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«Mit dieser Kirche will ich nicht leben»

7. Oktober 2016

Kirchenkritiker Drewermann füllt bei Kirchen- und Katholikentagen immer noch Säle. Vor 25 Jahren entzog Erzbischof Degenhardt ihm die Lehrbefugnis - damit wurde Drewermann bekannt. Heute sagt er, er habe nichts von seinem Widerspruch zurückzunehmen.

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Eugen Drewermann

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Frankfurt a.M. (epd). Er war sich seiner Sache sicher und konnte von da an nicht mehr zurück: Als dem Theologen, Priester und Psychoanalytiker Eugen Drewermann am 8. Oktober 1991 die katholische Lehrbefugnis entzogen wurde, war das die erste Sanktion in einer langen, öffentlichen Auseinandersetzung.

Mit seinem Buch "Kleriker - Psychogramm eines Ideals" hatte Drewermann sich spätestens 1989 bei der Amtskirche unbeliebt gemacht. Darin legte er aufgrund seiner Erfahrungen als Psychotherapeut dar, wie die Kirche ihre Priester krank mache. Auch mit der offiziellen katholischen Lehre geriet er in Dissens: An das leere Grab Jesu wolle er nicht glauben, auch nicht an die physikalische Himmelfahrt Jesu oder die biologisch verstandene Jungfrauengeburt.

Der Entzug der Lehrbefugnis war erst der Anfang: Im Januar 1992 entzog ihm der Paderborner Erzbischof Franz Josef Degenhardt auch die Predigterlaubnis. Unter diesen Bedingungen wollte Drewermann das Priesteramt nicht weiter ausüben, wie er sagt. Ein priesterlicher Mensch im Sinne Jesu zu sein, erklärte er in einem Offenen Brief, bedürfe ohnehin nicht der bischöflichen Genehmigungspflicht. Degenhardt suspendierte ihn.

Kirche steht sich selbst im Weg

Diese ganze Auseinandersetzung, so urteilt Drewermann heute, habe ihm geholfen, klarer zu sehen: "Mit dieser Verfassung in der Kirche soll ich nicht leben. Daraus wurde: Will ich auch nicht leben." 2005 trat Drewermann schließlich aus der Kirche aus und nannte das ein "Geschenk der Freiheit" zu seinem 65. Geburtstag.

Paul Zulehner, katholischer österreichischer Theologe und Priester, hat heute kein Problem damit, öffentlich seine Wertschätzung für den Kirchenkritiker zu bekunden. Er bedauert die Verurteilung genauso wie Drewermanns Austritt aus der Kirche: "Ausschluss und Austritt sind keine guten theologischen Argumente. Sie bringen den Diskurs nicht voran, sondern erschweren ihn."

Auch Martin Bräuer, stellvertretender Leiter des evangelischen Konfessionskundlichen Instituts in Bensheim und Catholica-Referent, hat der Disput als "theologischen Jüngling" umgetrieben: "Wir haben darüber diskutiert, dass man mit Leuten, die etwas quer denken, nicht so umgehen kann, sondern dass man diese Fragen ernst nehmen und zumindest sachlich diskutieren muss."

Dennoch sei auf evangelischer Seite eher Kritik geübt worden: Drewermann projiziere sein tiefenpsychologisches Jesusbild in die Bibel hinein, kritisierte etwa der evangelische Theologe Gerd Lüdemann, der später selbst in Konflikte mit der evangelischen Kirche kommen sollte - wegen Leugnung der Auferstehung.

Wie geht es Drewermann heute, wenn er zurückdenkt? Er schweigt lange. Dann antwortet er in den für ihn typischen druckreifen Sätzen, konzentriert, in seiner eigenen Sprachmelodie: "Mir tut leid, dass die Kirche auf Fragestellungen, die zur Vermittlung der Botschaft Jesu überaus wichtig sind, in einer Art dogmatisch verfestigt antwortet, dass sie sich sehr im Wege steht. Der Widerspruch dagegen ist absolut notwendig, davon habe ich nicht den Zentimeter zurückzunehmen."

Brücken bauen wollte er denjenigen, die von der Moraltheologie als gescheitert definiert worden seien wie den wiederverheirateten Geschiedenen oder Priestern, die das Zölibat brachen. Zwar sei es gut gemeint, wenn Papst Franziskus von Barmherzigkeit ihnen gegenüber spreche. "Aber es ist sachlich falsch: Wenn jemandem was zu vergeben wäre, dann wäre das der Kirche. Die Kirche ist gescheitert, nicht die Menschen."

