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Das DDR-Museum in Pforzheim
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Schüsse, Zelle, Plaste

30. September 2016

Für viele Schüler sind die Deutsche Demokratische Republik und die Wiedervereinigung längst nur noch Themen abstrakter Geschichtslektionen. Das DDR-Museum in Pforzheim möchte das ändern.

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Das DDR-Museum in Pforzheim

Pforzheim (epd). Ein Stückchen Mauer im Garten, historische Bilder in den Fenstern: Schon wer sich dem Gebäude auf der Pforzheimer Höhe von weitem nähert, begreift schnell, was Sache ist. Das Haus am Waldrand erzählt von rund 40 Jahren geteilter deutscher Geschichte - von Besatzungszonen und Mauerbau, von Kaltem Krieg und Rivalität, von menschlichen Beziehungen und Schicksalen sowie schließlich von einer beispiellosen friedlichen Revolution.

Die drei Etagen sind ein "Lernort der Demokratie", darauf ist Jürgen Gorenflo, der das Museum betreut, stolz. "Was es besonders macht, ist der politische Blick", sagt der Geschichtslehrer, bevor er seine zehnte Klasse des Pforzheimer Theodor-Heuss-Gymnasiums durch die Räume führt. Als 1979 Geborener hat er das geteilte Deutschland und den Kalten Krieg noch selbst erlebt.

Keine N-ostalgie wie in anderen Museen

Museen über die Teilung gebe es viele, vor allem dort, wo einst die Grenze verlief, macht Gorenflo deutlich. Auch in den östlichen Bundesländern finde man DDR-Museen, dort allerdings oft mit einem Schwerpunkt auf dem Alltagsleben und einer damit verbundenen "nostalgischen Note". Davon wolle sich das Pforzheimer Museum abheben.

Man wolle vielmehr aufzeigen, dass das DDR-Regime eine Diktatur war - und klar machen, warum Demokratie so wertvoll ist, betont Gorenflo. Das wird an zwei Stellen besonders deutlich. Eine ist der Raum im ersten Stock, der sich mit der früheren Grenze befasst. Neben der Vitrine mit den Gewehren hängt der Schießbefehl für die DDR-Grenzer: "Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen ...".

Düster ist es auch im Keller. Dort wurde eine Gefängniszelle wieder aufgebaut, mehrere Zellentüren sind zu sehen, und ein Stasi-Verhörzimmer erinnert an verschiedene Filmszenen. Aber im Museum haben daneben auch ein Trabi, das Sandmännchen, Plaste-Geschirr und alte Schallplatten ihren Platz. Das Zwischenmenschliche kommt ebenfalls nicht zu kurz.

Los ging es einst mit einem 20-Pfennig-Fahrschein. Mit diesem ist Museumsinitiator Klaus Knabe einen Monat vor dem Mauerbau nach West-Berlin geflohen, von wo er dann nach Pforzheim zog. Das Ticket wurde das Startstück zu seiner privaten DDR-Sammlung. "Es war ihm ein Anliegen, zu verdeutlichen, warum er weggegangen ist", berichtet Gorenflo.

"Einzigartiger Lernort"

Nachdem die Kollektion jahrelang auf seinem Dachboden gewachsen war, richtetet er 1998 das erste Museum in dem ehemaligen Kindergarten der französischen Garnison ein. Rund 4.000 Stücke hat er zusammengetragen. Mit seinem Tod 2012 ging alles in eine Stiftung über, und die Räume auf der Pforzheimer Höhe bekamen eine Verjüngungskur verpasst. Wiedereröffnung war im Oktober 2014, vor rund zwei Jahren.

Jetzt wird nur noch ein vergleichsweise kleiner Teil des Sammlungsbestands gezeigt, und zwar ausschließlich Originale. Diese sind nicht nur historisch eingeordnet und liebevoll in Szene gesetzt, sondern auch mit Tondokumenten und Filmbeiträgen ergänzt, die per Tablet abgerufen werden können. Wer mag, kann etwa der gesungenen DDR-Hymne lauschen. Oder er kann den damaligen Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht zwei Monate vor dem Mauerbau sagen hören: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten."

Bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gilt das Museum als Leuchtturm-Einrichtung. Geschäftsführerin Anna Kaminsky sagt: "Das DDR-Museum in Pforzheim ist ein im Westen der Bundesrepublik einzigartiger Lernort zur Geschichte der deutschen Teilung und der kommunistischen Diktatur in der DDR." Vor allem junge Leute, die diese Zeit nicht miterlebt hätten, würden dort viel erfahren über das Leben in der Diktatur und die Unterschiede zur Demokratie. "Werte wie Freiheit, Demokratie und Achtung der Menschenrechte lassen sich anhand der Ausstellung erfahren und diskutieren."

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 3. Oktober 2016, 11:48 Uhr


Das finde ich unheimlich wichtig. Wer diese Zeit nicht selbst erlebt hat - ob in Osten oder Westen - kann sich das überhaupt nicht vorstellen. Ostalgie hilft da nicht weiter, Filme wie "Good Bye, Lenin" verstehen auch nur die richtig, die es erlebt haben. Es muß immer wieder aufgezeigt werden, daß es sich um eine Diktatur handelte, unter der Menschen zerstört wurden.
Als Fortsetzung nach dem Besuch dieses Museums empfehle ich eine Führung im Gefängnis Bautzen. Da wird vieles aufgezeigt, was wir im Westen nicht wußten, weil es viel schlimmer war, als wir uns vorstellen konnten....
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