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Virtuelle Nabelschnur und soziale Leine

9. Januar 2017

Im Januar 2007 präsentierte Apple eine Neuheit: das iPhone. Heute sind Smartphones ein Massenprodukt. Sie bereichern den Alltag und führen zu Stress. Medienpsychologen sagen: Soziale Normen für die Nutzung fehlen noch – jeder ist selbst gefordert.

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Viele Menschen haben ihr Smartphone immer dabei.

Frankfurt a.M. (epd). Nachrichten lesen im Zug, ein schnelles Spiel über eine App: Das Smartphone ist immer und überall dabei. Erst seit wenigen Jahren sind die Geräte flächendeckend verbreitet - aber der Alltag hat sich durch sie enorm verändert. Um das zu beschreiben, vergleicht der Medienwissenschaftler Peter Vorderer die Gesellschaft mit einem Kind am Weihnachtsabend. "Wir haben das Smartphone gerade erst sozusagen als Geschenk ausgepackt", sagt der Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Mannheim. "Noch sind wir ganz fasziniert von den neuen Möglichkeiten und wollen sie sofort alle ausprobieren."

Vor zehn Jahren, am 9. Januar 2007, stellte Apple-Chef Steve Jobs das iPhone vor, das die Popularität der Smartphones schnell steigerte. Binnen kurzer Zeit setzten sich die massentauglichen Geräte verschiedener Hersteller durch, darunter etwa Samsung, LG, Huawei. Das Internet ist mobil geworden.

2016 war das Smartphone das meistgenutzte Gerät für den Internetzugang. Zwei Drittel der Deutschen gingen der aktuellen ARD/ZDF-Onlinestudie zufolge darüber ins Netz. 19 Millionen surften jeden Tag unterwegs im Internet, etwa jeder vierte Deutsche.

Gefühl von sozialer Verbundenheit

Das Smartphone ist zugleich Uhr, Telefon, Kamera, Spielkonsole, digitale Zeitung oder Fernseher. Das Entscheidende für die Nutzung sei aber die Möglichkeit, mit anderen Menschen zu interagieren, sagt der Medienpsychologe Leonard Reinecke. "Das Gerät ist die virtuelle Nabelschnur zu den Kontakten des Nutzers." Es könne ein Gefühl von sozialer Verbundenheit stiften, weil es ermögliche, auf soziale Unterstützung zurückzugreifen.

Um das klassische Telefonieren wie bei den herkömmlichen Handys geht es längst nur noch am Rande. Dafür kam wesentlich hinzu, dass sich in der vergangenen Dekade auch die sozialen Netzwerke rasant etablierten. "Alles, was man unmittelbar erlebt, kann man sofort online abbilden. Gerade bei jungen Nutzern ist mit diesen Möglichkeiten eine extrem flüchtige Kommunikation entstanden", sagt Reinecke, der Juniorprofessor für Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist.

Diese neuen Möglichkeiten führen auch zu Druck und Stress. "Smartphones bedrohen das Glücksempfinden", warnt Sarah Diefenbach, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Weil die sozialen Netzwerke immer in der Hosentasche dabei seien, steige der Druck, sich zu präsentieren.

Ein sozialer Wettkampf entstehe, sagt Diefenbach. "Man vergleicht sich nicht mehr nur mit den Geschwistern oder dem Freundeskreis, sondern potenziell mit der ganzen Welt." Hinzu kommt: "Viele Menschen haben inzwischen mehr im Blick, wie sie einen besonderen Moment in ihrem Leben in sozialen Netzwerken darstellen, als den Moment an sich zu erleben."

Gespräche werden oberflächlicher

Bei Unterhaltungen stört es, wenn der Gesprächspartner ständig auf das Telefon schielt - oder Nachrichten an andere schreibt. "Vor allem das parallele Chatten beeinträchtigt die persönliche Kommunikation", sagt Diefenbach. "Viele glauben, sie könnten gleichzeitig in zwei Welten sein, aber das geht nicht, unsere Aufmerksamkeit ist begrenzt." Das persönliche Gespräch werde oberflächlicher.

Und dafür müssen die Anwesenden das Mobiltelefon noch nicht einmal benutzen. "Studien zeigen: Die Intensität von Gesprächen reduziert sich, wenn die Gesprächspartner Smartphones dabei haben - auch wenn sie sie gar nicht nutzen", sagt Wissenschaftler Vorderer. "Die Erklärung ist: Sie wissen, sie könnten auch etwas anderes tun, sie müssen sich nicht so intensiv auf das persönliche Gespräch einlassen."

