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Willkommenskultur am Rande des Kollaps

5. September 2016

"Refugees Welcome": Vor einem Jahr kamen Zehntausende Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof an. Sie wurden mit Jubel empfangen. Der Andrang brachte die bayerische Landeshauptstadt aber auch an ihre Grenzen.

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Der Münchner Hauptbahnhof Anfang September 2015

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München (epd). Lauter Applaus und Jubelschreie dringen immer wieder in den Hauptbahnhof. Hunderte Münchner haben sich Anfang September vor einem Jahr vor dem Nordeingang versammelt, manche sind mit "Welcome"-Pappschildern gekommen, andere mit Plüschtieren und wieder andere mit einer großen Portion Neugier. Die Bejubelten schauen erstaunt, winken schüchtern in die Menge und rufen manchmal "We love Germany". Fast könnte man meinen, Fans hätten sich an einem Roten Teppich versammelt, um einen Blick auf ihren Star zu erhaschen.

Die "Stars" in diesen Spätsommertagen sind aber völlig Unbekannte: Zehntausende Männer, Frauen und Kinder, die die gefährliche Flucht aus ihren Heimatländern wie Syrien und Afghanistan über die Balkan-Route gewagt haben. Der Sehnsuchtsort der meisten: Deutschland mit "Mama Merkel". Der Hauptbahnhof wird innerhalb kürzester Zeit zum größten Dreh- und Angelpunkt der Flüchtlingsbewegungen in Europa. Fast die ganze Welt blickt nun nach München. Und die selbsternannte "Weltstadt mit Herz" zeigt, was sie unter "Willkommenskultur" versteht.

Die Münchner haben sich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf den Massenandrang am Gleis 26 vorbereitet: Ehrenamtliche haben einen Stand eingerichtet, an dem sie den Flüchtlingen, deren Hab und Gut meist in einer Plastiktüte Platz findet, das Nötigste mitgeben: Essen, Getränke, Hygiene-Artikel oder Plüschtiere für die Kinder. Hand in Hand arbeiten sie dabei mit den Einsatzkräften. Die Polizei geleitet die Flüchtlinge aus den Sonderzügen - zum Stand der Ehrenamtlichen und zu den provisorisch aufgestellten Registrierungszelten am Nordeingang.

Mehr als 20.000 Flüchtlinge in zwei Tagen

Bilder wie aus Budapest, wo die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die wartenden Flüchtlinge vorging - Fehlanzeige. Die haben mit dafür gesorgt, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Einreise Tausender Flüchtlinge bewilligt hat, die in Budapest gestrandet waren und die Ungarn gemäß des Dublin-Abkommens zunächst nicht weiterreisen ließ. In mehreren Sonderzügen kommen dann mehr als 20.000 Menschen allein am 5. und 6. September 2015 in München an.

Die beiden Bischöfe Heinrich Bedford-Strohm und Reinhard Marx sind mit die ersten Prominenten, die gekommen sind, um die Ankömmlinge zu begrüßen. Beim gemeinsamen Mittagessen haben der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz spontan beschlossen, zum Hauptbahnhof zu gehen. Dort schütteln sie nun Hunderte Flüchtlingshände und zeigen sich tief bewegt von der Münchner Gastfreundschaft. Was hier geschehe, sei "wunderbar", sagen beide.

Der nicht abreißende Flüchtlingsandrang bringt München aber auch an seine Grenzen: Die Einsatzkräfte und die Ehrenamtlichen sind Tag und Nacht im Einsatz. In der ersten Septemberhälfte kommen mehr als 60.000 Flüchtlinge am Hauptbahnhof an - weit mehr als Bayern im ganzen Jahr 2014 aufgenommen hat. Der Regierungspräsident von Oberbayern, Christoph Hillenbrand, und der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), die am Hauptbahnhof im Dauereinsatz sind, warnen - wie auch die Staatsregierung - vor einem Kollaps.

Reiter sagt, er sei "ernsthaft besorgt". Die übrigen Bundesländer nähmen zu wenige Geflüchtete auf. "Wir wissen nicht mehr, was wir mit den Flüchtlingen machen sollen."

Volksfeststimmung ebbt ab

Die Lage beruhigt sich erst, als der Zugverkehr aus Österreich zeitweise eingestellt wird und Grenzkontrollen an der bayerisch-österreichischen Grenze eingeführt werden. Auch die Volksfeststimmung am Münchner Hauptbahnhof ebbt nun langsam ab. An die Asylbewerber hat man sich inzwischen gewöhnt, die Einsatzkräfte und Ehrenamtlichen machen geräuschlos ihre Arbeit. Journalisten aus aller Welt, die tagelang den Hauptbahnhof bevölkerten, packen langsam ihre Sachen zusammen.

Zu Beginn gingen sie im Applaus unter - doch jetzt hört man immer öfter auch hässliche Stimmen gegen angebliche "Gutmenschen" und "Berufsklatscher", die die Flüchtlinge mit ihren "Refugees Welcome"-Pappschildern nun erst recht nach Deutschland locken würden. Charlotte Knobloch, frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und selbst ein Münchner Kindl, spricht wohl vielen aus der Seele, als sie dagegenhält und die Münchner Gastfreundschaft lobt: "Die Welt sieht jetzt auf wunderbare Weise, was 'Weltstadt mit Herz' bedeutet!"

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 5. September 2016, 17:17 Uhr


Und ich bin immer noch der Ansicht, daß es richtig war!
Allerdings hätte man die Ankommenden in irgendeiner Form, wenigstens in einem einfachen Verfahren, registrieren müssen. Einer der Hauptgründe für die diffusen Ängste vor den Flüchtlingen ist eben die Tatsache, daß man nicht weiß, wer eigentlich alles ins Land gekommen ist.
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Paperback, 5. September 2016, 22:10 Uhr


Zitat:

"Zu Beginn gingen sie im Applaus unter - doch jetzt hört man immer öfter auch hässliche Stimmen gegen angebliche "Gutmenschen" und "Berufsklatscher", die die Flüchtlinge mit ihren "Refugees Welcome"-Pappschildern nun erst recht nach Deutschland locken würden"

Solche Kommentare halte ich schlicht für infam. Menschen, die ihre Sorgen äußern werden wieder mal nicht ernstgenommen.

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