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Schwester Ursula (hinten) bei der Gartenarbeit. Das Gelände der Kommunität ist groß und will gepflegt werden. Unterstützung bekommt sie von einem Jugendlichen, der Sozialstunden auf dem Zionsberg ableistet.Schwester Marika streichelt „Haushund“ Blasc

Total fromm. Total normal

Kommunität

Aus dem Archiv (10.05.2008)

Beten und arbeiten: Gebetszeiten bestimmen den Tagesablauf der Schwestern auf dem Zionsberg. Denn so wichtig die Arbeit auch ist: Sobald die Glocke zum Gebet ruft, bleibt alles liegen. Für viele Gäste ist das eine wohltuende Erfahrung.

Ohne es so recht zu wissen, haben die Schwestern vom Zionsberg eine Gemeinde umgekrempelt. „Es ruht ein Segen auf unserer Gemeinde“, sagt Waltraud Osterkamp aus Wilhelmshaven, genauer: aus der Kirchengemeinde in Wilhelmshaven-Voslapp. Mehrmals im Jahr nimmt die 70-Jährige die weite Strecke von der Nordsee nach Ostwestfalen auf sich, um auf dem Zionsberg in Scherfede bei Warburg aufzutanken.## „Angefangen hat alles vor etwa dreißig Jahren“, sagt Waltraud Osterkamp. Das Pastorenehepaar ihrer Kirchengemeinde hatte Schwestern vom Zionsberg nach Wilhelmshaven eingeladen. „Wie unsere Pastoren ausgerechnet auf diese kleine Kommunität gekommen sind, weiß ich nicht.“ Die Schwestern kamen und erzählten von sich, ihrem Glauben und ihrer Arbeit. „Das hat viele in unserer Gemeinde beeindruckt.“ Schließlich luden die Schwestern zum Gegenbesuch ein. „Dann ging es los: Erst fuhren vor allem die Jugendlichen auf den Zionsberg“, erzählt Waltraud Osterkamp. „Die waren so begeistert, dass immer mehr Leute aus unserer Gemeinde mal zu den Schwestern wollten.“ Seitdem fahren Gemeindegruppen und auch Einzelgäste aus Wilhelmshaven nach Scherfede. „Es ist wirklich faszinierend, wie sich in unserer Gemeinde so langsam und allmählich alles verändert hat“, sagt Waltraud Osterkamp. „Die Atmosphäre ist anders geworden – offener und herzlicher. Und es entstanden mehr Gruppen: zum Beispiel für Senioren oder für Jugendliche und ein Chor.“ Was sie am meisten beeindruckt ist, wie die Schwestern ihr Leben vom Glauben bestimmen lassen. „Schon die festen Gebetszeiten: Wenn die Glocke zum Gebet ruft, lassen alle ihre Arbeit liegen. Das zeigt doch, dass es Wichtigeres gibt als die Arbeit.“ Schwester Marika Haack und Schwester Marlis Bethlehem können dem nur zustimmen. „Für uns ist es schon auch etwas Besonderes, was sich da zwischen uns und der Gemeinde entwickelt hat“, sagt Schwester Marika. Derzeit leben acht Schwestern auf dem Zionsberg. „Und eine Postulantin“, ergänzt Schwester Marlis. „Als Postulantin lebt man erst ein Jahr mit und prüft, ob diese Lebensform für einen das Richtige ist.“ Nach diesem Jahr bekommt man die Schwesterntracht und ist Novizin. Nach sieben Jahren Noviziat folgt die Einsegnung. Die neun Frauen sind zwischen 25 und 76 Jahren alt. Fünf sind im Rentenalter. „Wir leben nach der benediktinischen Regel: Gehorsam, Ehelosigkeit und Armut. Wobei wir statt von Armut lieber von Schlichtheit sprechen“, sagt Schwester Marlis. „Denn wirklich arm leben wir ja nicht.“ Das Leben der Schwestern wird bestimmt von dem Leitsatz ‘ora et labora’ – bete und arbeite. Das Gebet gibt den Rhythmus vor: Um sechs Uhr am Morgen ist die erste Gebetszeit, danach treffen sich die Schwestern bis zum Abend alle drei Stunden in der Kapelle zum Gebet. Gäste sind jederzeit willkommen. Die Schwestern bieten Veranstaltungen an: Die Palette reicht von Wüstentagen und Schweige-Retraiten über Freizeiten bis hin zum gemeinsamen Feste feiern. „Die Veranstaltungen zu den kirchlichen Festen sind besonders beliebt“, sagt Schwester Marlis. Auch Einzelgäste sind auf dem Zionsberg willkommen. „Wer möchte, kann seelsorgerlich begleitet werden“, so die Schwester. „Das muss nur vorher alles mit uns abgestimmt werden, damit dann auch eine von uns entsprechend Zeit hat.