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Theologin: Armut gefährdet ganze Gesellschaft

2. September 2016

Die stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, sieht in wachsender Armut eine Gefahr für die gesamte Gesellschaft.

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Armut in Deutschland.

Schwerte (epd). Bei Menschen, die von Armut gefährdet sind, sinke das Interesse für Politik nach Zahlen der Bundesregierung um die Hälfte, sagte die westfälische Präses am Freitag in Schwerte. Wenn Menschen das Gefühl hätten, von der Politik sei nichts zu erwarten, seien nicht nur diese Menschen und die Politik arm dran: "Spätestens, wenn sich andere dieses Gefühl zunutze machen, wird es gefährlich."

"Dann wird es richtig gefährlich"

Kurschus verwies auf einer Tagung der Evangelischen Kirche von Westfalen zum Thema "Armut ist (k)ein Schicksal" auf das Vorgehen von Gruppen, die "Zielscheiben aufstellen für Frust und Wut". Ohne den Rechtspopulismus explizit zu erwähnen, mahnte die Theologin laut Redetext: "Wenn sie Feindbilder ausrufen, auf die sogar diejenigen, die selbst ganz unten sind, noch herabschauen können: Ja, dann wird es richtig gefährlich für alle und für die Struktur und Kultur unseres Gemeinwesens."

Armut sei angesichts alarmierender Zahlen und erschütternder Schicksale ein dringendes und bedrängendes Thema für Politik, Kirche, Wissenschaft und Gesellschaft, betonte Kurschus auf der Tagung von Politikern und Mitgliedern der westfälischen Kirchenleitung. Sie kritisierte, dass die Spitzengehälter in Unternehmen und Konzernen heute nicht selten bis zu 200 Mal höher seien als die geringsten Löhne, und fügte hinzu: "Wieviel Ungleichheit verträgt eigentlich eine Gesellschaft, die auf der grundlegenden Gleichheit ihrer Mitglieder fußt?"

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Leser-Kommentare öffnen

Atlantica, 3. September 2016, 9:29 Uhr


Wie ich finde, einer der interessantesten Artikel seit langem. Jedoch: diese Spitzengehälter sind zwar irrsinnig (!) hoch, doch illegal sind sie nicht. Insofern macht es wenig Sinn, Kritik zu üben. Sehr richtig ist der Hinweis darauf, dass es ein Abgleiten in Spaltungstendenzen bedeutet, wenn auf Arme herabgesehen wird als noch tiefer stehende als man selbst. Auch wer als normaler Bürger lebt, kann aber das Interesse an der Politik verlieren. Die Medien tragen eine erhebliche Mitschuld, indem schwierige Sachverhalte populistisch vermarktet werden.
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Paperback, 3. September 2016, 10:25 Uhr


Na, endlich!", möchte ich ausrufen. Die Präses nähert sich dem Kern des Problems. Dass die Medien allerdings etwas auf die Ohren bekommen, kann ich nicht verstehen.
Es ist nicht populistisch, wenn sie die soziale Spaltung unserer Gesellschaft beschreiben, sondern sie benennen damit die Lebenswirklichkeit einer großen Gruppe unserer Gesellschaft und ich frage mich schon lange, wie es sein kann, dass diese Wirklichkeit den beiden großen Kirchen entgangen ist.
Vielleicht hat das aber auch eine gewisse Logik, wenn ich etwa daran denke, dass es auch in kirchlich verwalteten Sozialwerken Usus scheint, durch eigene Tarifgestaltung die eigenen Beschäftigten von der Einkommensentwicklung abzuschneiden.
Caritas- und Diakonie-Direktoren natürlich ausgenommen. Insofern sind die Kirchen auch Teil des Problems.
Es reicht halt nicht, Suppenküchen und Kleiderkammern einzurichten. Man muss sie überflüssig machen und von dem Gedanken der Caritas zum Gedanken der Teilhabe finden.
Ganz lebensnah kann ich dann noch von einer ganz persönlichen Erfahrung eines Gemeindefestes berichten: Bereits zum Auftakt sammelte die Gemeinde für ein neues Stehpult, das sich der Pfarrer für seinen Predigtdienst wünschte. Obwohl der Eintritt zum Fest kostenfrei war, wurde gesammelt: Für den Spießbraten, das Essen und und...
Schlussendlich hätte ich, wäre ich hingegangen, mein komplettes Wochenende mit dem Geld bestreiten können, das sie mir zwar unaufdringlich, aber letztlich aus der Tasche ziehen wollten. Da blieb ich dann lieber zu Hause.

