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Uwe Herrmann

Warten auf ein Wort, eine Bitte

Heimvergangenheit

Aus dem Archiv (10.10.2008)

Die Suppe, die einem andere – Eltern etwa – eingebrockt hatten, musste ausgelöffelt werden, ob man nun wollte oder nicht.

Und wenn man dafür noch solange am Tisch hocken bleiben musste. Widerspruch wurde nicht geduldet, Essensverweigerung mit Stubenarrest oder Ohrfeige bestraft. Die „genossene“ Erziehung in den fünfziger und sechziger Jahren war für manches Kind eine harte Schule. Eltern galten als unangefochtene Autorität und Gehorsamkeit, Fügsamkeit als Tugend. Es ging um Disziplin. ## Auch in vielen Erziehungsheimen ging es zuvorderst um Disziplin. Doch was in manchen Einrichtungen – auch in konfessioneller Trägerschaft – in den fünfziger und sechziger Jahren dabei an Übergriffen gegenüber vielen Schutzbefohlenen geschah, geht weit über das hinaus, was sich mit dem herrschenden Erziehungsideal jener Jahre erklären, geschweige denn rechtfertigen ließe. Ehemalige Heimkinder, die jetzt, Jahrzehnte später, endlich ihre Scham über das Erlebte und Durchlittene überwunden haben, berichten über Erniedrigungen, Misshandlungen bis hin zum sexuellen Missbrauch, wirtschaftliche Ausbeutung, Schikanierungen, Prügelstrafen. Hinter ihnen liegt eine oft jahrelange Leidenszeit. Eine Leidenszeit, die ihr weiteres Leben nachhaltig geprägt hat. Wieviele daran zerbrochen sind, vermag niemand zu sagen. Wie auch? Hat doch die Aufarbeitung dieses dunklen Teils der deutschen Heimgeschichte gerade erst begonnen. Vieles wird wohl verborgen bleiben. Nicht zuletzt weil viele von denen, die hier Schuld auf sich geladen haben oder Opfer wurden, inzwischen verstorben sind, oder aber einen dicken Mantel des Schweigens und Vergessenwollens über die Vergangenheit gelegt haben. Und so mancher, der heute in der Verantwortung steht, hätte es lieber gesehen, man hätte weiter alles auf sich beruhen lassen. Dank des Drucks, der entstand, als die ersten ehemaligen Heimkinder mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gingen, sieht das inzwischen anders aus. Eine „nationale Konferenz“ soll jetzt nach Möglichkeiten der Wiedergutmachung suchen, berichtete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Dabei dürfte die Frage der Entschädigung eine zentrale Rolle spielen. Im Vorfeld sind Überlegungen laut geworden, dafür einen Fonds einzurichten. Dieser Tage hat Diakonie-Präsident Klaus-Dieter Kottnik Fälle schwerer Misshandlung in kirchlichen Erziehungsheimen in der Nachkriegszeit bedauert: Es tue ihm „unendlich leid“, dass Kinder ihre Zeit im Heim als Leidenszeit erlebt hätten. – Das reicht nicht. Abgesehen von materiellen Leistungen warten die, die in kirchlichen Einrichtungen drangsaliert wurden, vor allem auf ein Wort aus dem Munde der obersten Repräsentanten von Diakonie und Caritas, des „sozialen Arms“ der Kirchen. Ein Wort. Eine Bitte. – Entschuldigung.