“ Außerdem kommen viele Gruppen zur Freizeit in das Gästehaus der Kommunität nach Scherfede. Zum Beispiel Pastorin Christiane Neumann aus Brakel mit ihren Konfirmanden. „Anfangs sind fast alle entsetzt, wenn ich sage, dass wir ins Kloster gehen“, so die Pfarrerin. „Was? Kein Handy, kein MP3-Player, kein Computer? Neee, bitte nicht! – so etwas muss ich mir dann anhören.“ Doch das sei schnell verflogen, sind die Jugendlichen erst mal da. „Innerhalb kürzester Zeit sind sie begeistert und wollen unbedingt wiederkommen.“ Das Besondere bei dieser Freizeit: Die Pastorin muss sich nicht um Inhalte kümmern. Das übernehmen die Schwestern. Diesmal ist Christiane Neumann mit zwölf Jungen hier, Thema Abendmahl. „Die Jungs sind ganz begeistert von den Schwestern“ berichtet sie. „Einerseits machen die Schwestern allerhand Blödsinn mit, andererseits haben sie etwas zu sagen und die Jugendlichen hören ihnen gerne zu.“ Ein Jugendlicher bringt es auf den Punkt: „Die Schwestern sind fromm, aber ganz normal.“ Seit etwa 20 Jahren ist die Kirchengemeinde Brakel mit der Kommunität in Verbindung. „Der Posaunenchor kommt zur Bläserfreizeit, manchmal tagt hier unser Presbyterium“, sagt Christiane Neumann. „Hierherzukommen ist immer Auftanken. Die Kommunität ist für mich eine geistliche Heimat.“ Und für die Jugendlichen sei es inspirierend zu sehen, wie man Glaube auch leben kann. Waltraud Osterkamp nickt. Sie erzählt von ihrem Sohn: „Ihn hat dieser Kontakt zur Kommunität sehr verändert. Positiv verändert. Und er hat uns alle mitgerissen.“ Sogar ihr Mann, der mit dem Glauben nicht viel anfangen konnte, ist hineingewachsen, wie sie sagt. „Das ist ein wunderbares Geschenk für mich.“ In den letzten Monaten und Jahren wurde besonders die Nachfage nach „Kloster auf Zeit“ größer. „Die Gäste helfen am Vormittag mit, nachmittags haben sie Zeit für sich“, beschreibt Schwester Marlis. Es gebe bei vielen Menschen einen großen Gesprächsbedarf. „Gleichzeitig herrscht oft eine Sprachlosigkeit über den Glauben. Man spricht nicht über die Beziehung zu Gott. Das ist schade.“ Die Schwestern wollen dieses Reden über den Glauben und die eigene Beziehung zu Gott selbstverständlicher machen. Das tun sie nicht nur in den eigenen Mauern, sondern auch in Gemeinden. „Wir werden auch immer wieder eingeladen, unsere Arbeit vorzustellen, über ein Thema zu sprechen oder einen Gottesdienst zu halten“, sagt Schwester Marika. Manche Schwestern haben die Ausbildung zur Laienpredigerin. Die Kommunität trägt sich selbst. „Einige von uns beziehen Rente“, sagt Schwester Marlis, die früher selbst als Erzieherin gearbeitet hat. „Dazu kommen Spenden und das, was wir selbst erwirtschaften.“ Heute arbeitet keine der Schwestern mehr außerhalb. „Wir brauchen bei der Gästehausarbeit jede Kraft.“ Trotzdem müssen die Schwestern auch manchmal absagen und können nicht alle Anfragen erfüllen. Seit gut 50 Jahren gibt es die kleine Kommunität im südöstlichsten Winkel der westfälischen Landeskirche. Ursprünglich war es ein „Ableger“ der Betheler Diakonissen. „Die Schwestern hatten viel Arbeit in den sozialen Einrichtungen und wenig Zeit, die Gemeinschaft zu pflegen“, berichtet Schwester Marlis. „In einem längeren Prozess entstand schließlich die kleine Kommunität, wo wir Schwestern uns in erster Linie auf unseren Glauben konzentrieren können.“ Waltraud Osterkamp nickt. Die 70-Jährige und ihre Familie gehören schon lange zum Freundeskreis der Kommunität, der mit Spenden und Gebet die Arbeit unterstützt. Doch Waltraud Osterkamp hat inzwischen noch einen ganz besonderen Grund, hierher zu kommen: Ihr Sohn hat nicht nur seine Frau auf dem Zionsberg kennen gelernt – die Familie hat nun auch ein Haus direkt neben dem Gelände der Kommunität gebaut und lebt in Scherfede. „Nun habe ich hier endgültig mein zweites Zuhause“, sagt Waltraud Osterkamp. Dabei strahlt sie über das ganze Gesicht. Autorin: Karin Ilgenfritz