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Statistische Zahlen sind rar

Islam-Konvertiten / II

Aus dem Archiv (03.10.2007)

Zahlenangaben über den Islam in Deutschland sind ein sensibles Thema. Als das „Islam-Archiv“ in Soest mitteilte, dass zwischen Juni 2005 und Mai 2006 rund 4000 Deutsche zum Islam übergetreten seien, war die Aufregung groß.

Zumal in den Jahren davor Übertritte zum Islam zahlenmäßig kaum Gewicht hatten. Doch die Zahl 4000 erweist sich als Politikum. So wird die Verlässlichkeit der Studie bezweifelt und gefragt, wie die Zahl zu Stande gekommen ist. Zugleich gibt es Stimmen, die von Konversionen in größerem Umfang ausgehen.## Statistische Daten über den Islam in Deutschland sind rar. Nirgends wird zentral erfasst, wer Muslim ist. Bislang ist das Zentralinstitut Islam-Archiv eine der wenigen Einrichtungen, die Zahlen über den Islam erheben. Mit Förderung des Bundesinnenministeriums erstellte das Institut Ende 2006 ein Gutachten, das jedoch noch nicht veröffentlicht wurde. Die Zahl von angeblich 4000 Konvertiten wurde vorab aus dem Gutachten bekannt. Die Angabe stammt laut Islam-Archiv „von einer islamischen Quelle in Deutschland von hoher Kompetenz und Einsicht“. Genannt wird diese Quelle jedoch nicht. „Das sind in keinem Fall verlässliche Zahlen“, kontert die Leipziger Kultursoziologin Monika Wohlrab-Sahr. „Wir haben nicht einmal exakte Zahlen über die Muslime“, erläutert die Professorin. Das Islam-Archiv könne allenfalls Angaben einzelner Vereine hochrechnen: „Die peilen das über den Daumen.“ Von einem massiven Zuwachs an Übertritten auszugehen, nennt Wohlrab-Sahr abenteuerlich. Auch die Marburger Orientalistin Ursula Spuler-Stegemann steht den Zahlen aus Soest skeptisch gegenüber: „Wir haben keine objektiven Zahlen“, betont die Expertin. Sie bezweifelt auch die oft genannte Zahl von 3,3 Millionen Muslimen in Deutschland. Spuler-Stegemann geht von bis zu fünf Millionen Muslimen aus. Sie bezieht in ihre Schätzung eine große Zahl il-legaler Einwanderer und in Deutschland geborene Kinder türkischer oder arabischer Eltern ein. „Wir haben ein falsches Zahlenbild“, so die Islamwissenschaftlerin. Wohlrab-Sahr vermutet unterschiedliche Motive, aus denen die Zahl 4000 trotz fehlender Überprüfbarkeit weiter verbreitet wird. Einmal passe solch ein Zuwachs zum Selbstbild einiger Muslime, die an der Ausbreitung ihrer Religion interessiert seien. Auf der anderen Seite werde mit Meldungen über mehr Konversionen die Furcht vor vermeintlicher Islamisierung geschürt, kritisiert Wohlrab-Sahr: „Es gibt eine Angstpolitik.“ Autor: Andreas Gorzewski