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Pro und Kontra: Sollte man Bettlern Geld geben?

27. März 2017

Mit den wärmeren Temperaturen im Frühling kommen immer mehr Menschen in die Innenstädte, um zu betteln. Dazu zählen vielerorts bandenmäßig organisierte Bettler, die auch Kleinkinder als Lockmittel einsetzen oder Behinderungen vortäuschen. Viele Menschen sind daher verunsichert, ob sie Bettlern Geld geben sollen oder nicht. Was spricht dafür, was dagegen?

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Bremen, Siegen (epd). Das Pro und Kontra zum Thema:

PRO

Der Bremer Obdachlosen-Seelsorger Harald Schröder wirbt dafür, sich in die Situation der Bettler hineinzudenken. Auch er nennt aggressives bandenmäßiges Betteln "schwierig". Doch die meisten Bettler bitten nach seinen Erfahrungen still um eine Spende. "Und auch nicht jeder Osteuropäer ist einer Bande angeschlossen." Für einen erheblichen Teil der Bettler sei die "Sitzung" die einzige Einnahmequelle. "Dass es genügend staatliche, kirchliche oder sonstige Hilfsangebote gibt, das stimmt schon lange nicht mehr." Eine Arbeit, die zudem mit erheblicher Überwindung verbunden sei: "Du machst dich seelisch nackt."

Schröder ermutigt dazu, kurz stehen zu bleiben und mit Bettelnden auf Augenhöhe zu sprechen, ohne oben und unten. Das sei wichtig für die Menschen, die auf der Straße hockten und signalisiere ihnen: "Ich sehe Dich. Hören Sie zu, wenn es Ihre Zeit erlaubt, zugleich dürfen Sie emotionale Distanz wahren."

Ein ehrliches Wort sei wichtiger als Geld, das aber auch ein Symbol der Zuwendung sei. Trotzdem: "Sie dürfen ohne schlechtes Gewissen Nein sagen." Die Unsicherheit, ob die Hilfe wirklich sinnvoll sei, lasse sich nie ganz ausräumen. Und doch sagt Schröder: "Vorzuschreiben, wozu das Geld verwendet wird, dazu habe ich kein recht. Auch wenn der Mensch vor mir in einer Notlage ist, sollte man im Bettler keinen 'Fall von Bedürftigkeit' sehen. Vor uns sitzt ein Mensch."

Der Seelsorger hat eine Erklärung dafür, warum manche Menschen Bettlern mit einem unguten Gefühl begegnen. "Bettler stören durch ihre körperlich sichtbare Präsenz der Armut inmitten der Konsum- und Kapitalwelt. Bettler stören den schönen Schein der Innenstädte, die immer wieder neu die Illusion der Teilhabe aller durch Konsum verkaufen. Bettler offenbaren Armut. Deshalb gilt für mich: Geben erlaubt."

KONTRA

Heilsarmee-Major Alfred Preuß vertritt eine andere Position und ist dagegen, Bettlern Geld zu geben. Wer das tue, werde seiner sozialen Verantwortung nicht gerecht. "Durch Almosen sorgen wir dafür, dass Menschen in ihrer prekären Situation bleiben, dass sie auf der Stufe des Bittenden und Bettelnden gehalten werden", meint der Leiter der Heilsarmee-Gemeinde im nordrhein-westfälischen Siegen. Und: "Das Geld wandert oft in Drogen-, Alkohol- oder Spielsucht."

Besonders problematisch findet Preuß das in Banden organisierte Betteln: "Da werden beispielsweise Kinder regelrecht abgerichtet, um Geld zu erbetteln. Es gibt Berichte, nach denen das eingenommene Geld in kriminelle Hände geht. Den Bettlern selbst hilft es nicht - das ist menschenverachtend und ausbeuterisch."

Zwar habe er schon mit Lebensmittelpaketen geholfen, wenn er an der Tür darum gebeten worden sei. "Als Erste Hilfe. Aber das war dann immer mit einer Einladung in unser Begegnungscafé verbunden, wo die Chance besteht, den Ursachen der Not auf den Grund zu gehen und gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen, damit die Menschen wieder auf eigenen Füßen stehen können, beispielsweise mit einer Schuldnerberatung."

"Der Euro jedenfalls reicht nicht, das belegte Brötchen, das Lebensmittelpaket und der Fahrschein auch nicht, wenn wir die Augen vor der Not verschließen, die sich hinter der Frage nach dem Euro verbirgt", meint Preuß und betont: "Deshalb ist meine Überzeugung: Almosen nein - Helfen ja."

