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Bundesanwaltschaft übernimmt Ermittlungen im Fall Würzburg

20. Juli 2016

Das blutige Attentat in Würzburg war nach der Bewertung der Bundesregierung die Tat eines Einzeltäters, der vom IS aufgestachelt wurde. Ob er sogar Mitglied der Terrorgruppe war und es Hintermänner gibt, soll die Bundesanwaltschaft klären.

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Berlin (epd). Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen zum Axt-Attentat in der Nähe von Würzburg übernommen. Es gebe den Verdacht, dass der Attentäter den Angriff als Mitglied der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) zielgerichtet begangen habe, teilte der Generalbundesanwalt am Mittwoch in Karlsruhe mit. Geprüft werde daher auch, ob es weitere Tatbeteiligte oder Hintermänner gibt. Konkrete Anzeichen dafür liegen bislang laut Bundesregierung aber nicht vor. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte am Mittwoch in Berlin, vieles deute darauf hin, dass es sich um einen Einzeltäter handele, der durch IS-Propaganda angestachelt wurde.

Hinweise auf eine Anordnung des IS gebe es im Würzburger Fall nicht, sagte de Maizière. Er bezeichnete den Anschlag als Tat "zwischen Amoklauf und Terror". Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft sagte, im Würzburger Fall sei es formell nötig gewesen, das Verfahren nach Karlsruhe zu ziehen. Während für Strafermittlungen in aller Regel die Justizbehörden der Länder zuständig sind, wird in bestimmten Fällen, dazu gehört ein Terrorverdacht, der Generalbundesanwalt eingeschaltet.

Zweifel an Alter und Herkunft

Innenminister de Maizière bestätigte, dass beim Attentäter eine Art Abschiedsbrief an den Vater gefunden worden sei, in dem von Rache an Ungläubigen die Rede gewesen sein soll. Zudem stuften die Behörden ein Internetvideo, in dem sich der Angreifer zum IS bekennt, als authentisch ein. Experten sähen es als "klassisches Video eines Selbstmordattentäters", sagte de Maizière.

Der Attentäter hatte am Montagabend in einem Regionalzug bei Würzburg Fahrgäste mit einer Axt attackiert. Mehrere Menschen wurden verletzt, mindestens drei davon lebensgefährlich. Der Angreifer, der 2015 bei deutschen Behörden als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aus Afghanistan um Asyl bat, wurde von Sondereinsatzkräften erschossen.

Inzwischen gibt es Zweifel daran, ob der Attentäter wirklich erst 17 Jahre alt war und aus Afghanistan kam. Medienberichten zufolge könnte er auch aus Pakistan stammen. De Maizière berichtete dagegen von Indizien, die gegen diese These sprechen. Unter anderem gebe es einen Antrag auf Familienzusammenführung, der sich auf Afghanistan beziehe.

De Maizière will mehr Sicherheitsmaßnahmen

Der Angreifer lebte zuletzt bei einer deutschen Pflegefamilie. Vor diesem Hintergrund bat de Maizière alle in der Flüchtlingshilfe engagierten Ehrenamtlichen, sich von der Würzburger Tat nicht erschüttern zu lassen. Die Arbeit sei wertvoll. "Bitte machen Sie weiter", sagte er. Auch der Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung, Peter Altmaier (CDU), warnte vor einem Generalverdacht gegen Flüchtlinge. Die Gefahr des Terrorismus sei nicht größer und nicht kleiner als in der übrigen Bevölkerung, sagte der Kanzleramtsminister am Dienstagabend im "Heute Journal" im ZDF.

De Maizière forderte nach dem Würzburger Gewaltakt mehr Sicherheitsmaßnahmen, unter anderem mehr Videoüberwachung und Polizei. Zudem betonte er die Bedeutung von Präventions- und Deradikalisierungsarbeit. Der Bund unterstützt dies unter anderem durch eine Beratungsstelle beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, an die sich Menschen wenden können, wenn sie Radikalisierungstendenzen beobachten.

Auch Betreuer unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge nutzen nach deren Angaben das Angebot. Im vergangenen Jahr seien knapp 70 Fälle, in denen sich hauptsächlich Jugendämter oder Jugendhilfeeinrichtungen an die Hotline gewandt haben, an ein Beratungsnetzwerk weitergegeben worden, teilte die Behörde auf Anfrage mit. Insgesamt nahm die Hotline vom Start im Januar 2012 bis Ende 2015 2.500 Anrufe entgegen.

