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Ein Mann füllt einen Hartz IV-Antrag aus - dahinter liegt sein Diplom-Zeugnis.
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Trotz Diplom ohne Job

13. Februar 2017

Eine gute Ausbildung führt auch zu einem guten Job. Diese Lebensregel scheinen die offiziellen Zahlen zum Arbeitsmarkt zu belegen: Akademiker haben meistens einen Arbeitsplatz. Allerdings sind viele davon befristet oder schlecht bezahlt.

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Ein Mann füllt einen Hartz IV-Antrag aus - dahinter liegt sein Diplom-Zeugnis.

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München (epd). Nach seinem Zivildienst war für Andreas P. klar: In seinen ursprünglichen Handwerksberuf möchte er nicht mehr zurück. "Das hat einfach nicht mehr gepasst", sagt der 46-Jährige Münchner. Andreas P. begann, Sozialpädagogik zu studieren. 2001 machte er sein Diplom. Danach begann eine fast 15-jährige Suche nach einem festen Arbeitsplatz. Der Oberbayer hatte befristete Jobs, Stellen mit mieser Bezahlung und zwischendurch gar nichts. Erst Ende 2015 im Alter von 45 Jahren schaffte er es, unbefristet unterzukommen.

Fast 300.000 junge Menschen schließen jedes Jahr die Hochschule ab. Die meisten schaffen danach den Berufseinstieg. Allerdings bei weitem nicht alle. Um die 2,5 Prozent betrug in den vergangenen Jahren die Arbeitslosenquote unter Akademikern. Im Jahresdurchschnitt sind nach Angaben der Bundesarbeitsagentur rund 200.000 Männer und Frauen mit akademischem Abschluss ohne Job.

Viele Jahre zum Jobcenter

Vor allem Akademiker, die einen Arbeitsplatz in der Werbung suchen, trifft nach Aussage der Arbeitsagentur häufig die Erwerbslosigkeit. Schwierig ist die Situation aber auch für Hochschulabsolventen, die im Journalismus arbeiten möchten. Historiker, Biologen und Politikwissenschaftler kommen ebenfalls nicht immer sofort unter. Am geringsten ist die Arbeitslosigkeit bei Medizinern, Bankern, Lehrern und Informatikern. Sozialarbeiter liegen im Mittelfeld.

Viele Jobs im sozialen Bereich, so die Erfahrung von Andreas P., werden durch Beziehungen vermittelt. Neueinsteiger ohne Kontakte in die Szene hätten es schwer. Je länger es jemand nicht schafft, eine feste Stelle mit fairer Bezahlung zu ergattern, umso schwieriger wird die Suche.

Weil es bei ihm nicht gleich geklappt hatte, musste der Münchner viele Jahre lang zum Jobcenter. Das habe ihn fertiggemacht, sagt er: "Die Mechanismen, die hier greifen, vor allem die angedrohten Sanktionen, zerstören das Selbstbewusstsein und demotivieren." Damit wird dem Sozialpädagogen zufolge ein Teufelskreislauf in Gang gesetzt. Je zermürbter ein Stellenbewerber ist, umso schlechter kommt er bei Vorstellungsgesprächen rüber: "Die Arbeitgeber merken das sofort."

Dass "Job" auch im akademischen Sektor nicht gleich "Job" ist, bestätigt Elke Hannack, stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). "Die Chancen auf einen Job stehen bei Akademikern zwar gut, allerdings sind sie häufiger befristet angestellt als Facharbeiter", erklärt sie. Oftmals folge ein befristeter Job auf den nächsten. "Allein an den Hochschulen sind 90 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter befristet beschäftigt. Das ist ein echter Skandal."

Schlechte Bezahlung

Nicht weniger skandalös sei mancherorts auch die Bezahlung. 4,1 Prozent aller Akademiker, die im Westen tätig sind, und 7,4 Prozent aller im Osten beschäftigen Hochschulabsolventen verdienen nach Erkenntnissen des DGB weniger als zehn Euro pro Stunde. Vor allem Architekten und Journalisten erzielten vielfach nur sehr niedrige Einkommen.

