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Alleinsein. Nicht immer hat das auch mit Einsamkeit zu tun. Foto: Fotolia

Einsam und allein?

Singles

Aus dem Archiv (30.10.2007)

Über elf Millionen Deutsche leben in einem Ein-Personen-Haushalt. Singles – eine Lebensform, an der auch Kirchengemeinden nicht vorbeischauen können. Allerdings: Single ist nicht gleich Single. Und auch Jesus war einer.

Eine Taufe wird gefeiert. Unter den rund sechzig Gästen sind vor allem Familen. Aber nicht nur. „Na, immer noch allein?“, wird eine 40-Jährige gefragt. Sie schaut etwas verdattert, sagt „ja“ und geht weiter. Die Frau gehört zu den 11,3 Millionen Menschen in Deutschland, die allein leben – oft Singles genannt. In Großstädten bestehen bis zu 60 Prozent der Haushalte aus einer Person.## Wobei Single nicht gleich Single ist. Das Zukunftsinstitut von Matthias Horx nennt neun Typen von Alleinlebenden: Zum Beispiel die „Nestflüchtlinge“ – junge Menschen zwischen 20 und 25, die gerade das Elternhaus verlassen und nun endlich mal eigene vier Wände haben. Oder die „weiblichen Panik-Singles“ – Frauen zwischen 30 und 40, die auf Partnersuche sind. Eine große Gruppe sind inzwischen auch die „aktiven älteren Singles“: Menschen über 55, die manchmal verwitwet oder geschieden sind. Laut dem Zukunftsforscher Matthias Horx sind nur rund drei Prozent der Singles autonome, heirats- und familienunwillige Einzelgänger. Wer sich kaum damit auseinander setzt, schert leicht alle Singles über einen Kamm. Für die einen sind Singles selbstständige Persönlichkeiten und durchaus bewundernswert. Andere bedauern Singles eher. Manche sehen in ihnen abschreckende Beispiele von Kontaktunfähigkeit und Egoismus. Viele machen sich darüber gar keine Gedanken. In christlichen Kreisen hat man manchmal das Gefühl, dass Singles übersehen werden, kein Thema sind oder gar unerwünscht. Alleinstehende Frauen und Männer gelten als zu anspruchsvoll oder nur an Karriere interessiert. Die Ehe ist der „biblische Normalfall“. Schließlich sagt Gott selbst: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (1. Mose 2,18). Gerne übersehen wird allerdings, dass Jesus von der Ehelosigkeit um des Reiches Gottes willen spricht (Matthäus 19,12). Paulus nennt die Ehelosigkeit als Gnadengabe (1. Korinter 7, 7). Die Ehe muss nicht für jeden Menschen das Nonplusultra sein. Es gibt leider genug Beispiele, die nicht gerade Lust auf Ehe machen. Blickt man in die Kirchengemeinden, finden sich da meist Angebote für Familien: Krabbelgruppen, Familiengottesdienste oder Jungschar. Auch Seniorenveranstaltungen gibt es zahlreiche. Konkrete Angebote für Singles muss man lange suchen. Gut, spezielle Angebote wie ein „Single-Treff“ wären vielleicht auch nicht allzu attraktiv und erfolgreich. Grundsätzlich aber sollten sich Verantwortliche in Gemeinden fragen, wo sich Alleinstehende einbringen könnten, wo sie gerne hingehen und sich wohl fühlen könnten. Was sie ihnen anbieten könnten. Wenn eine Familie umzieht und am neuen Ort Leute kennen lernen möchte, geht das meist relativ gut über die Kinder. Da sind Kindergarten, Schule und Kirchengemeinde ideale Möglichkeiten. Wenn ein Single umzieht und Anschluss möchte, tut er sich sehr viel schwerer. Da gibt es die Arbeitskollegen und vielleicht – so jemand musikalisch ist – den Kirchenchor. Das war es dann meistens auch schon. Beim Besuch der Sonntagsgottesdienste lernt man eher schwer jemanden kennen. Christinnen und Christen sollten darauf achten, dass in ihrer Umgebung, in ihrer Gemeinde niemand übersehen wird. Oft ist schon viel geholfen, wenn man Interesse zeigt am anderen und deutlich macht: Auch wenn ich Kinder habe und in einer Familie lebe, bin ich an anderen Dingen interessiert. Eine Einladung zu einer Unternehmung oder einfach mal auf eine Tasse Kaffee oder zum Abendessen kann einem Alleinstehenden sehr viel bedeuten. Singles sind an den Abenden und besonders am Wochenende oft allein. Sie freuen sich über Gesprächs- und Begegnungsmöglichkeiten – das muss nicht gleich ein großes geistliches Programm sein. Gar nicht hilfreich ist es, Alleinstehenden deutlich machen zu wollen, wie schön sie es doch haben: Kein Kindergeschrei, sie können nachts durchschlafen, müssen sich mit niemandem absprechen, können tun und lassen, was sie wollen. – Mancher Single würde auf der Stelle tauschen. Andererseits sind auch Lobeshymnen auf die Ehe und die Familie fehl am Platz. Verletzend sind auch Verkupplungsversuche oder Bemerkungen wie: „Dass du niemanden findest – du siehst doch ganz gut aus ...“ Nicht jeder Single leidet unter seiner Situation. Die meisten können ihrer Lebensform auch viel Gutes abgewinnen. Doch hoffen viele, dass es eine Übergangslösung ist, und sehnen sich nach einer Partnerschaft. 76 Prozent der Singles – 8,5 Millionen – geben an, aktiv einen Partner zu suchen. Andere, ein kleiner Teil, sind auf der Suche nach einer für sie geeigneten Lebensform wie zum Beispiel in einer christlichen Lebensgemeinschaft. Singles legen meistens viel Wert auf Freundschaften und sind gute Freunde – sie haben mehr Zeit, Beziehungen zu pflegen. Grundsätzlich gilt: Single zu sein, ist kein Makel. Übrigens – auch Jesus war einer. Karin Ilgenfritz