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Kinder inhaftierter Väter haben es besonders schwer. Foto: jw

Papa sitzt im Knast

Inhaftierte und ihre Familien

Aus dem Archiv (05.02.2008)

Das Evangelisches Johanneswerk und die Justizvollzugsanstalten Brackwede I und II wollen die Beziehung zwischen Inhaftierten und ihren Kindern verbessern helfen. Gefördert wird dies von der „Aktion Mensch“.

Es duftet nach frischen Waffeln, Kinderlachen tönt aus einem Raum. Darin spielen und basteln Väter mit ihren Kindern, toben und kuscheln. Das gab es noch nie in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld Brackwede I, wo seit Oktober 2007 das Projekt „Freiräume“ angelaufen ist. Dabei wird inhaftierten Vätern und ihren Kindern jeden Monat ein unbeschwerter Nachmittag ermöglicht. Zwei Stunden verbringen sie miteinander, ohne die Mütter oder andere Bezugspersonen. ## Der sonst so nüchterne Besucherraum ist an diesem Tag kaum wiederzuerkennen. Die Getränkeautomaten verschwinden hinter einem bunten Fallschirm, überall findet sich Spielzeug. Über einen großen Tisch beugen sich Erwachsenen- und Kinderköpfe, basteln Anstecknadeln und gegenüber werden Waffeln gebacken. „Ich durfte allein den Teig da rein tun, Papa hat nur zugeguckt und dann haben wir zusammen gegessen“, freut sich die fünfjährige Jana. An gemeinsame Aktivitäten mit ihrem Vater konnte sie sich bisher nicht erinnern. Sie war erst ein Jahr alt, als ihr Vater ins Gefängnis musste. „Ich hatte noch keine richtige Beziehung zu ihr aufbauen können“, bedauert Roman D.. „Mein Sohn Lars und seine Schwester Jana kamen bei den wöchentlichen Besuchszeiten meistens zu kurz.“ In den 40 Minuten haben seine Eltern Wichtiges zu besprechen, Alltagsdinge, Probleme, die die Haft betreffen oder Pläne für das Leben danach. Für Kindersorgen oder ein Spiel bleibt keine Zeit. „Doch jetzt, in diesem Rahmen ist es herrlich, und ich merke, wie die Kleine Vertrauen fasst. Meine Frau erzählt, dass sie oft über mich redet, sagt, dass sie mich lieb hat. Auch der Große blüht richtig auf und erzählt mir von seinen Freunden, vom Fußball und aus der Schule.“ Roman D. sitzt seit einem Jahr in Haft wegen Kreditbetrugs, gefälschter Leasingverträge im großen Stil. Die Medien hatten darüber berichtet – ein Grund, weshalb seine Frau Nadine D. offensiv damit umgegangen ist: „Wir wohnen in einem kleinen Ort im Kreis Herford. Ich habe damals im Kindergarten und in der Schule das Thema angesprochen. Die Erzieherinnen und die anderen Eltern meinten, sie könnten mit dem Vergehen umgehen, da keine Gewalt im Spiel war.“ Das half der Familie und inzwischen ist Gras über die Geschichte gewachsen. Mit Fremden redet Lars jedoch nicht gern über seinen Vater. Obwohl er oft an ihn denkt und ihn liebt. Doch der Zehnjährige möchte vermeiden, dass nähere Fragen gestellt werden. Während seine kleine Schwester meint, sie besuche ihren Vater in der großen Fabrik, wo er arbeitet, weiß Lars ganz genau, was los ist. „Mein Papa sitzt im Knast“ kann weder er noch ein anderes betroffenes Kind selbstbewusst sagen. Diese Erfahrung macht Melanie Mohme von der Straffälligenhilfe im Gemeindedienst des Evangelischen Johanneswerks immer wieder. „Das ist sehr schwer für die Kinder und belastet die Entwicklung. Egal wie alt – sie spüren die Veränderungen in der Familie, die Lügen und dass etwas verheimlicht wird“, weiß die Sozialpädagogin aus ihrer Beratungsarbeit. „Ältere Kinder rufen auch an und sagen, dass sie ihren Papa mal allein sehen möchten oder Probleme damit haben, zwischen ihren oft schon vorher getrennt lebenden Eltern zu stehen.