Ich bewege mich gefühlsmäßig zwischen Hoffen und Bangen. Dabei war dieser Tag vor der Wahl für mich ein guter. Ich ging zum Friseur und fiel der Dame Linda in die Hände, die mir nicht nur einen durchaus passablen Schnitt verpasste, sondern sich auch als starke Anhängerin des Demokraten Obama zu erkennen gab. Solche erfreulichen Erlebnisse waren mir in den letzten Wochen selten vergönnt. Sprach ich auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt einen Artgenossen auf seine Haltung zu Obama an, so fiel der Ausdruck »ein Gangster aus Chicago«. Mischte ich mich bei einem Open-air-Konzert fragend unter die Leute, so war die Ablehnung klar vernehmbar, wenn sich auch nur einer dazu hinreißen ließ, ihn einen Kommunisten zu nennen. Später wurde mir - in diesem Ausnahmefall - mein Fehler bewusst: Ich hätte auf den Stossstangen-Aufkleber achten sollen, dann hätte ich jedenfalls die negative Reaktion des Befragten schon ahnen können. Sein Wortlaut war: "God bless America". Wer sich so etwas aufs Auto klebt, denkt und stimmt in aller Regel rechts. Meine Erfahrung ist, dass die protestantisch geprägte Mittelklasse in ihrer überwiegenden Mehrheit republikanisch gesinnt ist. Vor Monaten besuchte ich einen Gottesdienst einer bürgerlichen presbyterianischen Gemeinde in Clearwater, an der Golfküste Floridas gelegen. Vor und nach dem Gottesdienst, zumal in der anschließenden Kaffeestunde, sprach ich Herumstehende oder -gehende an, gab mich als wissbegierigen Besucher aus Deutschland aus und fragte, auf wem sie Stimme und Vertrauen schenken würden. Immer, wirklich ohne Ausnahme hieß die Antwort: McCain.

