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Stasi-Beauftragter Rathenow: «Ich wollte den Westen zu mir holen»

22. September 2017

Er ist Poet und Sachsens Landesbeauftragter für SED-Unrecht: Lutz Rathenow. Zu DDR-Zeiten veröffentlichte der Bürgerrechtler seine Texte im Westen, wurde von der Staatsmacht verhaftet. Doch wortlos blieb er nie.

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Dresden (epd). Lutz Rathenow sieht es als Privileg, mit 65 Jahren noch arbeiten zu dürfen. Der Autor und frühere DDR-Bürgerrechtler ist sächsischer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, zuständig auch für die Stasi-Unterlagen in Sachsen. "Mit zunehmendem Alter steigt die Lust, jung zu bleiben", sagt der Mann mit dem Bart und den wachen Augen. Deshalb arbeite er auch gern. Er wolle noch nicht über die Rente nachdenken. Am 22. September wird er 65 Jahre alt.

"Ich bin Verrisse und Kämpfe gewöhnt"

Rathenow wurde 2011 im sächsischen Landtag nur mit knapper Mehrheit als Landesbeauftragter gewählt. Er nahm es sportlich: "Ich komme aus dem Literaturbetrieb und bin regelmäßiges Hin und Her, Verrisse und Kämpfe gewöhnt. Streit beschädigt nicht", war sein Kommentar. Heute schwärmt er für sein Amt: "Die Tätigkeit als Landesbeauftragter empfinde ich für mich als ideal, sie ist eine der abwechslungsreichsten Arbeiten im politischen Bereich."

Als Landesbeauftragter mit Sitz in Dresden leistet er Bildungsarbeit, führt Gespräche mit Menschen, die Opfer des DDR-Unrechtsstaates wurden. Seine persönlichen Erfahrungen wolle er in seine Tätigkeit einbringen, sagt Rathenow. Tatsächlich geriet der 1952 in Jena geborene Lyriker mehrfach ins Visier des SED-Machtapparates. Seine eigene Stasi-Akte umfasst rund 15.000 Seiten. Die "filigrane Arbeit" der Staatssicherheit habe ihn auch überrascht, sagt er.

Als junger Mann gründete Rathenow in seiner Heimatstadt den oppositionellen Arbeitskreis "Literatur und Lyrik Jena". Dieser wurde 1975 verboten. Nach dem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns verhafteten die DDR-Mächtigen Dutzende Oppositionelle, Lehramtstudent Rathenow war dabei. Später brachte ihm das den Rauswurf von der Jenaer Uni - nur drei Monate vor dem Examen.

"DDR viel zu spannend"

Als Opfer sieht er sich dennoch nicht. Er habe als Künstler gewisse Privilegien erfahren, sei trotz allem "besser behandelt" worden, sagt er. Dennoch habe er schlimme Zeiten erlebt, etwa als Soldat in Thüringen bei den Grenztruppen der DDR. In den Westen aber habe er nie gewollt. Ein Ausreiseangebot der Ost-Behörden lehnte er ab. "Dafür fand ich die DDR viel zu spannend", sagt Rathenow. "Ich wollte den Westen zu mir holen und nicht dahin reisen."

Der Durchbruch als Literat gelang ihm schließlich in Ost-Berlin, wohin er 1977 gezogen war. Dort tauchte er in die Schriftstellerszene ein, schmuggelte seine (und andere) Texte in den Westen, wurde zum Vermittler zwischen der DDR-Künstlerszene und der westlichen Presse. Weil er seinen ersten Prosaband "Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet" 1980 im Westen Deutschlands ohne Erlaubnis der zuständigen DDR-Behörden herausbrachte, wurde Rathenow erneut verhaftet. Das machte ihn aber nur noch bekannter.

Bestätigen kann das sein langjähriger Freund und Weggefährte Roland Jahn. "Seinen kritischen Geist hat er schon in Jugendjahren entwickelt", sagt der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Berlin. Lutz Rathenow sei einer derjenigen gewesen, der die Szene in Jena geprägt habe. "Musik hören, Gedichte schreiben, über die Welt diskutieren", umreißt Jahn den dazugehörigen Nährboden. Auch er hat in Jena studiert, auch er wurde wegen seines politischen Engagements exmatrikuliert. Die Oppositionellen in der DDR habe "die Sehnsucht nach einer gerechten Gesellschaft" angetrieben, sagt Jahn heute.

Poet Rathenow

Still und im Verborgenen habe Rathenow gearbeitet, wenn es darum ging, Texte in den Westen zu schmuggeln. "Manche trauen ihm das gar nicht zu", sagt Jahn. Aber er sei dabei ein "hohes Risiko eingegangen". Zudem sei er ein "brillanter Analytiker" der DDR gewesen, habe auch keine Scheu gezeigt, das am Telefon zu besprechen, obwohl dieses von der Stasi abgehört wurde.

Manchmal analysiert der Poet Rathenow sich selbst: "Ich mache immer gern das Unerwartete, das keiner denkt", sagt er dann. Oder: "Ich bin gern unzufrieden." Das sei seine Antriebskraft.

Der Direktor des Thüringer Landesmuseums Heidecksburg, Lutz Unbehaun, würdigte Rathenow einmal als "vielseitigen Literaten, welcher seine Kritik an DDR und Ostalgie oft in beißendem Spott, Ironie und Satire verpackt".

Zum Geburtstag hat Rathenow sich selbst ein Geschenk gemacht: Vor kurzem erschien sein neuer Gedichtband für Kinder. Es ist das erste Buch seit seiner Wahl zum Landesbeauftragten in Sachsen.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 23. September 2017, 8:05 Uhr


Wie schön, hier Lutz Rathenow zu begegnen. Seit geraumer Zeit haben wir seinen "Ich heiß Frank" übernommen, der wie folgt endet:-)

Ohne Bank
im Schrank
wär ich krank.
Weiß Frank
auf seiner Bank.
"Frank im Schrank"
denkt die Bank,
in dem Schrank
über Frank.
So schläft er ein,
im Schrank allein.
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