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Leser-Kommentare öffnen

Paperback, 20. Juli 2016, 10:30 Uhr


Gerade dieses Ereignis hat das Potential, auch optimistische Zeitgenossen hinsichtlich der Flüchtlingsfrage in Opposition zur offiziell bekundeten Willkommenskultur zu bringen.
Der "Fall" zeigt, dass wir letztlich kaum wissen, wer da aus bestimmten Regionen zu uns kommt und auch letztlich nicht, woher jemand kommt.
Das stellt unsere - oft euphorisch - bekundete Willkommenskultur in Frage. Wenn dann Terror-Experten uns neuerdings wissen lassen, dass es zur Strategie des IS gehöre, Menschen einzuschleusen, die erkennbar nicht zur Terror-Organisation zählen, dann wird mir nicht nur flau im Magen, nein es wächst Angst.
Ich erlebe mich, wie ich mich umsehe, wenn mir da fremde Menschen begegnen, ja auch bewusst Abstand halte. Das kannte ich bisher noch nicht.
Es hat sich mehr verändert, denke ich, als wir alle wahrhaben wollen und für möglich hielten.

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oberschwester, 20. Juli 2016, 18:13 Uhr


Lieber Paperback,
dein Hinweis, Menschen, die du nicht kennst, nur noch mit Abstand zu begegnen, zeugt von einem Einigeln und Resignieren. Nein, grade wir Christen sollten unser Gegenüber freundlich und mit offenen Armen begegnen - sonst sind wir keine Christen mehr.
Und unserer Gartenzwerggesellschaft tut es gut, wenn Andere sie bunter machen.
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Paperback, 21. Juli 2016, 8:27 Uhr


Liebe Oberschwester,

jetzt aber: "Gartenzwerggesellschaft". Ich habe eine Jahrzehnte lange Erfahrung mit einer Multi-Kulti-Gesellschaft. Meine Arbeitswelt war nahezu ein Mini-Bild der UN.
Ich lasse mich gerne auf andere Menschen, andere Kulturen ein, nicht nur beim Essen. Aber ich möchte schon, dass man mir waffenlos und friedlich entgegentritt.
Ist das nicht halbwegs gesichert, greift der Selbstschutz, und der lautet für mich schlicht und einfach "Abstand" und "Vorsicht."

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Atlantica, 21. Juli 2016, 9:13 Uhr


Eine bemerkenswerte Diskussion. Hallo Paperback, du arbeitest selbst mit Flüchtlingen, hast gute Erfahrungen gemacht und setzt dich aktiv für die Inegration von Ausländern ein. Nun aber sagst du, dass dir manche Leute Angst machen und du dich unsicher fühlst. Du gehst auf Distanz. Nach dem gescheiterten Anschlag in einem Nahverkehrszug hatte ich jedesmal, wenn ich einen Tasche auf dem Gang im Zug sah, ohne dass ich diese gleich einem Besitzer zuordnen konnte, ein unsicheres Gefühl. Ich möchte damit sagen, die Gefühle sind nicht Entsprechungen realer Gefahren. Man sollte keine Angst haben. Auf der anderen Seite sprach der Bundesinnenminister wiederholt von einer andauernd ernsten Lage. Ja, es kann jederzeit etwas Schlimmes passieren. Aber deswegen können wir doch weiterhin auf Integration und Kommunikation setzen. Letztlich ist das doch ein Lebens- und Gemeinschaftsprinzip, das universell gelten soll. Insofern muss ich diesmal sogar Oberschwester beipflichten.
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Paperback, 21. Juli 2016, 9:24 Uhr


Morgen Atlantica,

Du schreibst:

"Eine bemerkenswerte Diskussion. Hallo Paperback, du arbeitest selbst mit Flüchtlingen, hast gute Erfahrungen gemacht und setzt dich aktiv für die Inegration von Ausländern ein. Nun aber sagst du, dass dir manche Leute Angst machen und du dich unsicher fühlst. Du gehst auf Distanz."

Mir scheint, Du hast einiges nicht mitbekommen. Aus der Migrantenarbeit bin ich schon vor einiger Zeit und grundsätzlich ausgestiegen, stieß ich dort doch auf - mir zwar nicht bekannte - Vorbehalte der Organisatoren. Ich könnte auch sagen, dass ich nach allen Regeln der Kunst ausgegrenzt wurde.

Inzwischen begegnen mir ehemalige "Schüler" (Migranten) als hätte ich die Pest am Hals. Wenn man so etwas erlebt, und dann noch solche Schreckensmeldungen hört, dann zieht man, hat man noch alle Sinne beisammen, seine Konsequenz.

Das ist bei mir geschehen, und ich habe, auch das sage ich, grundsätzlich die Seiten gewechselt.

Gruß

Paperback
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Atlantica, 21. Juli 2016, 19:15 Uhr


Seiten gewechselt? Sehr seltsam ist das. Aber ich respektiere deine Entscheidung, Paperback. Ja, nicht selten erweist sich ein Traum als Albtraum. Aber in diesem Fall hast du wohl überreagiert? Jedenfalls ist Angst kein guter Ratgeber. Was du schreibst, ist ja in der Regel gut überlegt und klug. Ich wies darauf an, wie uns unsere Gefühle in die Irre leiten. Nimm es, wie du meinst.
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