Ein relativ neues Phänomen ist der Antwortdruck. Durch die massenhafte Verbreitung der Messenger wie WhatsApp sei der Anspruch gestiegen, sofort auf eine Nachricht antworten zu müssen, sagt Diefenbach. Dadurch werde es schwieriger, das Gerät einfach mal wegzulegen.

Aus psychologischer Sicht sei die Wirkung paradox, erklärt Reinecke: "Der Eindruck vieler Menschen ist, dass sich ihre Autonomie im Alltag durch das Smartphone vergrößert. Man hat den Zugang zur Befriedigung vieler Bedürfnisse nun immer dabei." Das sei aber nicht alles: "Auf der anderen Seite entsteht das Gefühl, dass das Smartphone eine verlängerte soziale Leine ist. Neue Zwänge sind dadurch entstanden."

Bewusst Pausen einlegen

Kern des Problems: Soziale Normen, wie mit dem Smartphone umzugehen ist, fehlen noch. Pädagogen und Wissenschaftler streiten darüber, ob Schüler es in der Schule nutzen sollen. Eltern diskutieren mit ihren Kindern über Smartphone-Pausen am Essenstisch. Jeder müsse die Nutzung so regulieren, dass er sie als bereichernd und nicht als Belastung erlebe, sagt Reinecke. "Das ist ein hoher Anspruch an das Individuum." Er rät zu bewussten Pausen bei der Nutzung. "Dabei sollte man sich freimachen von sozialen Ängsten hinsichtlich der Folgen."

Er glaube, dass die Kommunikation zunächst noch weiter zunehmen werde, sagt Wissenschaftler Vorderer. Das werde sich aber ändern. Denn irgendwann trete der Effekt ein, der sich auch bei Kindern an Weihnachten einstellt. "Es wird der Moment kommen, an dem das Gerät bekannt ist und zur Normalität wird", sagt Vorderer. "Dann ist es viel weniger interessant und viele wollen es dann auch mal weglegen."

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 9. Januar 2017, 9:12 Uhr


Es ist eine Seuche mit Suchtpotenzial, schlechtes Benehmen inbegriffen.
Anstatt seine Gedanken dem lebendigen Gesprächspartner gegenüber mitzuteilen, vernachlässigt man ihn und streut alles über Twitter, Instagramm oder What\'s App in die Welt. Selbst designierte Präsidenten tun es ("...und täglich grüßt das Trampeltier" - ein Tagesschau-Kommentator über Trump).
Ich halte diese Entwicklung für gefährlicher als alle bisher bekannten Drogen zusammen. Wenn ich draußen junge Mütter mit Kinderwagen sehe, den Blick an ihrem Gerät festgesaugt, ohne das Baby zu beachten; später das Kleinkind auf dem Spielplatz: sich selbst überlassen, weil die Mutter oder der Vater "wichtige" Mitteilungen lesen und schreiben muß, zu Hause das Kind vor dem Fernseher abgelegt, damit es nicht beim Chatten stört - mich wundert es nicht, wenn bei immer mehr Kindern die Sprachentwicklung verzögert ist.
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Atlantica, 9. Januar 2017, 10:24 Uhr


Guten Morgen, Schallblech. Bei den Drogen muss man allerdings unterscheiden: nicht-stoffliche Abhängigkeiten = keine Drogen im medizinischen Sinn und giftige Substanzen.

Zu der Sprachkompetenz der Kinder: der Hinweis ist gut; doch wie sollen solche Eltern ihren Kindern überhaupt eine Sprach-Kompetenz vermitteln, die über das Elementare hinausgeht und den späteren "Erwachsenen" eine beruflich sinnvolle Aufgabe ermöglicht? So spaltet das Internet und die Technologie die Gesellschaft noch weiter als sie es eh schon ist.

Schallblech, 9. Januar 2017, 11:23 Uhr


Sprachkompetenz vermittelt man, indem man mit dem Kind spricht, ihm vorliest, erzählt und erzählen läßt, spielt, sich mit ihm beschäftigt. Im Prinzip könnten das auch Eltern, die keinen großen Bildungshintergrund haben (mal vorsichtig ausgedrückt) - leider tun sie es meist nicht.
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Atlantica, 9. Januar 2017, 11:50 Uhr


Sehe ich auch so. Aber ob in oberen Sozialschichten immer mehr Liebe vorhanden ist als in unteren? Wage ich, zu bezweifeln!

Schallblech, 9. Januar 2017, 12:15 Uhr


Ich auch :(
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