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ie Bibel für alle Sinne: Ben Becker in seiner Show „Die Bibel – eine gesprochene Symphonie“. Foto: Kerstin Groh

»...der würde heute wieder gekreuzigt«

Ben Becker - Bibel für die Ohren

Aus dem Archiv (30.08.2008)

Seit Ende vergangenen Jahres tourt Ben Becker mit einer Bühnen-Show zur Bibel durchs Land. „Die Bibel – eine gesprochene Symphonie“ heißt das teils bejubelte, teils kritisch beäugte Programm, mit dem der Schauspieler im Oktober auch in Hannover, Dortmund und Köln zu Gast ist.

Über seine Motive, sich ausgerechnet der Heiligen Schrift zuzuwenden, und über Reaktionen auf die Show sprach Becker mit Sabine Kuschel. Werden Sie in einem der nächsten Filme einen Pfarrer oder Priester spielen? Das könnte ich mir gut vorstellen. Das fände ich spannend. Ein Missionar. Aus mir wäre ein guter Priester geworden. ## Sie haben die Bibel auf die Bühne gebracht und betonen immer wieder, dass Sie nicht predigen und nicht missionieren wollen... Das wäre auch blasphemisch, wenn ich das machen würde. Ich will nur sagen: Die Bibel ist spannend. Es lohnt sich, da reinzugucken und sich damit auseinanderzusetzen. Sind Ihnen Vorbehalte begegnet, als Sie darangingen, die Heilige Schrift als Show aufzuführen? Ich habe mich mit Respekt und mit großer Ehrfurcht darauf eingelassen. Es gibt nur wenige Texte, die ich mit solchem Einsatz lesen würde. Ich hatte tatsächlich ein bisschen Angst vor der Kirche. Dass Christen denken: Wenn jemand wie Ben Becker sich ihrer Bibel nähert, was macht der damit? Laufen da jetzt lauter nackte Damen über die Bühne oder was passiert da? Es lag mir aber mehr als fern, irgend solch einen Blödsinn zu machen. Worum geht es Ihnen mit dieser Bibel-Show? Mir geht es um Fragen wie zum Beispiel: Wie kommen wir Menschen zusammen? Wie leben wir miteinander? Wie gehen wir miteinander um? Wie behandeln wir unseren wunderschönen Ball, die Erde? Das sind große Sinnfragen. Sie kommen in jedem Theaterstück vor. Diese Fragen interessieren mich. Und ich bin eigentlich ein ganz naiver kleiner Junge geblieben, der gar nicht gern zuguckt, dass das Leben oft nicht funktioniert. Alle diese Fragen werden in der Bibel behandelt. Auf eine Art und Weise, dass ich gesagt habe: Ja, das will ich lesen. Nach welchen Kriterien haben Sie die Geschichten ausgewählt? Ich habe bekannte Geschichten ausgewählt. Jeder kennt zum Beispiel Jona und weiß doch keine näheren Umstände. Wie er in den Bauch des Wales gekommen und wieder rausgekommen ist. Warum er da drin war, das weiß keiner so genau. Mich hat interessiert: Was war da eigentlich? Jona mag ich gerne. Mit dem kann ich mich gut identifizieren, weil der versucht, immer abzuhauen. Aber er kommt damit nicht durch. Oder die Liebesgeschichte zwischen Samson und Delila. Ich hab’ mal in einem Film mitwirken dürfen. Das war ein ganz kitschiges, furchtbares Drehbuch. Als ich dann den Text in der Bibel gelesen habe, war ich zu Tränen gerührt. Also mussten Samson und Delila mit rein. Josef und seine Brüder. Von ihnen hängt im Arbeitszimmer meiner Mutter ein Bild, das meine Schwester gemalt hat. Mit dem bin ich aufgewachsen. Also musste die Geschichte mit rein. Ich hab’ die Auswahl sehr naiv getroffen. Dann habe ich versucht, diese Geschichten so zu komprimieren, dass ihre Quintessenz erzählt wird und dass ein 15-jähriges Mädchen sie genauso spannend findet wie der 80-jährige Opa. So, dass beide einen Zugang kriegen. Was hoffen Sie, kommt bei Ihrem Publikum an? Ich arbeite mit Emotionen. Ich wünsche mir, dass dieses Gefühl, wenn einem das Herz aufgeht, bleibt. Mit der Bibel-Show wird – glaube ich – das Gefühl vermittelt: Wir sind alle eins. Dieses Gefühl sollen die Leute mit nach Hause nehmen und davon länger etwas haben. Sie sollen auch über die traurigen Geschichten nachdenken. In meinem Stück kommt folgende Passage vor: „An jenem Tage wird jedermann wegwerfen seine silbernen und goldenen Götzen, die er sich hatte machen lassen, um sie anzubeten, zu den Maulwürfen und Fledermäusen.