Auch McCain kann Wahlhlelfer für sich begeistern. Foto: Günter Apsel

Auch McCain kann Wahlhlelfer für sich begeistern. Foto: Günter Apsel

Von einem der Anwesenden bekam ich eine genauere Auskunft; er habe vor Obama einfach Angst. Als ich ihm entgegenhielt, dass Obama vor Hunderttausenden in Berlin gesprochen und große Zustimmung erhalten habe, war die Entgegnung: das mache ihm ebenfalls Angst. Eindeutig war auch die Reaktion unserer freundlichen Nachbarin Laureen, die mich ab uns zu mit Brownies, einer köstlichen, selbstgebackenen Leckerei versorgt. Ein Schwarzer im Weißen Haus? Auf keinen Fall. Die besseren Beispiele findet man bekanntermaßen, wenn man sich unter seinesgleichen mischt. Das geschah vor allem bei der großen Wahlkundgebung in Downtown Orlando, vor etwa zwei Wochen, bei der nicht nur der Kandidat auftrat, sondern auch die ihm in den Vorwahlen unterlegene Hillary Clinton. Ihr hatten anfänglich meine Sympathien gehört. Nun aber, da sie in einer mitreißenden Rede ihren früheren Konkurrenten unterstützte, bewunderte ich sie geradezu ob ihrer Haltung, in der eine nicht alltägliche Fähigkeit bewies, nämlich das Interesse des Gemeinwohls erkennbar über das eigene zu stellen. Nicht aus dem Sinn geht mir auch die flüchtige Bekanntschaft mit jenem jungen Ehepaar, die am Ende der Versammlung zustande kam, als wir gemeinsam - auf den Shuttle-Bus wartend - geduldig Schlange standen. Sie waren mit ihren beiden sich im Grundschulalter befindlichen Töchtern von weither, nämlich von Tallahassee (sieben Stunden Autofahrt in einer Richtung!) eigens zu dieser Rally angereist. Ihre Kinder sollten einmal sagen können, sie seien dabei gewesen, lautete die Begründung. Für beide Vorwahlsonntage hatte ich mich entschieden, risikofreie Gottesdienste zu besuchen. Die im Allgemeinen zu erwartende Überzahl der McCain-Palin-Aufkleber auf den Autos der Gläubigen sollte meine Andacht nicht stören. Am ersten Sonntag lenkte ich mein Gefährt zu einer Gemeinde, bei der ich sicher sein konnte, irgendwie »zu Hause« zu sein. Es war die First Congregational Church, eine Gemeinde der westfälischen Partnerkirche UCC. Hier ein Obama-Aufkleber, dort ein überholtes Hillary-Plakätchen. Alles klar. Für gestern allerdings waren die Fronten klarer. Ich wählte eine Gemeinde der African-American-Community aus, war dort - gemeinsam mit meiner Frau - der einzige Weiße. Wir wurden herzlich begrüßt, fast gefeiert. Zu Beginn der Predigt verkündete der Pastor seiner Gemeinde die große Freude, die er gespürt habe, als er seinen Wahlzettel in die Urne geworfen habe. Alle wussten den Grund. Ja, es geht ein Gefühl der Selbstachtung durch Menschen, die auch heute noch unter einem durchaus feststellbaren Überlegenheitsgehabe der Weißen leiden. Wird also am Ende doch die rassische Zugehörigkeit Obamas den Ausschlag zu seinen ungunsten geben? Man soll weder dem amtlichen Endergebnis, von dem mich noch mindestens zwanzig Stunden trennen, noch den späteren Analysen vorgreifen, jedoch werde ich trotz den neuesten seriösen Umfragewerten, in denen Obama mit 51 Punkten deutlich vor McCain, der es auf 43 Punkte bringt, liegt, ein Gefühl der Unsicherheit nicht los. Zu oft sind solche Werte durch das Verhalten der Menschen in den Wahlkabinen gekippt worden. Sollte es diesmal wieder so kommen, dann - das ist meine Überzeugung - wäre nicht nur die Rasse ein Faktor, sondern sicher auch die unvorstellbar gemeine Negativkampagne der Republikaner, die nicht davon ablässt, Obama als Sicherheitsrisiko, als Feind Israels, als Freund der Terroristen und Kriminellen zu verunglimpfen. Letzteres, weil er sich für zu geringe Strafen ausspreche. Jeden Tag finden sich derartige Pamphlete im Briefkasten. Obama ist es gelungen, unzählige - besonders auch junge Menschen -, die sich längst aus lauter Verdrossenheit von dem politischen Geschehen abgewandt hatten, wieder für das Allgemeinwohl aufzuschließen. Mit seinen Reden, mit seinen Ideen für eine bessere Zukunft, in der alle am Wohlstand partizipieren sollten, hat er Aufmerksamkeit und Zustimmung erlangt. Er ist ein Hoffnungsträger, der mit Argumenten zu überzeugen versteht. Es wäre nicht nur schade, wenn er scheitern würde, es wäre ein für viele Lebensbereiche ein Rückschlag ohnegleichen. McCain setzt auf die Muskelkraft Amerikas, will es den Russen und allen anderen zeigen. Obama hat die Wirtschafts- und Finanzkrise zu seinem Thema gemacht. Alle spüren die Folgen einer desaströsen Politik des ungezügelten Kapitalismus, für die ein hoher Preis am Einruch des Wohlstandes zu zahlen sein wird. Nicht vorstellbar, dass in einem anderen Land der westlichen Welt der Kandidat der Verursacherpartei für einen solchen Niedergang auch nur den Hauch einer Chance haben würde. Amerika ist anders. Noch scheint der Zukunftsoptimismus ungebrochen. Der Patriot, dem Amerika über alles geht, McCain könnte das Rennen machen. Über die Folgen einer solchen Entscheidung möchte ich nicht spekulieren. Nicht auszuschließen aber, dass die erwartende Kraftmeierei eines John McCain das Land bald gegen die Wand fährt. Die Vormachtstellung der USA könnte sich damit mittelfristig mindern. Hoffentlich steht dann Europa bereit, um eine Politik auszubauen, die sich zum Segen für die Völker der Erde auswirkt, eine Politik, die wirkliche Hilfe den benachteiligten Völkern bringt und eine gerechte Weltwirtschaftsordnung befördert. Meine letzte Station war heute ein Wahlkampfbüro im benachbarten Winter Park, das sich »Hauptquartier der Freiwilligen für den Wahlkampf Obamas« nennt. Dort traf ich auf Menschen, die viel Zeit und Kraft und Geld aufwenden, um die Sache, für die sie stehen, zum Erfolg zu bringen. Sie machen Anrufe, in denen sie zögernde Zeitgenossen zu überzeugen versuchen; sie fahren solche, die es nicht mehr können, zu den Wahllokalen, sie machen auf vielfache Weise auf die bevorstehende Wahl aufmerksam, sie werben um Zustimmung zu dem großen Wechsel, auf den Millionen hoffen, ja auf den die Welt wartet. Auch ich habe mich vor kurzem als Wahlkampfhelfer - wenigstens für ein paar Stunden - zur Verfügung gestellt. Dem halben Dutzend Männern und Frauen sagte ich zum Abschied: Gebt nie auf! Ein wahrscheinlich überflüssiger Rat. Doch was hätte ich in meiner eher skeptischen Gemütslage sonst sagen sollen? Die so Angesprochenen indessen gaben sich optimistisch: Sie luden mich für morgen Abend zur Wahlparty ein.
Unterwegs am Wahltag. Foto: Günter Apsel

Unterwegs am Wahltag. Foto: Günter Apsel

Ich für meinen Teil bleibe vorerst dabei: Dass Barack Obama so weit kommen konnte - wer hätte das gedacht? Sein Sieg wäre ein unglaublicher Sieg des Fortschritts über die Stagnation, ein Sieg des Anständigen über manche Niedertracht, ein Zeichen der Hoffnung für dieses Land, ja für die Zukunft der Welt. - Der freundliche Tagesabschluss für mich stellt sich beim Lesen der letzten Zusendung in der Mailbox ein. Eine Botschaft, in der ich persönlich angeredet und aufgefordert werde, dafür zu sorgen, dass alle meine Freunde zur Wahl gehen. Der Wechsel sei nur noch einen Tag weg. Unterschrift: Barack. Das tröstet ganz ungemein. Autor: Günter Apsel