Und das Streitthema Auferstehung? "Ich sehne mich nach Menschen, die eine Hoffnung haben angesichts des Todes", sagt Drewermann. Mehrfach hat er geschrieben, er glaube an die Auferstehung - nicht aber daran, dass das Grab Jesu physisch leer gewesen sei. Die Erzählungen des Neuen Testaments als historisch im Sinne von harten Fakten auszulegen, "das treibt die Zwölfjährigen in den Atheismus".

Erst eigenes Amt abschaffen

Was sein Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche betrifft, ist Drewermann heute "jenseits von Trauer und Bedauern". Nach wie vor will er den Menschen helfen, mit denen er Woche für Woche psychotherapeutische Gespräche führt.

Drewermann wohnt in einer kleinen Wohnung in Paderborn, die voller Bücher ist. Die Themen seiner Werke und Vorträge reichen über theologische Auslegungen und tiefenpsychologische Deutungen biblischer Erzählungen und Märchen bis zu Tierschutz und Friedenspolitik. Seine Grundthemen: Angst und Vertrauen.

Zurzeit schreibt er am zweiten Band von "Geld, Gesellschaft und Gewalt", der wohl Weihnachten fertig sein werde. "Damit hätte ich den Umkreis der für mich aktuellen Fragen abgearbeitet", sagt er. Sich noch in weitere Themen gründlich genug einzuarbeiten, traue er sich nicht mehr recht zu: "Ich bin schließlich schon 76."

Nach einer Stunde Gespräch hat Drewermann auf jede Frage ausführlich geantwortet, aus literarischen Werken rezitiert und zwischendurch leise gelacht. Nun hat er seinen Kaffee ausgetrunken, verabschiedet sich und geht zielstrebig zum Telefon in der Lobby des Hotels, das ihm als Empfangsraum, Telefonzelle und zum Versenden von Faxen dient.

Dort müsste Papst Franziskus ihn anrufen und ihn um seinen Beitrag für die Entwicklung von Theologie und Pastoral bitten - das wünscht sich jedenfalls der katholische Priester und Theologe Zulehner. Eine schöne Idee, allerdings: Drewermann würde Franziskus dann wohl zuallererst nahelegen, doch bitte sein eigenes Amt abzuschaffen.

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Leser-Kommentare öffnen

Paperback, 10. Oktober 2016, 8:53 Uhr


Vielleicht nehmen unsere evangelischen Repräsentanten mal ernst, was Herr Drewermann zu Protokoll gibt, denn in einigen Bereichen der Evangelischen Kirche kann man den Eindruck gewinnen, man befinde sich auf dem Rückweg in den Schoß der Mutter aller Kirchen.

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Atlantica, 10. Oktober 2016, 9:09 Uhr


Eugen Drewermann kann man als Repräsentant der sozialen Bewegung verstehen. Er steht in der Tradition der Friedensbewegung und schart auch deren Nachfolger/innen um sich. Es gibt wohl auch viele Sympathisanten im kirchlichen Bereich. Dabei wird eine grundlegende Schwierigkeit vielleicht nicht übersehen, aber auch nicht diskutiert: auf der einen Seite soll das Christentum, wenn nicht traditionell, dann eben erneuert (das ist so wie bei den Reformatoren: ethischer Anspruch) bewahrt und weitergeführt werden. Andererseits besteht ein Gegensatz zwischen Kirche und Glaube. Das kann in der realen Welt nicht funktionieren.
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Paperback, 10. Oktober 2016, 9:46 Uhr


Atlantica,

Du schreibst:

" Andererseits besteht ein Gegensatz zwischen Kirche und Glaube. Das kann in der realen Welt nicht funktionieren."