“ Zu den monatlichen Treffen der Angehörigen-Gruppe kommt Sebastian mit seiner Oma. In seinem Heimatort bei Gütersloh fühlte er sich nicht mehr wohl, hat das Gefühl, dass über ihn getuschelt wird. Nun lebt er eine Weile bei seiner Großmutter in Bielefeld, startete einen Neuanfang in der Schule. Seitdem sein Vater im Gefängnis ist, fühlt sich der 14-Jährige von seiner Mutter oft missverstanden, gerade in der Pubertät fehlt er ihm besonders. „Ich kann mit Papa einfach anders reden“, sagt der stille Junge. Sein Vater, Michael K., muss wegen Autoschieberei insgesamt sechs Jahre absitzen, erst ein Jahr der Strafe hat er verbüßt: „Das ist bitter. Wenn ich rauskomme, ist der Junge 19 und steht bald auf eigenen Füßen. Ich würde ihm so gern jetzt noch ein paar gemeinsame Jahre schenken. Als er klein war, habe ich ihn überall hin mitgenommen, wir haben ein sehr enges Verhältnis und ich hoffe, dass es so bleibt“, sagt der Vater besorgt. So wie Sebastian fühlen sich die meisten Kinder häufig diskriminiert und sind verunsichert. An dieser Stelle setzt die pädagogische Arbeit des Evangelischen Gemeindedienstes ein. „Indem sie gestärkt werden, sollen sie lernen, ihrem Alter entsprechend mit der Wahrheit umzugehen, die Beziehung zum Vater aufrechtzuerhalten oder aufzubauen“, sagt Melanie Mohme. Beide Seiten sollen langfristig profitieren. „Die Väter werden bewusst eingebunden“, so Sozialpädagoge Thomas Wendland. „Eine Stunde bevor die Kinder kommen, gestalten wir gemeinsam den Raum in der Haftanstalt. Während der Treffen müssen sie sich auf ganz einfache pädagogische Grundkonzepte einlassen – wie etwa einen Stuhlkreis bilden, einen gemeinsamen Anfang mit einer Vorstellungsrunde schaffen und einen gemeinsamen Abschluss finden. Das ist für die meisten Väter etwas ganz Neues.“ In Vor- und Nachgesprächen erleben sich die Männer als Gruppe mit gemeinsamen Zielen und Interessen. Das verändert sie. „Bisher konnte ich nur mit wenigen reden, den meisten geht es um ihre Delikte oder Drogen. Jetzt können wir uns austauschen und erkennen, dass wir ähnliche Probleme und Sorgen um unsere Kinder haben“, freut sich Michael K. Väter wie Roman und Michael fühlen sich verantwortlich und wenn es ihnen gelingt, die Beziehung zu ihren Kindern intakt zu halten, hilft das nach der Haftentlassung bei der Wiedereingliederung. Denn Resozialisierung ist viel besser möglich, wenn auf den ehemaligen Gefangenen eine Familie oder zumindest ein Familienmitglied wartet. Im Gegensatz zu den meisten inhaftierten Frauen mit Kindern schließen nämlich viele Väter im Knast mit ihrem Nachwuchs ab. Haben die Mütter ihrer Kinder einen neuen Partner, können und wollen sie damit nicht in Konkurrenz treten. Oder sie schämen sich, dem Vaterbild nicht zu entsprechen und kein Vorbild zu sein, keine Wünsche erfüllen zu können. Natürlich wecken die monatlichen Treffen auch Sehnsüchte, oft gibt es Tränen auf beiden Seiten. „Wenn ich in meine Zelle zurückkomme, habe ich viel Zeit zum Nachdenken“, so Roman D., „dann merke ich, wie viele Dinge mir fehlen, die nichts mit Geld oder viel Zeit oder Aufwand zu tun haben. Einfach mal mit den Kindern in den Wald gehen, sie öfter in den Arm nehmen, ihnen zuhören. Es wird sich zuhause bestimmt einiges ändern, wenn ich im nächsten Jahr entlassen werde.“ Zurzeit nehmen neun Kinder und acht Väter an dem Projekt teil, das vorerst auf einen Zeitraum von drei Jahren angelegt ist. Mitmachen können alle inhaftierten Väter – ausgenommen Sexualstraftäter –, sofern sie ein intaktes Verhältnis zu ihren Kindern haben und es keine Einwände vom Jugendamt gibt. Kinder, die den Wunsch haben, ihren Vater im Gefängnis zu besuchen, können sich direkt an Melanie Mohme oder Thomas Wendland wenden. Freiräume ist ein Projekt der „Aktion Mensch“ und wird unterstützt von der Stiftung mitLeidenschaft. Der Gemeindedienst des Evangelischen Johanneswerks kooperiert bei diesem Projekt mit den Justizvollzugsanstalten Bielefeld Brackwede I und II. Die Stiftung finanziert Teilbereiche wie Ausflüge und Familienfreizeiten und möchte in den Haftanstalten dauerhaft einen kindgerechten Raum für die Begegnungen einrichten. Dafür benötigt die Stiftung dringend Bußgeldzuweisungen und Spenden (Bankverbindung: KD-Bank, BLZ 350 601 90, Konto 881 880). Kontakt: Melanie Mohme, Telefon (05 21) 8 01-27 27, E-Mail: melanie. mohme@johanneswerk.de, Thomas Wendland, Telefon (05 21) 8 01-27 42, E-Mail: thomas.wendland@johanneswerk.de Autorin: Angelika Hornig