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Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin-Moabit
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Religion mit Vernunft und Logik verstehen

11. August 2017

Ibn Rushd war Philosoph, Mediziner und Jurist im muslimischen Andalusien des 12. Jahrhunderts. Den Konservativen war er ein Dorn im Auge. Die neue liberale Moschee in Berlin trägt seinen Namen - und auch sie wird von Konservativen abgelehnt.

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Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin-Moabit

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Frankfurt a.M. (epd). Das muslimische Spanien. Andalusien. Genauer gesagt Córdoba. Dort erblickt Ibn Rushd 1126 das Licht der Welt als Sohn und Enkel von Juristen. Er selbst wird später auch Richter, Mediziner und Philosoph. Unter dem Namen Averroës wird er im Westen bekannt und dort meist nur als "der Kommentator" bezeichnet. Denn durch seine Kommentare zu Aristoteles' Schriften lernt das europäische Mittelalter ihn und eben jenen griechischen Philosophen kennen. Etwas mehr als 700 Jahre nach seiner Geburt heißt eine Moschee in Berlin so wie er: Die liberale Ibn Rushd-Goethe Moschee. Dort dürfen Frauen und Männer, Sunniten, Schiiten und Aleviten gemeinsam beten.

"Averroës ist ein bedeutender Philosoph und Gelehrter", sagt Abdel-Hakim Ourghi, der wie Frauenrechtlerin und Anwältin Seyran Ates zu den Gründern der Moschee in Berlin-Moabit gehört. Er sei "eine zentrale Figur, um den Islam anhand auch seiner Ideen zu reformieren". Die Moschee sei nach ihm benannt, "weil er für uns eine so wichtige Persönlichkeit als Vertreter eines humanistischen Islam" sei, betont der Islamwissenschaftler der Pädagogischen Hochschule Freiburg. In seinen Texten hat sich Averroës laut Ourghi auch für weibliche Imame ausgesprochen - so wie man sie auch in der Ibn Rushd-Goethe Moschee findet.

In die Verbannung gedrängt

Der konservative Islam habe Ibn Rushds Lehre allerdings bekämpft und seine Bücher verbrannt: Ende des 12. Jahrhundert drängten Strenggläubige ihn in die Verbannung. Der konservative Islam habe sich durchgesetzt, betont Ourghi. Dieser betrachte die Anwendung der Vernunft, eines der Kernthemen von Ibn Rushd, als Unglaube.

Einer solchen Einordnung stimmt der französische politische Philosoph Makram Abbes zu. In Saudi-Arabien toleriere die Gesellschaft beispielsweise keine Philosophen, sie gälten als Häretiker, erklärt der Professor der École Normale Supérieure in Lyon. Allerdings war aus seiner Sicht die Ungnade, in die Averroës fiel, vor allem ein Politikum.

"Man muss das Geschehen in den globalen Kontext der Beziehungen zwischen Intellektuellen und Herrschenden im Mittelalter einordnen", betont Abbes. Die Herrschenden hätten seit dem achten Jahrhundert immer wieder Poeten, Philosophen und Juristen in Ungnade fallenlassen, sie verfolgt und eingesperrt.

Rehabilitation kurz vor dem Tod

Während Averroës zu Beginn seiner Karriere Unterstützung hatte, Richter und Hofarzt des Kalifen wurde, änderte sich das mit einem Wechsel in der Führungsspitze. Die Anhänger eines anderen Gelehrten setzten sich politisch durch. Ibn Rushd habe sich plötzlich in einer Minderheitsposition wiedergefunden. Erst kurz vor seinem Tod 1198 wurde er rehabilitiert.

Für den Philosophieprofessor Andreas Speer von der Uni Köln steht Averroës für eine Tradition, "die von der Antike fast bis ins 18. Jahrhundert dauert, in der Philosophie und Wissenschaft ein- und dasselbe ist". "Die philosophische Vernunft ist zugleich die wissenschaftliche Vernunft, das heißt: eine Vernunft, die nach Gründen fragt für Sätze, für Behauptungen, die wir aufstellen", erklärt der Leiter des Thomas-Instituts. Ibn Rushds wichtige philosophische Themen seien Erkenntnis, Intellekt und Psychologie. Die Vernunft habe für ihn alles bedeutet.

Bilder für die Massen

Die Welt und auch die Religion ließen sich für Averroës durch die Vernunft erschließen, erläutert Speer. "Dass Religion oder das göttliche Gesetz etwas sind, was sich dem Verständnis durch die Vernunft entzieht, das ist im Grunde genommen für Averroës intellektuelle Faulheit."

In seinem Werk "Maßgebliche Abhandlung" (Fasle al-maqâl) setzt sich Ibn Rushd mit Philosophie und Religion auseinander. Mit Bezug auf den Koran erklärt er, dass jeder auf seine Art religiöses Wissen, religiöse Erkenntnis erlangen könne. So könne nicht jeder auf die gleiche Weise wie die Philosophen die Vernunft nutzen. Für die Massen seien Symbole und Bilder zum Verständnis nötig. Deswegen sei es falsch, wenn Theologen manche Interpretationen an alle weitergäben. Das führe aufgrund des mangelnden Verständnisses zu Hass gegen andere.

Drohungen gegen Rushd-Moschee

Hass und Todesdrohungen schlagen auch der liberalen Moschee in Berlin und ihren Gründern entgegen. Denn sie steht für einen säkularen, liberalen Islam und grenzt sich damit von den Moscheen der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) ab, die von der staatlich-türkischen Religionsbehörde gesteuert werden.

"Wir möchten uns nicht mit Ibn Rushd vergleichen", erklärt Islamwissenschaftler Ourghi. Aber die negativen Reaktionen der Religionsbehörde Diyanet in Ankara oder der Fatwa-Behörde in Kairo auf die Berliner Moschee seien schon bezeichnend, sagt er: Sie lehnten Menschen ab, die versuchten, ihre Religion mit den westlichen und humanistischen Werten zu vereinbaren.

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