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Werden die Menschen im Alter wirklich schwieriger?
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Wenn der Kampf um Autonomie die Nerven der Kinder strapaziert

13. Oktober 2017

Alte Menschen klammern sich oft an Bewährtes, wollen sich nicht eingestehen, dass sie Hilfe brauchen. Als Altersstarrsinn verurteilt das der Volksmund. Aber werden die Menschen im Alter wirklich schwieriger? Oder ist das nur ein Vorurteil?

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Werden die Menschen im Alter wirklich schwieriger?

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Frankfurt a.M. (epd). "Die denken anders als wir", klagt Walter Schmidt (Name geändert), der sich zusammen mit Frau und Tochter fünf Jahre lang um seinen pflegebedürftigen Vater gekümmert hat. Der 54-jährige Gärtner aus Haltern am See hat häufig erlebt, dass alte Menschen "nur stur in eine Richtung denken". Andere Meinungen würden nicht akzeptiert, Kompromisse nicht geschlossen: "Da können sie sich auch vor den Kirchturm stellen und mit den Glocken sprechen." Für ihn ist klar: "Das ist Altersstarrsinn."

Kinder, die sich im Erwachsenalter um ihre betagten Eltern kümmern, erleben diese oft als verstockt: Die Senioren lehnen eine Putzhilfe für ihren Haushalt ab, obwohl es im Bad bereits verdächtig nach Urin riecht. Der Vater denkt nicht daran, den Führerschein abzugeben, obwohl er in das Auto schon einige Beulen gefahren hat. Ernsthafte Gefahren werden nicht gesehen. Etwa, wenn die 92-jährige Mutter den Hausnotruf ablehnt, obwohl sie bereits mehrfach gestürzt ist.

"Würde verteidigen"

"Die Senioren wollen vor allem ihre Würde verteidigen", sagt Udo Baer, Wissenschaftlicher Leiter beim Duisburger Institut für Gerontopsychiatrie. Es gehe ihnen darum zu beweisen, dass sie noch etwas können, trotz ihres hohen Alters. Gerade die Generation, die noch den Krieg und die Zeit des Nationalsozialismus erlebt hat, sei dazu erzogen worden, keine Schwäche zu zeigen.

Dabei hat das Alter natürlich Folgen, körperliche und psychische. Der Ravensburger Psychiater und Neurologe Volker Faust erläutert, dass Muskelkraft, Ausdauer, Leistungs- und Reaktionsvermögen nachlassen. Zugleich gehen Konzentrationsfähigkeit, Gedächtnis und Lernvermögen zurück. Alte Menschen stellen sich nicht gerne um, betont der Professor. Der Tagesablauf sei wie ein Ritual geregelt, auch weil das Kräfte spart.

Faust stellt eine "fast zwanghafte Starrheit in den persönlichen Ansichten" fest. Inwieweit und wie stark solche Veränderungen eintreten, hänge vom Charakter des Menschen und seine Vorerfahrungen ab. Dazu gehörten Schicksalsschläge, psychische Narben und erlebte körperliche und seelische Leiden.

Festhalten am Bewährten

Rolf Dieter Hirsch, Präsident der Deutschen Akademie für Gerontopsychiatrie und Psychotherapie, plädiert pragmatisch dafür, alten Menschen ihren Eigensinn zu lassen: "Sie wollen eben nicht bevormundet werden und halten daran fest, was sich für sie jahrelang bewährt hat", sagt er. In den Auseinandersetzungen mit Kindern oder Pflegepersonen sei es irrelevant, wer Recht hat. "Vielleicht ließe sich durch eine engagierte Pflegekraft, manchmal auch durch eine Haushaltshilfe, die Lebensqualität der Senioren verbessern - wenn sie das aber nicht wollen, sollte man sich damit freundlich abfinden", rät er.

Auch nach Ansicht von Brigitte Bührlen, Vorsitzende der Organisation "Wir! Stiftung pflegender Angehöriger", hat der Pflegebedürftige das Recht, ganz anderer Meinung zu sein. Schließlich hätten die alten Menschen ihr ganzes Leben bestimmt, was sie benötigen und was nicht. Oft fühlten sie sich völlig zu Unrecht in eine "Hilfsbedürftigkeitsecke" gestellt - was auch zu Aggressionen beitragen könne.

"Viel Fingerspitzengefühl"

"Wenn Senioren schimpfen, dann ist das auch oft ein Ausdruck der Abwehr gegen wohlmeinenden Zwang." Der Streit drohe nur dann zu eskalieren, wenn die Kinder oder Pflegepersonen die Ruhe nicht bewahren. Bührlen empfiehlt den jüngeren Helfern: "Sie sollten möglichst nicht schimpfen, sondern ruhig bleiben, aus dem Zimmer gehen und Luft holen. Später sollten sie sich mit anderen Angehörigen aussprechen."

Das findet auch Walter Schmidt wichtig. Er weiß von seinen Kunden und Bekannten, dass von Altersstarrsinn der Eltern viele Menschen im mittleren Alter betroffen sind. "Da liegen die Nerven oft blank." Es bleibe für die Jüngeren die Herausforderung, im Umgang mit den betagten Senioren "viel Fingerspitzengefühl" zu zeigen.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 16. Oktober 2017, 10:30 Uhr


"Welch eine zutreffender Artikel" Und wie deutsch hier die Normalität wiedergegeben wird.
Auf Malta erlebte ich, dass es den Familien ein selbstvertständiches Bedürfnis ist, alten, hilflosen Menschen Hilfe zu leisten. Der demente Vater eines Freundes wurde in einem Heim betreut, von der Familie jedoch keinen Augenblick alleine gelassen, so, dass immer ein vertrauter Verwandter um ihn war. Diese von innen gewachsene Fürsorge, die ich auch als Gast ganz selbstverständlich mittrug, würde ich wenigstens in Teilen, gerne wieder zu uns getragen wünschen, denn ähnlich habe ich das noch aus der Kindheit mit meinen Großeltern in Erinnerung.
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