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Schlaf, Kindchen, schlaf

13. Dezember 2016

Durchwachte Nächte, Geschrei im Flugzeug, stundenlange Einschlafrituale: Tausende gestresste Eltern in Deutschland geben ihren Kleinkindern Schlafmittel, damit sie nachts oder auf Reisen ruhiger sind. Kinderärzte warnen vor schweren Nebenwirkungen.

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Viele Babys schlafen nicht problemlos ein

Frankfurt a.M. (epd). "Ich gebe ihr das Zeug sicher nicht, weil ich mal eine Nacht schlecht schlafe, sondern weil ich mittlerweile nachts auch schon echt aggressiv ihr gegenüber werde", schreibt die junge Mutter in einem digitalen Elternforum. "Das Zeug" ist in diesem Fall der Schlafsaft Sedaplus, frei erhältlich in Apotheken, zugelassen für Kinder ab sechs Monaten. Sie fragt nach den Erfahrungen anderer Eltern mit dem Saft.

Und die haben viele. In den zahllosen Online-Gesprächen tauschen Eltern Medikamentennamen aus, besprechen die müde machende Wirkung gängiger Mittel gegen Reiseübelkeit und erklären auch, warum sie es ihrem Kleinkind geben: "Unser letzter Flug im Oktober von Miami zurück war Horror, sie war fertig ich war fertig, und die Mitreisenden haben mich gehasst."

18.700 Mal haben Ärzte im Jahr 2015 Beruhigungs- und Schlafmittel für Kinder unter drei Jahren verschrieben, zeigt eine Auswertung des Deutschen Arzneimittelinstituts. Und: Apotheken verkauften im selben Jahr nach Angaben der Marktforscher von IMS Health rund 35.000 rezeptfreie Schlafsäfte wie Sedaplus. Das Antihistamin soll eigentlich gegen Allergien wirken, als Nebenwirkung macht es aber müde.

Gefahr eines Atemstillstands

"Wir raten dringend davon ab", sagt Hermann Kahl, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Notwendig seien Schlafmittel bei Kleinkindern selten - etwa dann, wenn sie schwere Stoffwechselerkrankungen haben. Auch zur Vorbereitung auf Operationen würden sie in Kliniken eingesetzt - "unter Aufsicht". "Hier sprechen wir jedoch von gesunden Kindern, die ruhiggestellt werden", sagt der Düsseldorfer Kinderarzt, der oft von übermüdeten Eltern nach Schlafmitteln gefragt wird.

Kahl warnt vor den Gefahren: Manche Mittel, auch rezeptfreie, könnten bei Babys zu Atemstillstand führen. "Die Gefahr ist viel größer als bei Erwachsenen, weil das Nervensystem nicht ausgereift ist." Zudem sei das Risiko einer Überdosierung bei Unter-Dreijährigen höher und wie bei allen Mitteln, die die sogenannte Blut-Hirn-Schranke passieren, führe längere Anwendung zur Gewöhnung. "Die Mehrheit der Kollegen verschreibt diese Mittel nicht", ist Kahl überzeugt. "Wir wissen aber nicht, was sich die Eltern frei verkäuflich alles besorgen." Der Verbandssprecher fordert eine Rezeptpflicht für "alles, was sediert: Es ist zu gefährlich für Kinder."

Die Eltern, die Schlafmittel verlangen, seien oft nervlich am Limit, weiß der Arzt. "Die Kinder holen den Schlaf zwischendurch am Tag nach, ihnen fehlt nichts." Hilfe bräuchten nicht sie, sondern die Eltern. "Fast immer verbessert sich das Schlafproblem, wenn sich die Eltern ein paar Stunden Schlaf am Tag organisieren", sagt Kahl. "Sie sind entspannter und strahlen das auch aus."

Unrealistische Erwartung

Und das beruhigt die Kinder, sagt auch der Pariser Psychologe und Autor Stephan Valentin, der international zum Thema Schlaf arbeitet. "In westlichen Kulturen wie Deutschland wird viel Wert daraufgelegt, dass das Kind möglichst schnell alleine ein- und durchschläft", sagt Valentin. "Klappt es mit dem Schlafen nicht, glauben viele, dass etwas mit dem Kind nicht stimmt." Dahinter stecke eine unrealistische Erwartung: Dass Babys nicht durchschlafen und Hilfe beim Einschlafen brauchen, sei die Regel. "Seit jeher in allen Kulturen", sagt Valentin.

Vor allem, wenn die Eltern am nächsten Tag auf der Arbeit funktionieren müssen, sei das natürlich ein Problem. Einschlafen sei aber nicht nur für Kinder eine schwierige Sache, jeder entwickle ein eigenes Schlafritual, und "Babys brauchen dafür oft ihre Eltern", sagt Valentin. "Das sind aber Phasen." Ruhe und Abendroutinen helfen. "Schlafmittel lösen die Schlafprobleme nicht", sagt Valentin "Ohne die Betäubung sind sie ja wieder da." Außerdem verlerne der Organismus so, Schlaf selbst aktiv herbeizuführen.

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 13. Dezember 2016, 16:13 Uhr


Nächtliche Unruhe kann durchaus hausgemacht sein. Wer sofort springt, wenn das Baby im Halbschlaf piep sagt, Licht einschaltet, es aus dem Bettchen nimmt usw., braucht sich nicht zu wundern, wenn das zur Gewohnheit wird.
Ich erzähle immer gern die Geschichte meines Neffen. Da lief es nämlich genauso ab. Im "Endstadium" war es dann so: Kind brüllte los, Mutter sprang auf, machte Licht, holte Kind aus dem Bett, rief nach meinem Bruder "Mach mal bitte ein Fläschchen mit Tee, er hat Durst". Später: "Er will keinen Tee, mach doch bitte mal das Milchfläschchen". Noch später: "Anscheinend hat er Hunger, mach ihm doch mal einen Brei." Brei wollte das Kind auch nicht, also mußte mein Bruder es mit in sein Bett nehmen, weil die Mutter ihren Schlaf brauchte.
Als das Kind schon sprechen konnte und immer noch jede Nacht Aufmerksamkeit verlangte, mußte meine Schwägerin sich einer OP unterziehen. Mein Bruder erklärte seinem Sohn, daß er sehr fest schläft und ihn vielleicht nicht hört. "Wenn was ist, kommst du einfach zu mir und weckst mich". Er wurde keine Nacht gestört - solange seine Frau weg war. Danach ging es wieder los.
Ihr schüttelt den Kopf? Ja, das haben wir auch getan, mit der ganzen Verwandt- und Bekanntschaft. Die ganze "Liebe", mit der das Kind überschüttet wurde, hat ihm übrigens nichts genutzt. Er war später ziemlich lebensuntauglich, hat mehrere Ausbildungen abgebrochen und ist haarscharf am Knast vorbeigerutscht. Jetzt, mit 30, scheint er sich gefangen zu haben.
Das zweite Kind hat zum Glück freiwillig durchgeschlafen und mein Bruder ist seit paar Jahren glücklich geschieden.
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