Wenn die Kirchen, und das sind letztlich wir selbst und alle, den Glauben, den sie verkünden ernst nähmen, dann sähe es mit der Überzeugungskraft der Botschaft Jesu anders aus.
Für mich bleibt Drewermann, dessen entscheidende Werke in meiner Bibliothek stehen, ein Stein des Anstoßes und das nicht nur für seine, wenn sie es denn noch ist, sondern auch für unsere Kirche.
Hier in meiner kleinen Stadt läuft gerade wieder eine öffentlich geführte Debatte. Viele Menschen vor allem aus den ev. und katholischen Kirchengemeinden engagieren sich in der Flüchtlingsarbeit. Vor einigen Tagen nun lese ich mit Erstaunen einen großaufgemachten Artikel, in dem Sprecher der ev. und kath. Gemeinden ein Betreuungsangebot für Flüchtlingshelfer machen, weil es - so der Tenor - vielen der Helfer an der inneren Distanz zu ihrer Arbeit und zu den Migranten fehle.
Ich halte das für sehr zwiespältig. Erst trommelte man und hob diese Aufgabe auf den Schild, um nun einen Rückzug einzuleiten.
Ja, Bekenntnisse brauchen der Konkretion, um glaubhaft zu bleiben.
Das aber ist anstrengend und fordert uns.
Manche überfordert das auch. Aber, und da halte ich dagegen, sie haben auch mit Vehemenz dafür gesorgt, dass sie das Privileg für diese Arbeit behielten.
Drewermann, das halte ich ihm zugute, geht eben auch in die Niederungen und bleibt nicht nur auf dem Podest.
Insofern ist er für mich sehr überzeugend.

Paperback
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Atlantica, 10. Oktober 2016, 10:10 Uhr


Lieber Paperback, du predigst, wenn du schreibst, "Wenn die Kirchen, und das sind letztlich wir selbst und alle, den Glauben, den sie verkünden ernst nähmen, dann sähe es mit der Überzeugungskraft der Botschaft Jesu anders aus". Damit stößt du deine Mit-Christen vor den Kopf: ich empfinde es als Zeitverschwendung. Als Christ muss man sogar Auffassungen, die man komplett ablehnt, etwa Evangelikale, tolerieren. Die Selbst-Verleugnung Jesu, diese Forderung geht so weit, ja!
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Paperback, 10. Oktober 2016, 12:00 Uhr


Atlantica,

Du schreibst: "Damit stößt du deine Mit-Christen vor den Kopf: ich empfinde es als Zeitverschwendung. Als Christ muss man sogar Auffassungen, die man komplett ablehnt, etwa Evangelikale, tolerieren. Die Selbst-Verleugnung Jesu, diese Forderung geht so weit, ja!"

Sorry, mein Lieber, aber das empfinde ich als "Wischi-Waschi" Christentum und so beliebig, dass es die Quintessenz unseres Glaubens unkenntlich macht.

Und ich verstehe da Jesus auch anders als Du offenbar. (Siehe Bergpredigt).

Psychologisch betrachtet, forderst Du von mir die Selbstaufgabe, eine Haltung, die mir nun gerade in kirchlichem Umfeld kaum begegnet. Und wenn, dann geschieht das in der Regel, damit das eigene Licht noch stärker leuchtet.

Diese Erfahrung musste ich schon als Jugendlicher im damaligen pietistischen Umfeld machen. Unser einer wurde immer zur Demut aufgefordert, und dann standen uns diejenigen gegenüber, die vom hohen Ross predigten, als sitze ihnen der Allmächtige selbst im Ohr.

Ich bin irgendwann nicht in der Psychiatrie gelandet, weil mich der Wahn gepackt hatte, sondern, weil nicht nur ich, sondern vor allem auch andere mein Selbst-Bewusstsein so reduziert hatten, dass ich mich um ein Haar um das Leben gebracht hätte.

Der Gedanke von Gottes-Ebenbildlichkeit des Menschen steht für mich gegen eine Kriecher-Mentalität und dagegen, dass andere Menschen eine ihnen nicht zukommende Herrschaft über mich ausüben.

Das steht Gott zu, niemanden sonst.

Danke für Deinen Beitrag.

Paperback

Atlantica, 10. Oktober 2016, 13:23 Uhr


Sorry, Paperback. Da kennst du mich nicht: niemand ist gezwungen, Christ zu sein!

