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Der Leuchtturm

Alwite schrieb am 14. September 2017 um 09:53 Uhr:

Der Leuchtturm

Wer weiß, ob diese Alten auf der Insel
Wirklich die richtigen waren, das Kind zu erziehen.
Ein Trinker, eine Schlampe. Sie gaben es her unter Tränen.
Da kam es aufs Festland, weit fort, hinter Zäune und Mauern
Zu anderen Kindern. Die nahmen es auf die Hörner,
Das junge Freiwild. Höhnten sein Gebrechen,
Das Heimweh hieß, verschrien seine Träume.
Wer weiß, ob aus diesen Kindern über kurz über lang
Nicht Freunde geworden wären. Aber nicht jeder
Nimmt sich zusammen, hält den Atem an.
Nicht jeder übersteht seine finsteren Weihen.
Der Knabe, unserer, hielt den Atem nicht an.
Er trank die Feindschaft der Welt, eine bittere Salzflut,
erbrach sie und floh. Schlief einmal draußen im Stadtwald
Unter klirrenden Zapfen, wurde zurückgebracht.
Kam ein zweites Mal weiter, erreichte die Straße meerwärts.
Fiel dort auf, weil er lief mit eingezogenen Fäusten
Und wehenden Haaren, wurde zurückgebracht.
Beim dritten Mal fand ihn kein lebendes Wesen mehr.
Nur der Finger des Leuchtturms, der strich über Düne und Hafen,
Ertastete zwei aufgerissene Augen,
Die hinüber starrten zur Insel. Kam und ging
So lange, bis das feste Knabenfleisch
Geschmolzen war. Da liegt es unser Heimweh,
Von Vögeln ausgeweidet. Ein Skelett
Im schwarzen Hafer. Flugsand deckt es zu.

Marie-Luise Kaschnitz
Als sie 1955 den Georg-Büchner-Preis entgegen nahm, sagte sie:
"All meine Gedichte waren eigentlich nur ein Ausdruck des Heimwehes nach einer alten Unschuld oder der Sehnsucht nach einer aus dem Geist und der Liebe neugeordneten Welt."

Ihr Leuchtturm streut als nur EINE Orientierung sein Licht über Schicksale, die sich widerholen und widerholen. Was bleibt ist die Sehnsucht nach dem Geist der aus Liebe neugeordneten Welt, die von uns Menschen unermüdlich angestrebt, doch um so unerreichbar von uns abzurücken scheint.

Alwite
Beiträge: 544
Erika Moers schrieb am 15. September 2017 um 12:42 Uhr:

Sehnsucht

Dieses SEHNEN - eine Ur-Sehnsucht des Menschen nach seinem Schöpfer, wie auch Eugen Eckert sie in seinen eindrucksvollen Versen beschreibt: (Musik: Anne Quigley)

Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir,
dich zu sehn, dir nah zu sein.
Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück,
nach Liebe, wie nur du sie gibst.

Um Frieden, um Freiheit, um Hoffnung bitten wir.
In Sorge, im Schmerz –
sei da, sei uns nahe, Gott.

Um Einsicht, Beherztheit, um Beistand bitten wir.
In Ohnmacht, in Furcht –
sei da, sei uns nahe, Gott.

Um Heilung, um Ganzsein, um Zukunft bitten wir.
In Krankheit, im Tod –
sei da, sei uns nahe, Gott.

Dass du, Gott, das Sehnen, den Durst stillst, bitten wir.
Wir hoffen auf dich –
sei da, sei uns nahe, Gott.

Erika Moers
Beiträge: 243
Alwite schrieb am 16. September 2017 um 16:51 Uhr:

Mein Herz macht Sehnsucht hämmern.

Was ist doch Sehnsucht? Sag!
Ein Morgennebeldämmern
am Liebeslenzestag.

Denn ist er dann vergangen
der Nebel, der die Au
bedrückt, bleibt auf den Wangen
der Blumen heller Tau.

Und mildert sich das Sehnen,
bleibt in des Menschen Blick
wohl auch der Tau der Tränen
noch lange oft zurück.

(Rainer Maria Rilke)

https://www.youtube.com/watch?v=msQnpALiXkw

Alwite
Beiträge: 544