“ (Jesaja 2, 20). Nach einer Aufführung hat mich irgendein reicher Mensch auf diese Stelle angesprochen. Als er sagte, er musste dabei sofort an seinen Porsche denken, habe ich geantwortet: Mein Freund, so ist es auch gemeint. Den Gedanken behalt mal bei dir. Das fand ich toll, dass der Herr plötzlich von sich aus sagt: Ich saß da unten, hab mich schuldig gefühlt und dachte an meinen Wagen. Genau das steht da drin. Die Geschichte von Jesus ist Bestandteil unserer hiesigen Kultur. Der war ja kein Weichei-Hippie, kein Blumenkind. Der hat knallhart gesagt, was Sache ist. Wenn der heute sagen würde, was in dieser Gesellschaft hier alles nicht läuft, der würde heute wieder gekreuzigt. Die Bühnenpremiere Ihrer Performance im Herbst 2007 wurde von den Medien mit viel Beifall bedacht. Ein Titel hieß sogar: Die Stimme Gottes. Was sagen Sie dazu? Da habe ich sehr gelacht, das war ein bisschen pathetisch. Was war das schönste Kompliment? Das Schönste war der Moment nach der Premiere in Berlin. Als ich nach der Aufführung raus auf die Bühne ging, um mich zu verbeugen, fiel eine wahnsinnige Last von mir ab. Die Leute waren alle aufgestanden, so dass ich im ersten Augenblick dachte, sie gehen. Doch dann habe ich gemerkt, dass ich Standing Ovations kriege. Das war ein toller Moment. Denn es war kurze Zeit nach meinem Unfall. Ich spreche immer von einem Unfall, weil es ohne Absicht geschah. Und das Publikum hat sich bedankt, dass ich da bin und dieses Bibel-Projekt gemacht habe. Mehr Dankbarkeit kann einem niemand entgegenbringen. Damals war von Drogenproblemen die Rede ... Nee, nee, nee. Ich hatte nie Probleme mit Drogen. Sie haben eine Therapie gemacht... Ich habe eine Therapie gemacht, weil ich herausfinden wollte, wie ich dazu gekommen bin, dies zu tun. Wenn ich an dem Abend auf einem Dach gestanden und jemand gesagt hätte: „Spring runter“ – ich wär’ gesprungen. Das war wie ein Tanz auf dem Vulkan oder auf dem Drahtseil. Warum tue ich mir das an? Deswegen bin ich in die Therapie gegangen. Das Spiel mit dem Tod? Ja, es gibt einige Künstler, die spielen mit dem Tod. Warum hat sich van Gogh ein Ohr abgeschnitten? Warum? Welche Traurigkeit steckt dahinter oder welche Melancholie? Die gibt es bei mir auch. Ich lebe gerne und ich lache gerne, aber ich bin auch ein sehr melancholischer, oft trauriger Mensch. Und das sind die Momente, wo man auf sich aufpassen muss. _______________ Zur Person: Ben Becker Ben Becker, 1964 in Bremen als Sohn des Schauspieler-Ehepaares Monika Hansen und Rolf Becker geboren, wuchs in Berlin bei seiner Mutter und ihrem Lebensgefährten, dem Schauspieler Otto Sander, auf. Vor seiner Schauspielausbildung arbeitete Becker als Bühnenarbeiter bei der Berliner Schaubühne. Nach der Schauspielausbildung hatte er Engagements an verschiedenen Theatern und trat in unterschiedlichen Film- und Fernsehproduktionen auf. Bekannt wurde Becker durch Kinofilme wie „Schlafes Bruder“, „Comedian Harmonists“ und „Ein ganz gewöhnlicher Jude“. In Fernsehfilmen war Becker unter anderem in „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ zu sehen. Der zweifache Adolf-Grimme-Preisträger ist auch als Musiker tätig. Mit seiner Lebensgefährtin Anne Seidel hat er eine Tochter Lillith (2000 geboren). Sein Zusammenbruch Ende August vorigen Jahres sorgte für zahlreiche Schlagzeilen und Spekulationen. Der Schauspieler war bewusstlos in seiner Wohnung aufgefunden, wiederbelebt und in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Während einige Medien spekulierten, dass es sich um Drogenmissbrauch handle, dementierte Beckers Management und sprach von einem nicht lebensbedrohlichen Kreislaufkollaps infolge von Überarbeitung und Alkoholgenuss. __________ DVD: Ben Becker/Zero Tolerance Band und Deutsches Filmorchester Babelsberg: Die Bibel. Eine gesprochene Symphonie. Live-Aufzeichnung aus dem Berliner „Tempodrom“, 22,95 E. CD: Ben Becker/Zero Tolerance Band: Die Bibel. Eine gesprochene Symphonie. Baumhaus Verlag, 19,95 E.