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Leser-Kommentare öffnen

Paperback, 28. März 2017, 10:05 Uhr


Ja. In der Regel gebe ich, wobei ich gerne Naturalien gebe, in dem ich etwa einem solchen Menschen ein Frühstück, etwas Essbares spendiere. Vor meinem Einkaufszentrum treffe
ich auf solche Menschen und da bietet es sich an, sie zu einem kleinen Mahl einzuladen. In der Regel nehmen sie das an.
Ich erinnere mich dabei gerne an Ekkehard, einen Gemeindepfarrer aus meinen jungen Jahren, der bei einem gegenüberliegenden Gaststätten-Betreiber Essensmarken erwarb. Kam einer der Tippelbrüder, bekam er eine solche Marke und konnte sich dann beim Wirt gegenüber ein Tagesmenü bestellen einschließlich eines Kaffees oder eines Biers.
Ich studierte damals gerne in der umfangreichen Bibliothek unseres Pfarrers. Ließ er mich dann alleine, lag immer eine Rolle Essensmarken auf seinem Schreibtisch, die die anklopfenden Tippelbrüder dann beim Wirt einlösen konnten.
In der dieser Zeit kamen so in manchen Monaten durchaus mal zwei, dreihundert DM zusammen.
Ekkehard ist schon lange tot, aber diese spendable Haltung ist mir noch immer in Erinnerung geblieben.
System verändernd sind solche Gaben sicher nicht. Aber sie helfen konkret und mildern Not.

Paperback
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Atlantica, 28. März 2017, 10:38 Uhr


Das ist ein schönes Beispiel, Paperback. So sollte es laufen. - Nur leider gibt es heute viele Drogenabhängige, denen man nicht ohne weiteres helfen kann.
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Paperback, 28. März 2017, 13:10 Uhr


Atlantica, ja die gibt es auch, wie es auch Menschen gibt, die ihre ganz individuellen Strategien entwickelt haben, an das Geld anderer Menschen zu kommen.
Unabhängig davon aber, finden sich im ganz normalen Alltag immer wieder Gelegenheiten, anderen Menschen hilfreich unter die Arme zu greifen.
Ich erwähne wieder ein Beispiel aus meiner Vergangenheit. In meiner Volkschule gab es in den 50iger Jahren einen Mitschüler, der das Geld für die damals angebotene Schulmilch nicht aufbringen konnte.
Ich berichtete darüber zuhause. Meine Eltern zögerten nicht, drückten mir das Geld in die Hand und mein Mitschüler bekam seine Frühstückmilch oder seinen Kakao.
Mutter tat noch ein Weiteres. Sie schmierte morgens zusätzliche Schulbrote. Meine Eltern betrieben eine kleine Landwirtschaft und so erhielt mein Mitschüler mit Schinken, Wurst oder auch Käse belegte Butterbrote.
Bald wird Mutter 90, und noch letzten Winter zog sie mit einigen Seniorinnen in einen benachbarten Park, wo sich morgens oft Tippelbrüder aufhalten und die Damen verteilten Butterbrote, selbstgestrickte Socken, warme Schals und heißen Kaffee.
Wieder nur ein Tropfen auf den heißen Stein und dennoch für die Betroffenen wahrscheinlich eine wichtige Überlebenshilfe.
Manchmal beginnen ganz große Dinge ganz klein.

Paperback
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Atlantica, 28. März 2017, 20:59 Uhr


Was ist aus dem Mitschüler geworden, lieber Paperback?
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Paperback, 28. März 2017, 22:52 Uhr


Hallo Atlantica,

die Geschichte spielte sich in den 50iger Jahren des letzten Jahrhunderts ab. So alt bin ich schon:-)
Ich weiß aber, dass es damals ein Gespräch zwischen meinem Vater und seinem Freund gab, der dann wohl seine zweite Frau und Stiefmutter des Mitschülers zur Rede stellte.
Mein Mitschüler bekam sein Geld für die Schulmilch und wurde auch mit den Schulbroten versorgt.
Ich selbst verließ ja die Volksschule nach vier Jahren und hatte später nur noch sporadischen Kontakt zu meinen ehemaligen Mitschülern, zumal ich die Gymnasialzeit als Fahrschüler verbrachte.
Gruß

Paperback
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Atlantica, 29. März 2017, 19:44 Uhr


Paperback, vielen Dank für den ausf. Erfahrungsbericht. Beeindruckend, wie leicht und selbstverständlich man Hilfe leisten kann. Wenn man nur will.

Gruß.

Atl.
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