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Brücke über den Bosporus, Verbindung zwischen Europa und Asien. Schufen die gewaltigen Wasser der Sintflut diese Verbindung zwischen Mittelmeer und dem Schwarzen Meer? Foto: Liugen Cheng

Neues über die Sintflut

Urgeschichte

Aus dem Archiv (02.07.2008)

Steile These nach neuester Forschung: Noah lebte am Schwarzen Meer, als es noch ein Binnensee war. Die Urgeschichte rückt neu ins Licht der Gegenwart

Wie, wo, wann könnte die Naturkatastrophe stattgefunden haben, die in der Bibel zur Sintfluterzählung verdichtet ist? Einer seit Jahrzehnten etablierten Historikermeinung zufolge im Zweistromland, also im heutigen Irak. Doch neuere Erkenntnisse bieten eine andere Region und eine verblüffend plausible Theorie an: Mit der Sintflut entstand – vor 7000 Jahren – das Schwarze Meer.## Sintflut als historische Tatsache Das Wasser stieg, der Damm brach, und die Wasserfluten stürzten mit der 200-fachen Gewalt der Niagarafälle darüber hinweg. Ergossen, wälzten sich, dem Lauf der Schwerkraft folgend, über Hunderte Kilometer dahin und hinab, bis zu einem Niveau, das etwa 110 Meter tiefer als der gebrochene Damm lag. Überfluteten eine Fläche, zweimal so groß wie die Schweiz. Wer, was hier lebte, konnte nicht bleiben, musste fliehen oder sterben. Die türkische Ozeanologin Seda Okay will wissenschaftlich belegt haben, dass mit dieser so beschriebenen Katastrophe das Schwarze Meer erst entstanden ist und somit – zweiter Schluss – die in der Bibel beschriebene Sintflut eine naturhistorische Tatsache gewesen ist, die hier, in der Region des heutigen Schwarzen Meeres, stattfand und nicht etwa 1500 Kilometer weiter im Süden, nämlich im Zweistromland von Euphrat und Tigris. Fundamentaler Klimawandel Die These ist nicht neu, wird aber damit erhärtet: Danach hat sich das Schwarze Meer, so wie es heute ist, erst vor 7000 bis 8000 Jahren gebildet, als Folge eines nicht menschengemachten, jedoch fundamentalen Klimawandels. Das Ende der letzten Eiszeit, das Abtauen der Gletscher ließ den Wasserspiegel des Weltozeans dermaßen ansteigen, dass das Wasser des Mittelmeers seinen natürlichen Damm – den heutigen Bosporus – überwinden konnte. Denn – dies ist die weitere geophysikalische Voraussetzung für die Naturkatastrophe – das gegenwärtige Schwarze Meer war damals ein wesentlich kleinerer Süßwasser-Binnensee, der in einer geographischen Depression lag, eben 110 Meter tiefer als der Bosporus. Eindeutige geophysikalische Spuren Seda Okay vom türkischen Institut für Seewissenschaften hat in den letzten fünf Jahren den Meeresgrund des Bosporus am Zugang zum Schwarzen Meer erforscht und eindeutige geophysikalische Spuren entdeckt, die das Wasser des Mittelmeeres beim Einbruch hinterlassen hat: „Das Wasser, das mit der Sintflut in mächtigen Strömen aus dem Mittelmeer überschwappte, bildete Wasserkanäle, den heutigen Bosporus.“ Solche Erkenntnisse lassen natürlich die Phantasie über eine historisch stattgefundene Sintflut ins Kraut schießen: Einmal unterstellt, dass die Salzwassereinströme eben mit sintflutartiger Gewalt, schwallartig, daherkamen, das behauptet die Wissenschaftlerin, und sich nicht über einen längeren Zeitraum erstreckten, muss das notwendigerweise die relativ plötzliche Überflutung von Siedlungen bedeutet haben, die man vor allem an den Nordufern des damaligen Binnensees mindestens seit 6400 vor Christus annehmen darf. „Denn siehe, ich will eine Sintflut mit Wasser kommen lassen auf Erden, zu verderben alles Fleisch, darin ein lebendiger Odem ist, unter dem Himmel. Alles, was auf Erden ist, soll untergehen.“ So ist die Sintflut in der Bibel (1. Mose Kap 6) angekündigt. Aus dem Bosporus gen Nordosten gewälzt Eine Sintflut, wie sie die Forscher annehmen, müsste sich aus dem Bosporus gen Nordosten gewälzt und an den flachen Gestaden des Binnensees alles mit sich gerissen haben. Zum Beispiel Pfahldörfer. Gut möglich, dass auf den Holzbauten Menschen und Tiere der Strömung folgend dann wieder südwärts an die heutige osttürkische Küste getrieben wurden. Grob gesagt dorthin, wo der in der Bibel benannte Ararat liegt, das hohe Land, das schließlich, für die Überlebenden, die Rettung war. Verrückte, historische Spekulation über Noah? Die Hamburger Wirtschaftswissenschaftler Siegfried und Christian Schoppe vertreten seit Jahren die These, dass es auf dem nordwestlichen Kontinentalschelf des heutigen Schwarzen Meeres eine relativ große und vergleichsweise weit entwickelte Kultur gab. Die Schoppes: Beide, Vater und Sohn, outen sich als fachfremde, freilich streng wissenschaftlich und vor allem interdisziplinär arbeitende „Hobby-Forscher“, die Ressortgrenzen etwa zwischen Archäologen, Sagenforschern und Theologen großzügig überspringen. Vergleich mit Flutsagen aus Rumänien, Griechenland und Anatolien Sie liefern in ihrem Buch „Atlantis und die Sintflut im Schwarzen Meer“ eine umfassende Schwarzmeer-Theorie: Sie vergleichen die Bibel und das Gilgameschepos, Flutsagen aus Rumänien, Griechenland und Anatolien und gelangen schließlich zur steilen These, dass im Schwarzmeerraum, 100 Meter unter dem heutigen Meeresspiegel, „nicht weniger als die gemeinsame Grundlage der europäischen Identität, quasi die kulturelle Wurzel Europas“ zu finden ist. War Noah ein Türke? Eine wahrlich großzügige Deutung, die eine alttestamentliche Geschichte ganz unbefangen in unsere kulturelle und politische Gegenwart holt. Und das ist es wohl auch, was an den neuen Forschungsergebnissen aus der Türkei so fasziniert. Da wird ein uralter Mythos plötzlich in ein neues Licht gerückt, kommt näher und lässt sich begreifen: „War Noah ein Türke?“, fragte die Istanbuler Zeitung Hürriyet. Wer weiß, vielleicht war er ein Europäer! Autor: Lutz Taubert