Atlantica, 10. Oktober 2016, 13:27 Uhr


Ich finde Eugen Drewermann auch gut. Aber: in letzter Konsequenz geht es doch um die Frage - wollen wir Christen sein? DIESE Frage kann ED nicht befriedigend beantworten. Er lässt sie einfach offen.
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Ulrich Keßler, 10. Oktober 2016, 12:56 Uhr


Lieber Paperback, ich zitiere nur:
"Unser einer wurde immer zur Demut aufgefordert, und dann standen uns diejenigen gegenüber, die vom hohen Ross predigten, als sitze ihnen der Allmächtige selbst im Ohr."
"Der Gedanke von (der) Gottes-Ebenbildlichkeit des Menschen steht für mich gegen eine Kriecher-Mentalität und dagegen, dass andere Menschen eine ihnen nicht zukommende Herrschaft über mich ausüben."
Beides treffend und schön gesagt! Dazu auch mal ein "Danke" von mir!
Es lebe "der aufrechte Gang" - frei nach Jesus: "Steh auf und geh!"
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Paperback, 10. Oktober 2016, 14:16 Uhr


Lieber Ulrich Keßler,

Ihre Antwort hat mir gut getan, und schon länger lebe ich diesen aufrechten Gang, wobei mir gleichwohl bewusst ist, dass ich damit nicht nur auf Gegenliebe stoße, mich selbst aber im Spiegel sehen kann.

Und das ist allemal ein erfüllender Zustand.

Danke nochmals:-)

Paperback
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Atlantica, 10. Oktober 2016, 15:39 Uhr


Das verstehe ich jetzt ganz und gar nicht: braucht man Eugen Drewermann, um in den Spiegel schauen zu können? ED ist ein Kirchen-Kritiker. Gute konstruktive Kritik tut not und ist etwas wert. Nur man darf nicht bei der Kritik stehenbleiben. Auf die Frage nach der Auferstehung habe ich allerdings auch keine Antwort. Für mich ist das "einfach" ein Synonym für Gott. Die Kritik des Wunderglaubens finde ich sehr wichtig. Und doch, ich würde auch Evangelikalen ihr Christsein nicht absprechen. Gefühlsduselei und Vergötzung des Verstandes sind mir zuwider.
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Atlantica, 10. Oktober 2016, 17:18 Uhr


Ich habe bei den, ich nenne sie jetzt einmal, "sozialen" Christen irgendwie immer das Gefühl, dass Themen wie Auferstehung und Wunder, also zentrale christliche Themen, sie nicht interessieren, dass sie immer "nur" (was ja sehr wichtig ist), Gerechtigkeits-Aspekte betonen. Andererseits sehe ich dann wieder gerade hier eine fast überfromme Wertschätzung der Bibel. Für mich bis heute sehr rätselhaft.
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Paperback, 10. Oktober 2016, 18:32 Uhr


Das siehst Du ganz richtig, Atlantica. Auf der einen Seite finden sich die Bekenner, die nicht müde werden, die Bibel rauf und runter zu beten, bei denen es aber mangelt, wenn es darum geht, praktische Nächstenliebe zu üben. (siehe das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter).
Dann gibt es diejenigen, die sich gegen alle möglichen Ungerechtigkeiten der Welt wenden, denen aber andere Fragen des Glaubens regelrecht schnuppe sind.
Ich gehörte mal zu einer Gemeinde, saß dort sogar eine kurze Zeit im Presbyterium, in der es um die Aufrüstung, um Fragen der Dritten Welt ging, während Glaubensfragen kaum eine Rolle spielten.
Als ich das ansprach, deutete man mir, es werde wohl schwer für mich, in der Gemeinde Verbündete zu finden.
So war es dann auch und ich trat aus dem Presbyterium aus.
Für mich ist heute Integration das Thema, Integration beider Aspekte, der Glaube und das Tun.
Ich kann beten und ich kann handeln. Mein damals schon alter Pfarrer gab mir folgenden Konfirmationsspruch mit auf meinen Lebensweg:
"Ich will mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen. Sei getrost und unverzagt."
(Jos. 1, V.5u.6)
Nicht immer gelingt es mir, diese Gewissheit zu vergegenwärtigen, aber sie wird mir immer wichtiger. Und da gab es vor einigen Jahren Stunden tiefster Verlassenheit, abgrundtiefer Hoffnungslosigkeit. Depression pur.
Als ich dann in der Klinik landete, geschützt vor meinen eigenen Abgründen, da kam mir bald das Bewusstsein, dass da Gott seine Hände im Spiel gehabt hatte.
Ich fühlte mich in der Tat geborgen.
Und so kann ich heute noch beten, zweifelnd manchmal und verzagt, aber da bleibt immer die Hoffnung, dass Er mich hört.
Sorry, wenn das jetzt sehr persönlich war, aber von Dingen des Glaubens kann ich nicht theoretisch reden oder schreiben, da bin ich selbst mitten drin, mit meiner ganzen Existenz.
Sei gegrüßt!

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