hg
Bild vergrößern
Lutherdenkmal in Erfurt
Buchtipp

Konrad Raiser
500 Jahre Reformation weltweit
Studienreihe Luther 7

zur Detailseite
Buchtipp

Bernd Becker, Gerd-Matthias Hoeffchen
Was weg ist, ist weg
Kuriose Beerdigungsgeschichten

zur Detailseite

Anzeige

Streit über die Konsequenzen aus Luthers Judenhass

11. Juli 2016

Wird das Verhältnis von Juden und Christen von Gegensätzen oder von Unterschieden bestimmt? Eine Kirchenhistorikerin betont den Gegensatz und warnt die Protestanten davor, ihre Überzeugungen aufzugeben.

Bild vergrößern
Lutherdenkmal in Erfurt

Leppin: Judentum und Christum Geschwisterreligionen

Nach Ansicht der Berliner Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg gehen manche Theologen - und auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) - zu weit in ihrer Abgrenzung vom Reformator und in der Annäherung an die Juden: Sie seien dabei, die eigene Tradition abzuschmelzen, "bis kein fundamentaler Widerspruch anderer und zu anderen mehr übrig bleibt", schreibt Professorin Wendebourg in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift "Zeitzeichen" und kritisiert, das Reformationsjubiläum solle zur großen Feier der "theologischen Harmlosigkeit" werden.

Wendebourg sieht die Gefahr, dass die Theologen eine zentrale Grundlage des Protestantismus und der Christen überhaupt aufgeben: Jesus von Nazareth ist Sohn Gottes und Erlöser. Das stelle die Protestanten in Gegensatz zu den Juden, die in Jesus nicht den von ihnen erwarteten Messias sehen. Genau diese "einander widersprechenden religiösen Überzeugungen" müssten heute im jüdisch-christlichen Dialog ausgehalten und nicht eingeebnet werden, fordert Wendebourg: "Friedliches Zusammenleben und religiöser Gegensatz schließen einander nicht aus."

Dem widerspricht ihr Professorenkollege Volker Leppin entschieden: Es gebe "keinen Gegensatz zum Judentum, sondern einen Unterschied", sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). Judentum und Christum seien Geschwisterreligionen. Dabei bezieht sich der Tübinger Professor für Kirchengeschichte vor allem auf die Rechtfertigungslehre. Seiner Ansicht nach ist die Überzeugung Luthers, dass die Juden eine harte Gesetzesreligion vertreten und danach trachten, nur durch Werke gerechtfertigt zu werden, der Grund für die Ablehnung des Judentums durch den Reformator.

"Das Gesetz als Gnadengabe"

Heute sähen jüdische und christliche Theologen das aber anders, betont Leppin: Das scharfe Gegeneinander von Gnade und Gesetz gebe es nicht, stattdessen sehe das Judentum "das Gesetz als Gnadengabe". Er sagt: "Gnadentheologie gibt es auch bei Katholiken und Juden, wenn auch in anderer Zuspitzung als bei den Protestanten". Deshalb gehe es um Unterschied, nicht um Gegensatz.

Wendebourg hingegen wertet den Umstand, dass die Juden Christus abgelehnt haben, als zentralen Kritikpunkt Luthers. Und weil Luther in seinen späten Lebensjahren diesen Widerspruch von Verheißung und Erfüllung nicht aushalten konnte, hat er so stark gegen das Judentum gewettert, schlussfolgert sie. Für ihn sei es "rational und zwingend" gewesen, das Alte Testament im Lichte Jesu Christi auszulegen. Deshalb habe er keinen religiösen Gegensatz gesehen, sondern ein "schuldhaftes moralisches Versagen" der Juden, dass sie Christus nicht anerkennen wollen.

Deshalb sollten sich Kirche und Theologie heute nicht von ihrer zentralen Botschaft verabschieden, sondern von den Konsequenzen, die Luther aus dem Gegensatz gezogen hat, fordert Wendebourg, die auch Vize-Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats für das Reformationsjubiläum ist.

Debatte über Kundgebung der Synode

Die Rechtfertigungslehre hingegen, die Leppin in den Mittelpunkt stellt, ist nach Ansicht Wendebourgs letztlich für Luther "nicht der springende Punkt für seine Haltung gegenüber dem Judentum" gewesen. Das wiederum kritisiert Leppin: Wendebourg "schiebt die Rechtfertigung beiseite".

Aus diesen unterschiedlichen Schwerpunkten ergeben sich auch unterschiedliche Bewertungen der Kundgebung "Martin Luther und die Juden", die die EKD-Synode im November 2015 verabschiedete. Leppin lobt, dass die Kundgebung keine fertigen Antworten liefert sondern sagt: Wir müssen nachdenken. Wendebourg hingegen kritisiert die Schrift als "nebelhaft" und wirft den Zustimmenden vor, die eigenen Traditionen abzuschmelzen und Überzeugungen aufzugeben.

Die Debatte wird wohl nicht auf der akademischen Ebene bleiben. Bis November will die Synode der EKD, das Kirchenparlament, eine einheitliche Haltung zur Judenmission finden. Auch in der Diskussion, ob Christen Juden missionieren dürfen, geht es um zentrale Glaubensüberzeugungen und den Dialog der beiden Religionen.