Ältere Akademiker sind meist besser gesichert als Neueinsteiger, da sie unbefristete Jobs haben. Sie werden darum auch seltener erwerbslos. "Sollten sie in höherem Alter jedoch arbeitslos werden, dann haben sie teilweise Probleme, wieder in den Arbeitsmarkt hineinzukommen", ergänzt Ute Klammer, Direktorin des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Uni Duisburg-Essen.

Dass inzwischen 60 Prozent aller Schulabgänger an eine Hochschule gehen, sei nicht nur positiv zu sehen, findet Charlotte Venema, Leiterin der Beruflichen Bildung beim Arbeitgeberverband Hessenmetall. Die hohe Zahl akademischer Abschlüsse führe auch zu ihrer Entwertung. In der Folge erfüllten sich die Joberwartungen vieler Hochschulabsolventen nicht.

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 13. Februar 2017, 9:33 Uhr


Ab Ende 50 bekommt selbst ein Diplom-Ingenieur, der ja angeblich so händeringend gesucht wird, der ein Berufsleben voll Erfahrung mitbringt, keine Stelle mehr.
In meiner Familie passiert: Ein wie oben beschriebener Ingenieur wurde von seinem Sachbearbeiter beim Arbeitsamt auf eine Stelle als Berufsberater bei eben diesem Arbeitsamt empfohlen. Die Chancen standen gut, nur ein Mitbewerber. Trotzdem abgelehnt. Da sich eine andere Sachbearbeiterin verplaudert hat, erfuhr er den Grund: Er war überqualifiziert. Er lebt im Moment mit seiner Familie vom Ersparten und muß im Mai vorzeitig in den Ruhestand.
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Atlantica, 13. Februar 2017, 9:43 Uhr


Genau so ist es, Schallblech. Dass das Alter eine derart überragende Rolle spielt, hätte ich auch nicht für möglich gehalten!
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Atlantica, 14. Februar 2017, 20:05 Uhr


Hier fehlt ein Kommentar. Den schreibe ich jetzt halt:

Dass die Gesellschaft - die deutsche Gesellschaft - so oberflächlich auf Leistung und Jugend setzt, ist ein Fehler. Und zwar ein verhängnisvoller!

1. Ab wann ist man alt - nicht mit dreißig!!!

Junge Leute sind natürlich unwahrscheinlich flexibel, andererseits aber auch über-anpassungsfähig und damit ökonomisch verwertbar. An die Jungen gerichtet: Lasst euch nicht verheizen! Es gibt ein Leben neben der Arbeit! Werdet nicht moderne Sklaven :-(

2. Erfahrungs-Schätze erfahrener Arbeitnehmer/innen - Akademiker

Mein unmaßgeblicher Eindruck:

es spielt keine Rolle, was du weißt, gelernt hast, worin du dich schon bewährt hast. Du musst schlicht funktionieren. Das wird allerdings (unbezahlbare) Folge-Kosten erzeugen.


Schallblech, 15. Februar 2017, 11:35 Uhr


Junge Leute sind billiger - zunächst. Ich vermute, daß das der Hauptgrund ist.
Daß so manche Firma durch die fehlende Erfahrung von Jungmanagern zugrunde gerichtet wurde, wird bei solchen rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten offenbar ausgeblendet.
Wenn eine Firma vor die Wand gefahren wurde, haben junge Leute meist keine Probleme, eine neue Anstellung zu finden. Aber die Älteren. Da sind wir wieder beim Anfang...
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Atlantica, 15. Februar 2017, 12:21 Uhr


Das ist ein sehr komplexes Thema, bei dem man sich vor Schnellschüssen hüten muss. Einerseits sind Jungmitarbeiter flexibel, formbar, hörig, dynamisch-leistungsfähig. Andererseits wäre es unklug, auf den Erfahrungsreichtum der Älteren zu verzichten. Es geht aber um das schnelle Geld, langfristig nachhaltige Erfolge zählen im modernen Wirtschaftsleben nicht. Kurzfristig sind ja die Unternehmen auch mit ihren Schäfchen erfolgreich. Als ich mich das letzte Mal bei meiner Bausparkasse habe beraten lassen, hatte ich den Eindruck, dass der junge Mann sich nicht sehr wohl in seiner Haut fühlte; ich habe im übrigen eine sehr gute Meinung von B.., sonst wäre ich da nicht. Was mich nur wundert, dass ständig Mitarbeiter abwandern und neue kommen.
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