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Schon in den 1920er Jahren posen Urlauber für den Strandfotografen auf der Nordseeinsel Norderney.
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Vom gefräßigen Ungeheuer zum Sehnsuchtsort

28. Juli 2016

Der Aufenthalt im Wasser - oft nur Sekunden. Nackt im Meer - undenkbar. Schwimmen konnte so gut wie niemand. Das "Bade-Museum" auf Norderney gibt Einblick in die teils skurrile Geschichte der deutschen Seebäder.

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Schon in den 1920er Jahren posen Urlauber für den Strandfotografen auf der Nordseeinsel Norderney.

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Norderney (epd). Noch im 18. Jahrhundert galt das Meer vielen Menschen im Binnenland als Reich des Satans und der Höllenmächte, sturmgepeitscht und bevölkert von gruseligen Ungeheuern. "Die Küste als Urlaubsgebiet war anders als die Berge ein weißer Fleck", sagt der Leiter des Bade-Museums auf der Nordsee-Insel Norderney, Manfred Bätje. Und wer seinen Fuß trotzdem ins Wasser setzte, "stieg in etwas Ungewisses".

Das änderte sich erst, als die britische Aristokratie die Heilkraft des Salzwassers entdeckte. Heute boomt der Tourismus in den Bädern an Nord- und Ostsee. Und wieder spielt die Gesundheit eine zentrale Rolle.

Verlässliche Einkommensquelle

Ein Impulsgeber war der lutherische Inselpastor von Juist, Gerhard Otto Christoph Janus (1741-1805). In einem Schreiben an den preußischen König Friedrich den Großen regte er die Gründung eines deutschen Seebades an, denn die Luft dort vertreibe das "Unreine" aus dem menschlichen Körper. "Was ferner das Baden im See Wasser anbetrifft, so lehrt die Erfahrung, dass es bey vielen Zufällen vortrefliche Dienste thut."

Mit der Petition wollte Janus auch den Insulanern, die vorwiegend vom Fischfang lebten, eine verlässliche Einkommensquelle erschließen. Er war allerdings seiner Zeit voraus, das Schreiben blieb unbeantwortet.

Den entscheidenden Anstoß gab dann der Göttinger Philosoph und Physiker Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) mit seinem Aufsatz "Warum hat Deutschland noch kein großes öffentliches Seebad?". Darin regte er 1793 eine Gründung in Cuxhaven an. Unterstützt wurde er vom damals bedeutendsten deutschen Mediziner, dem Leibarzt des preußischen Königs, Christoph Wilhelm Hufeland.

Doch es sollte anders kommen. Das erste deutsche Seebad entstand im September 1793 an der Ostsee in Heiligendamm. Vier Jahre später folgte die Genehmigung für Norderney, dem ersten deutschen Nordseebad. "In der ersten Badesaison im Juli und August 1800 gab es hier 250 Gäste, heute sind es bei knapp 6.000 Einwohnern jährlich 530.000 Kurgäste und 230.000 Tagesausflügler", zählt Bätje auf.

Prüdes Strandleben

Romantische Künstler wie Caspar David Friedrich verliehen dem Badetourismus im 19. Jahrhundert zusätzlichen Schwung. Das Meer galt fortan nicht mehr als "gefräßiges Ungeheurer". Vom Strand aus gab sich der kultivierte Europäer nun der Melancholie des unendlichen Wassers hin. "Das ruhige Meer diente als Projektionsfläche unbestimmter Sehnsüchte, wellenbewegt als Ausdruck von Lebenskraft und Tatendrang - im Grunde bis heute", meint Museumsdirektor Bätje.

Doch die Anreise blieb lange schwierig. So dauerte eine Fahrt auf holprigen Wegen mit der Postkutsche von Hamburg bis Aurich 30 Stunden. Die "Schnell-Droschke" von Bremen aus in die ostfriesische Stadt Norden war immerhin noch 16 Stunden unterwegs - inklusive sechsmaligem Wechsel der Pferde.

"Komfortabel war das nicht", sagt Bätje. Erst das Aufkommen der "Bäderdampfer", die von Bremen und Hamburg aus die Inseln ansteuerten, und der Ausbau der Eisenbahn vereinfachten die Sache. Trotzdem: Zunächst waren es vor allem Vermögende aus Bürgertum und Adel, die sich eine Seebäderkur leisten konnten.

War die Gesellschaft damals prüde, war es das Strandleben allemal. Badekarren dienten als Umkleidekabinen. Gebadet wurde nur getrennt nach Geschlechtern, der nasse Stoff durfte nicht ankleben. Die Frauen trugen bei ihrem Gang ins Meer sackartige Flanellkleider, darunter Pluderhosen, die sich auf geradezu lebensgefährliche Weise mit Wasser vollsaugten.

Schwimmen konnte ohnehin so gut wie niemand. "Die meisten blieben nicht einmal zwei Minuten im Wasser, manche nur Sekunden. Es galt die Regel der Engländer: Three dips and out" (dreimal Eintauchen und raus), erläutert Stadtarchivar Bätje, dessen Bade-Museum in einem stillgelegten Wellen-Schwimmbad untergebracht ist. Es liegt nur ein paar Meter vom Weststrand entfernt, an dem sich jetzt die Feriengäste in Strandkörben und auf Liegedecken tummeln, umweht von salziger Meeresluft.

Wie am Anfang

Als Anfang des Jahrhunderts das Sonnenbaden in Mode kam und in den USA die ersten Badeanzüge produziert wurden, versuchten die Preußen 1932 noch, mit dem sogenannten "Zwickelerlass" wieder Zucht und Ordnung herzustellen: Baden in "anstößiger" Kleidung wurde verboten, Badeanzüge und -hosen mussten einen Zwickel haben. Wer nackt ins Wasser stieg, riskierte eine empfindliche Strafe.

"Ab 1919 entwickelte sich langsam die gegenwärtige Badekultur", blickt Bätje zurück. Gleichzeitig änderten sich Schönheitsideale wie etwa der Blick auf die Bräune, die lange als Kennzeichen hart arbeitender Bauern und Proletarier gegolten hatte. Bätje: "Da achteten die Leute noch auf vornehme Blässe."

Heute überwiegen die Sonnenanbeter, der Bädertourismus boomt. Allein an der Nordsee zählten die Touristiker im vergangenen Jahr rund 12,9 Millionen Übernachtungen. Wobei neben dem Naturraum Wattenmeer die Gesundheit wieder ein zentrales Thema ist: Meeresluft, Meerwasser, Meersalz, dazu Algen und Schlick, die für kosmetische und therapeutische Thalasso-Anwendungen eingesetzt werden. "Das ist wie in den Anfängen", meint Bätje. Die Urlauber mögen die "frische Seeluft und das gesunde Reizklima".

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 28. Juli 2016, 12:12 Uhr


"Three dips and out"
Hihi - kleine Erinnerung an Otto Waalkes Waschmittel-Reklame-Parodie:
"Dip, dip, dip, in the Whizz, whizz, whizz, in the water, in the water - hmmm, cleeeeeaaan!"
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