4

Leser-Kommentare öffnen

denkglaub, 11. Juli 2016, 21:52 Uhr


Es ist erschreckend festzustellen, dass es Bereiche in unseren Kirchenleitungen gibt, zu denen der christlich-jüdische Dialog und dessen Erkenntnisse der letzten 50 Jahre offensichtlich noch nicht durchgedrungen ist.

Um die Problematik besser zu verstehen, sei allen Leserinnen und Lesern das Juni-Heft der deutschen Pfarrerblattes wärmstens empfohlen.

http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/

Man findet darin nicht nur den Beleg, dass Luthers antijüdische glücklicherweise über Jahrhunderte in der Kirche unbekannt blieben und so lange keine Wirkung entfalten konnten.
Aber man findet erschreckende Beispiele, wie stark der Judenhass bei den bekannten Theologen praktisch gelebt wurde:
http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4076

Und man muss erschrecken, wie sehr Luther von Vorurteilen über Luther verblendet war und wie er das Alte Testament antijüdisch zurecht gebogen hat.

Wir haben Luther viel zu verdanken. Aber er war nicht unfehlbar. Im Blick auf das Judentum war seine Sicht eine Katastrophe.

Was es bedeutet, dass Jesus Gottes Sohn und Erlöser ist, können wir erst auf der Grundlage des Judentum verstehen und nicht im Gegensatz dazu - selbst wenn das Judentum unsere Auffassung darüber nicht teil, dass Jesus der Messias ist.

Ich bin erschrocken über die Äußerungen von Dorothea Wendebourg.

Wer die lutherische Rechtfertigungslehre ernst nimmt, dass nämlich der Mensch zu seiner Erlösung nichts beitragen kann, sondern dass diese allein aus Gottes freiem Heilshandeln resultiert, der kann und darf Juden in dieser Hinsicht kein schuldhaftes Versagen vorwerfen, sondern muss diese Sicht Luthers und ihre grausamen Folgen für Millionen Juden beschämt beklagen.
Bitte melden Sie sich erst an, um eine Antwort zu verfassen
zum Login

Ulrich Keßler, 12. Juli 2016, 15:14 Uhr


Sehr geehrter denkglaub, es "ist erschreckend festzustellen", zu welchem Fehlurteil Sie am Schluss Ihres Kommentars kommen, wenn Sie zwischen der "Sicht Luthers" und den "grausamen Folgen für Millionen Juden" einen (kausalen?) Zusammenhang herstellen, obwohl Sie vorher auf das Juniheft des Deutschen Pfarrerblattes verweisen! Bitte lesen Sie doch auch und auf jeden Fall noch das Juliheft, darin insbesondere den 2. Teil des Artikels von Johannes Wallmann "Die evangelische Kirche bastelt sich ihre Geschichte"!
Bitte melden Sie sich erst an, um eine Antwort zu verfassen
zum Login

Atlantica, 14. Juli 2016, 19:49 Uhr


Hat man schon darueber reflektiert, inwieweit Martin Luther Sprachrohr damals gaengiger Auffassungen war, inwieweit autokratischer Schoepfer neuer Lehren? Luther war neuartig, Luther war mittelalterlich. Feind der Juden? Wenn wir Luther mit dem Seziermesser der Moderne lesen, koennen wir ihn womoeglich gar nicht mehr verstehen. Er ist eine historische Gestalt, nicht unser aller Fuehrer!
Bitte melden Sie sich erst an, um eine Antwort zu verfassen
zum Login

Atlantica, 15. Juli 2016, 11:59 Uhr


Es sollte keinen weiteren Streit geben: die Lektüre des Pfarrerblattes, von dem sehr betroffenen denkglaub angeregt, bestätigt, was ich schrieb: Martin Luther ist nicht der Urheber von judenfeindlichen Ansichten. Er steht in einer langen IRRATIONALEN Tradition. Interessant ist zum Beispiel auch, dass er die Meinung, die Erde sei nicht Mittelpunkt des Weltalls, als unbiblisch verwarf. Wenn wir das Luther-Jubiläum 2017 angemessen feiern und ihn würdigen möchten, dürfen wir ihn nicht selbstgerecht kritisieren. Heute, fünfhundert (!) Jahre später, müssen wir uns selbstkritisch fragen, wie buchstäblich wir mit der Bibel als dem Wort Gottes umgehen, eine allerdings schwierige Frage. Aber für mich steht fest, wo viel Licht, da viel Schatten. Das gilt für Martin Luther genauso wie für heutige Theologen.
Bitte melden Sie sich erst an, um eine Antwort zu verfassen
zum Login
Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Buchtipp
Buchtipp

Bernd Becker, Gerd-Matthias Hoeffchen
Was weg ist, ist weg
Kuriose Beerdigungsgeschichten

zur Detailseite
Buchtipp

Konrad Raiser
500 Jahre Reformation weltweit
Studienreihe Luther 7

zur Detailseite
Buchtipp

Bernd Becker, Gerd-Matthias Hoeffchen
Was weg ist, ist weg
Kuriose Beerdigungsgeschichten

zur Detailseite
Per E-Mail empfehlen