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Atlantica, 3. September 2016, 12:37 Uhr


Medien & Wissenschaft stehen in der Verantwortung. Sie müssen versuchen, einen neuen Konsens zu erzeugen. Johannes Rau: versöhnen statt spalten! Wohin soll das alles führen?
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Paperback, 4. September 2016, 21:03 Uhr


Lieber Atlantica,

mir ist nicht ganz ersichtlich, warum Du hier so ausdrücklich "Medien und Wissenschaft" in Verantwortung und sie zur Konsens-Bildung aufforderst.
Zunächst ist es doch Aufgabe der Medien, die Wirklichkeit zu beschreiben und damit das, was ist, nicht zu beschönigen.
Es geht hier um Armut, und die findet sich auch bei uns. Zu lange wurde da weggesehen, wurde gekürzt und gemindert.
Die Analyse der Einkommensverhältnisse belegt doch deutlich, dass die Armen immer ärmer, und die Reichen immer reicher werden
Die Einen entkommen der Armut nicht mehr, und die Anderen können sich kaum dagegen wehren, dass sich ihr Vermögen ohne großes Zutun mehrt.
Das spaltet die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer. Mit Reichtum kann man sich versöhnen, mit Armut kaum.
Mit Suppenküchen und Armenspeisungen und Sozialkaufhäusern kommt man dem Problem nicht bei. Ich bin in einer Familie aufgewachsen und großgeworden, in der es materiell durchaus bescheiden aussah, aber wir wurden satt, mussten nicht in Lumpen durch die Gegend laufen. Zudem half ein großer Gemüsegarten und eine kleine Landwirtschaft, uns zu versorgen.
Vater arbeitete in einer Fabrik, und als meine Eltern die kleine Landwirtschaft aufgaben, wechselte Mutter in eine Jugendherberge und bekochte bis zu 100 hungrige Mäuler.
Not gelitten haben wir nie. In meiner Umgebung war das ähnlich.
Heute muss man gar nicht nach Menschen suchen, die in Abfallbehältern nach Essbarem suchen. Sie fallen genauso auf, wie diejenigen, die an der Brottheke verschämt nach Brot von gestern fragen.
In einem reichen Land, das weltweit engagiert ist, Soldaten entsendet in Krisengebiete und das gleichzeitig Fonds mit Milliarden füllt, rutscht eine Gruppe der Bevölkerung unaufhaltsam ab.
Das sind, ich muss es Dir nicht sagen, die Wähler, die der AFD zulaufen, ohne freilich zu realisieren, das sie von denen nichts erwarten dürfen.
Versöhnen ist da zu wenig.
Von Menschen, die derart der Not und dem sozialen Abstieg preisgegeben werden, kann ich keine Empathie für Fremde erwarten. Wer selbst hungert, freut sich nicht mehr, wenn andere gefüttert werden.
Da helfen keine frommen Sprüche, sondern wirken wie Hohn, ja und wie Verachtung. Die Wahlergebnisse heute in Mecklenburg-Vorpommern waren ein erstes Vorzeichen für das, was uns bevorsteht, wenn da nicht umgesteuert wird.
In der Tat gefährdet Armut die Gesellschaft.

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Atlantica, 5. September 2016, 7:50 Uhr


Hallo Paperback, was du beschreibst, ist die Sichtweise einer sozialdemokratischen Perspektive. Aber ist diese heute noch geeignet, die Welt zu erklären? Warum haben die Sozialwissenschaftler längst aufgehört, sich mit der Gemeinwesen-Perspektive der Sozialarbeit zusammenzuschließen, einen Konsens zu bilden? Hat man die Hoffnung auf eine gerechte Gesellschaft aufgegeben? Stichwort: wir beschreiben nur, LÖSEN muss die Politik die Probleme selbst. Das ist technokratisch und falsch. Journalismus, Wissenschaft und Politik, Sozialarbeit müssten zusammenarbeiten, nicht miteinander konkurrieren.
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