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Radfahrer auf den Strassen von Rom
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Strampeln durch die Ewige Stadt

14. September 2017

In Rom gibt es zwar immer mehr Fahrradfahrer, aber nur miserable Radwege. Aktivisten werben mit Mondscheintouren durch die Altstadt für die Rechte der Radler. Aus Frust malen sie mitunter selbst ihre Wege auf die Straße.

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Radfahrer auf den Strassen von Rom

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Rom (epd). Fahrradfahrer in Rom waren einst eine Ausnahmeerscheinung: Wenn zwei sich an einer roten Ampel trafen, warfen sie sich komplizenhafte Blicke zu. Doch diese Zeiten sind vorüber: Obwohl es in der Ewigen Stadt nur einige wenige, meist miserable Fahrradwege gibt, nutzen etliche Römer mittlerweile das Zweirad.

Diese Art der Fortbewegung ist attraktiv für all diejenigen, die nicht allzu weit entfernt vom Zentrum wohnen. Denn es gibt nur zwei U-Bahnlinien - und Busse, die schier endlos auf sich warten lassen. Das Auto ist für die meisten Römer indes keine Option. Tagsüber ist die Altstadt nur für die Privatwagen von Anwohnern geöffnet, auch wenn das tägliche Verkehrschaos den Eindruck macht, als könne hier jeder drauflosfahren.

Obwohl es immer mehr von ihnen gibt, sind Radfahrer in Rom nach wie vor eine Minderheit. Ihre Interessen sind politisch nur schwer durchsetzbar. So fuhr der Kandidat der Regierungspartei der Demokraten, Roberto Giacchetti, bei den Kommunalwahlen des vergangenen Jahres mit dem Versprechen, endlich mehr Fahrradwege einzurichten, eine krachende Niederlage ein. Als weit größere Probleme galten den Wählern mit Schlaglöchern übersäte Straßen, die vor dem Kollaps stehenden öffentlichen Verkehrsmittel und die nicht funktionierende Müllabfuhr.

Die Polizei hilft

Für die Rechte der Drahteselnutzer setzen sich die Fahrradbewegung "Critical Mass" und ein loser Verbund von Römern ein. Immer an Vollmond laden sie übers Internet Hunderte Menschen zur Fahrradtour durch die Altstadt ein. Ohne polizeiliche Genehmigung. Die Spazierfahrt sei eine "spielerische Variante" des politischen Engagements von "Critical Mass", erklärt eine Mittfünfzigerin, die seit mehreren Jahren daran teilnimmt.

"Die Polizei hilft uns eher, als das sie uns blockiert", sagt Giuseppe verschmitzt. Mit dem Walkie-Talkie verabredet er, wer die Spitze und wer den Schluss des selbst in den heißen Sommermonaten von Hunderten Fahrrädern gebildeten Zuges bildet. Zwei Stunden und fünfzehn Kilometer später löst sich der fröhliche Zug kurz vor Mitternacht am anderen Ende der Stadt auf. Die Route wird vorher nicht bekannt gegeben - schließlich handelt es sich offiziell nur um eine Spazierfahrt, keineswegs um eine Demonstration.

Scheele Blicke für Trikot-Träger

"Wir wollen Leute mit dem Fahrrad vertraut machen, die ansonsten immer mit dem Auto fahren und Angst haben, in der Stadt Fahrrad zu fahren", erklärt Melania, eine Argentinierin, die die Idee der Vollmondfahrt vor vier Jahren aus Buenos Aires nach Rom mitbrachte. Wer sich auf der prächtigen Piazza del Popolo vor Beginn der Spazierfahrt mit Trikot und Profirad einfindet, erntet eher scheele Blicke. "Wir fahren doch kein Rennen", sagt Marco mit einem abschätzigen Blick auf einen jungen Mann mit einem sehr teuer aussehenden Rad.

Unter den Teilnehmern der Mondscheinfahrt ist auch der 17-jährige Italo aus Neapel. Er berichtet, dass die wenigen Fahrradwege in der Stadt am Vesuv ständig zugeparkt oder als Fahrstraßen benutzt werden. Immerhin gebe es einen funktionierenden Fahrradweg im Tunnel unter der Altstadt. "Sonst wäre der zu gefährlich", sagt Italo.

Guerilla-Fahrradwege

Aus Frust über die geringe Zahl an Fahrradwegen greifen die Aktivisten mitunter zu Farbe und Pinsel und setzen selbst Markierungen auf die Straße. "Wir haben den Fahrradweg in der Eisenbahnunterführung unter dem Hauptbahnhof auf den Asphalt gemalt", sagt Giuseppe, Anfang dreißig, Vollbart und Glatze. Sein Freund Marco, der mit ihm die Mondscheinfahrt organisiert, ergänzt: "Autos fahren dort ohnehin nicht, die Straße bleibt auch bei Regen immer trocken."

Die Guerilla-Fahrradwege sind nicht von Bestand. Stets beeilt sich die Stadtverwaltung, die weiße Linie und die auf der schmalen Spur aufgemalten Fahrräder mitsamt der obersten Schicht des Asphalts abzukratzen. Für Straßenreparaturen oder gar neue Fahrradwege hat sie aber weiterhin kein Geld.

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